Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1846)
- Date
- 1846-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 3)
- Language
- German
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Aufruf an die Gemeinden Israels. Die Lage der russischen Juden wird mit jedem Tage unerträglicher, jede -neue Nachricht bringt die erschütterndste Knude von der gegen sie ausgeübten Bedrückung. Ob sie in einer religiösen oder politischen. Maaßregel ihren Grund habe, die Menschheit seufzt, wenn das .Recht vieler Hnnderttansende, wenn die heiligsten Gefühle in solcher Weise niedergedrückt unb keine Mittel geschenkt werden, um eine Konfession systematisch zu vernichten, wenn in langsamen grausamen Qualen das Schlachtopfer zn Tode gemartert, der Wehplofe entweder unter dem grenzenlosesten. Eiende daS Leben anShaucht oder zu dem letzten'Schritte der Verzweiflung getrieben, wird. Wir lesen die Zeitungsnachrichten, sind gerührt und bedauern die Armen; ist hiermit genug gethan? Wir hören noch mehr als wir lesen, und sind betrübt, daß das 19. Jahrhundert solche Erlebnisse aufzuwe.ism hat; geilügt es, daß wir still senfzerr und die trübe Aufregnrrg bald wieder zu däurpferr suchen? Es ist cm Angriff auf den Glauben; er soll unterdrückt werden; und wem liegt da zuerst ein Hervortreten, eine kräftige Manlfcstation ob? Den Glaubensgenossen. Es ist eilte Beeinträchtigung des göttlichen Rechts im Menschen; es ertönt der SchmerzenS- und Leidensruf an jedem Ohr, daS Gehör für die Stimme des Leidens hat, an jeden: Herzen, in welchem ein lebendiges Gefühl für dm Unterdrückten schlägt, für Eltern, denen ihre Kinder entrissen werden, für Menschen, die das Gesetz dem Hungertode preisgiebt. Liegt da nicht das Hervortreten Jedem, iit dem menschliche Regung lebendig ist, ob? — Der Jude hat ans Erder: keinen Schutzherrn für seinen Glauben; keine Macht wahrt seine'religiösen Interessen, kein politischer Eirrfluß beugt den mit Herrschaft und Kraft ausgerüsteten, ihm feindlichen Willen; nur Einer ist's, der oberste Schuhherr und Wächter, der nicht schläft und schlummert. Aber das Vertrauen auf ihn soll nicht in Unthätigkeit, sondern in dem eifrigen Mnthe znm Unternehmen sich bewähren. Unsere Zeit ist so reich an Associationen, an Zusammentretungen für mitunter scheinbar unausführbare Zwecke, die dann doch durch die Gefammthcit zur Ausführung kommen. So ist es denn auch vor Allem für die Glaubensgenossen eine heilige Pflicht, daß sie zusammentreten und ihre Theilnahme an den Tag legen. In der Gesammtheit liegt eine bedeutende Kraft, sie erzeugt zuweilen eine Abhilfe, die nicht vermnthct wird; eine religiöse Gesammtheit, die weiter nirgends Vertretung findet, muß dadurch ihre religiöse Kraft erheben und in sich selbst eine reichhaltige Quelle finden. Den russischen Inden ist der Boden, den sie bewohnen, kein heimathlicher, sie können in ihm nimmer ein Vaterland erblicken; für sie ist ünrr-ein Heit in Auswanderung, Niederlassung unter einem Himmelsstriche, wo das Gesetz daS Recht des Menschen ehrt. Wohl ist die Auswanderung erschwert; doch Er, in dessen Hand der Monarchen Herz ist, er wird eine Aendenmg herbeiführen, daß den Unglücklichen gestattet werde, ihre trost- und freudenlose Hcimath zu verlassen. Wie mächtig ergehet nun die Forderung für diese Zeit vorzubcreiten, schon jetzt auszuhelfen, da eS Manchen gelungen ist, (sie müssen dieses als ein Gelingen betrachten!) dem Vatcrlande zu entfliehen. Brüder! Glaubensgenosse,:! dürfen wir unthätig bleiben? Es ist heilige Pflicht, daß eine Gesam mit heil nah me sich knndthue, sich in allen Gemeinden Komitees bilden, die ihre Thätigkeit in Aufforderung zu Kollekten oder zu'wöchentlichen oder monatlichen Beiträgen und in deren Annahme an den Tag legen. Ans diesen Komitvcn, deren ins Leben treten durch die jüdischen Organe, die sich wohl hierzu bereitwillig finden werden, veröffentlicht werden soll, wird ein Een tratkomr'to hervorgehen, an dessen Spitze — wir sprechen es mit tiefer Ueberzengung aus — sich Männer von Einfluß und Ansehen und deren Wort viel in die Waage wirft, stellen und die Verwirklichung der von den Gesammtkräften ausgehenden Abhilfe herbeiführen werden. Möge auf diesen Vorschlag gehört werden, mögen Rabbiner und Prediger ihn durch Wort und Theilnahme fördern, Mariner vor: Gewicht ihren Einfluß in ihren Gemeindenzu diesem Zwecke geltend machen und er allgemeinen-Anklang finden! Nicht von wem der Vorschlag ausgegangcn, sondern daß .er'ausgegangen, soll erwogen werden, und nicht soll die Differenz der religiösen Ansicht störend ein wirken. Wird doch von jeder Seite behauptet, daß man nur nach dem Hohem., dem im Göttlichen Begründeten strebe; und welche höhere Pflicht als Abhilfe zu bringen, wo der Religion die Verfolgung und der Druck gilt? Laßt un§ denn beginnen; der Goti, der Israel in feinen Nöthen stets beistand, wird mit uns sein. Dr. Z. Frankel, Obercabbimr. 4