Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1846)
- Date
- 1846-01-15
- Page
- Seite 15 (sequence 5)
- Language
- German
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- 15 - offen und ohne Scheu ihre Gebrechen zeigt, und ihr Bewußtsein weckt, dann läßt sich unbedingt Besserung erwarten. Da nun an diesem Gebrechen so Viele in Israel kranken, so wird es hoffentlich auch für Anderwärts nicht ohne Nutzen sein, über den Inhalt dieser Predigt zu referiren. Auf den Vers aus der Tages-Haftora: ^rD nilötf 'n -)ön ^nrn DK im tihi basircud, zeigt Herr Dr. Geiger in einer leicht, aber meisterhaft hingeworfenen Skizze ans der jüdischen Geschichte, wie die Aufgabe des Judenthums nie eigentlich eine politischlokale, sondern eine geistige Welt ausnehmende sei. Dieser Charakter spricht sich auch in den jüdischen Festen uns, und so feiert das gegenwärtige keineswegs die Heldenthat in den Makkabäern, wohl aber das Wiedererheben der Religion, die durch den Drang der Verhältnisse in jener Zeit niedergedrückt war, waS höchst finnig, die Sage vom erlöschenden Lämpchen andeute. Hierauf ging der Redner auf eine seine Weise aus das, dieser Tage von den Genossen eines anderen. Glaubens gefeierte hohe Fest, die Geburt ihres Stifters über; sprach zwar anerkennend über den weltgeschicht'li- Wcrth desselben sich aus, wies aber dessen Nntzloffigkeit fürs Judenthum gänzlich nach; luvfc eiferte dann mit wahrer Begeisterung gegen den Mißbrauch , daß von Juden häufig die Weihen achten festlich begangen, ja sogar den Kindern einbescheert wnrdl Es wäre zu wünschen, — Schreiber dieses spricht den Wunsch Vieler ans, — daß die Predigt im Druck erscheine; [ftc würde gewiß in weiten Kreisen und mit Erfolg gelesen werden. Mancher und Manche schlugen betroffen die Angen nieder bei diesen Worten, welche hoffentlich in ihren Herren eine Saite getroffen haben, die noch in künftigen Jahren nachdröhnen und sie vom Channkalichtzünden am Christbaume abhaltcn wird. Roch sprach Herr Dr. Geiger, wie häufig selbst solche Fromme in ihrem Hause den Christabend feiern, die gegen jede Aenderung in der Liturgie, oder die Einführung von Justrnmeutal-Musik, namentlich jenes „besonders zur Andacht stimmenden Instrumentes" Sam Gottesdienst sich sträuben. Letzteres hätte ich, die Wahrheit zu gestehen, als zu absichtlich herbeigeführt, weggcwünscht. Ucberhaupt sollten Predigten, nach meinem Dafürhalten, da§ ihnen eingeränmte Recht von der Kanzel allein nur sprechen zu dürfen, sich nie so weit ansdehnen, um Dinge hineinznziehen, die noch sehr bedeutender Diskussion unterliegen. Wer soll, frage ich, die Instrumente am Sabbat oder Festtag spielen? Christen oder Inden? Ersterc? dürste der allgemeinen Andacht kaum fördersam sein; Juden aber werden im Allgemeinen cs nicht als erlaubt für sich betrachten und dadurch die Kluft zwischen Neu- und Altgläubigen weiter auseinanderreißen. Ueber das zur Andacht besonders ftimmeubc Instrument kann ich auch nicht die Ansicht des Herrn Redners theilen; ich habe z. B. in Teplitz dem jüdischen Gottesdienst mit Orgelbcgleitung sogar an den Reujahrstagen bcigewohnt, ohne aber von der Andacht der Gemeinde besonders erbaut worden zu sein. Selbst in christlichen Kirchen scheint mir die Instrumental- und Orgel-Musik — obgleich den Zuhörern 'von Jugend auf vertraut und daher nvthwcndig — nur ein sehr unwesentlicher Beweggrund zur Andacht. Eher glaube ich, dient sie dazu, um sich von der anderweitig angeregten Andacht auf eine würdige, wenig zerstreuende Weise zu erholen. Andacht ist eine zu subtile, rein geistige, von innern Zuständen äbhängende Gcmüthserhebnng, als daß man sie so plötzlich von außen durch Posanuengeschmetter oder Ftvtengelispel herbei kommandiren konnte. Zur Andachtscrwcckung gehört Etwas bekanntes, uns liebgewordeneS, wodurch gewiffermaaßen das Denken an den Schöpfer in uns wach, zur Erinnerung und zum Bewußtsein gebracht wird. Diese Andacht sestzuhalten, ist wohl nichts so geeignet, als wie sich selbstthätig bei dem Andachts-Impuls zu betheiligen. Um dieses durch ein Beispiel zu belegen, will ich auf den Gottesdienst der jüdischen Gemeinde zu Dresden Hinweisen.. Hier ist mit glücklichem Takt und zarter Schonung so viel von dem Alten beibehalten, und das Neue ihm assimilirt worden, daß die Gemeinde mit leichter Mühe sich das Ganze zu eigen macht, und ohne Störung, in wahrer Andacht mitwirkt. Cs würde vielleicht für jüdische Komponisten eine würdige Aufgabe sein, die alten in der Synagoge gebräuchlich gewesenen Melodien zeitgemäß zu arrangiren und ähnliche, in demselben Geiste — ein Geist der wehmüthigen Freuden, wie z.„B. in den Melodien zu bcn Dialogen an den Sefira-Säbbaten — zu komponiren; sie dürsten, bei gehöriger Berücksichtigung undAuswaht deS Tertes gewiß in den Synagogen wirksamer sein, wie kunstvolle Kolnpositioncn im strengen Kirchenstyt, die Gemeinde befriedigen und andächtig stimmen, und andere Reizmittel nnnothig machen. Sie verzeihen nur dieses Ab schweifen; ich will mm schnell zu Ende kommen, und nur noch erwähnen, wie der Schluß der Predigt dem Ganzen angemessen und seiner würdig war, und wie gewiß ein Jeder wahrhaft erbaut das Gotteshaus verließ. ■i Großbritannien. London, 1. Jan. Bekanntlich hatte der vorige hiesige Oberrabbiner, S. Hirschell, die reformistische Gemeinde der „Burton- Street-Spnagogue" wegen der von ihr mlgcsührtcn rituellen und liturgischen Reformen mit dem ^5ntcrbi6t belegt. Bei Ankunft des jetzigere -Oberrabbiners Dr. Adler stand unter den Fragen, auf deren Lösung die hiesige Judenschaft am meisten gespannt 5* *