Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 52 (24.12.1845)
- Date
- 1845-12-24
- Page
- Spalte 821-822 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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821 * Kritiken. Kurze Anzeigen. 822 57) Kalender und Jahrbuch für Israeliten auf das Jahr 5606 4IJI (.) Mit Beiträgen von u.s.w. u. s. w. nebst einer Musikbeillage von S. Sulz er. Herausgegeben von Isidor Busch. Vierter Jahrgang. Wien, 1845. 8. v Schmid und I. I. Busch. Während Zeitblatter leibliche Kinder der Zeit sind, nehmen Jahrbücher blos den Rang von Stiefkindern ein. Die Geburtswehen der Zeit sind in einem Jahrbuche nicht merkbar und cs trägt auch in der Lhat die Spuren der Zeit nicht an sich. Diese Reflexion glaubte ich vorausschicken zu müssen, um der Kritik ihren gehörigen/Standpunkt anzuweistn. Unsere Zeit ist nichts weniger als zur Poesie geneigt, und der Kritiker, der auf die Pulsschläge der Zeit horcht, wird mit Verwundern bemerken, daß der Poesie ein solcher Raum * - in dem Jahrbuche gegönnt wurde. Die Poesie in einem Jahrbuche muß, wie ein Desert, in kleinen Portionen gereichtwerden. Hr. Busch, dessen Eifer sehr lobenswerth, kann an sein österreichisches Publikum appelliren, das den Musen sehr hold ist. Allein ein ernster Herausgeber wie Hr. Busch, der nicht blos seinen pekuniären Gewinn vor Augen hat, muß fein Publikum heranbilden und es don gre mal gre auf die rechte Bahn leiten. Diese Philippika gegen die Poesie wird noch heftiger, wenn man auf eine — übrigens schöne -- VersWation des Hohenliedes in dem Jahrbuche stößt. Abgesehen davon, daß der Reim bei solchen Sujets nichtam rechten Orte und die Rebenste in'sche Bearbeitung des Hohenliedes viel einfacher und ich möchte sagen graziöser ist. Ein anderes Muttermal des Stiefkindes ist, daß die Fortschritte der Literatur in dem Jahrbuche unberücksichtigt blieben. An die Philippson'sche Arbeit über die Fortschritte auf dem Gebiete der Emanckpation und Civilisation solle sich eine ähnliche über die Entwickelung der Literatur während eines Jahres anschließen. Die Klasse, für welche das Jahrbuch zunächst bestimmt ist, kann der allmäligen Entfaltung der Wissenschaft nicht folgen, und ein Abriß in einem gefälligen Gewände müßte dieser Klasse sehr willkommen sein. — lieber die einzelnen Aufsatze müssen wir uns dieses Jahr kürzer fassen. Der Philipp so n'schen historischen Arbeit fehlt noch immer 'die pragmatische Durcharbeitung des geschichtlichen Stoffes. Die Thatsachcn sind aneinander gereiht, nicht in einander geflochten. Doch gehört sie zu den bessern Artikeln des Jahrbuches und nimmt mit Recht die erste Stelle, ein. Die Löw'schen statistischen und historischen Artikel über die Juden in Ungarn sind recht eigentlich für das Jahrbuch geschrieben. Der historische Aufsatz ist. mit großem Takt und einer scharfsinnigen: Benutzung der spärlichen Quellen gearbeitet. Die „alte Stimme" von Zunz tönt sehr neu und zeigt mit welcher Gcwandheit der Kunstkenner aus der alten jüdischen Literatur schöpfen kann. Für „es spricht die Salomo (S. 81)" muß man es spricht dir lesen. Die Salomonischen „Bilder und Gleichnisse" sind anmuthig, wenn auch hie und da ins Breite gehend. Die Allegorien^ von Hrn. Sch mied l sind unnatürlich. Nach einer solchen Methode könnte man den Prater und den Volksgarten in Wien zu erbaulichen Betrachtungen verwenden. Auf diese Weise könnte man ppP7ft HD3 als eine Symbolik der „Lichtfreunde" auffaffen. Hr. Schm, hätte den mischnkschen Text weglassen und die Betrachtung, die an und für sich sehr warm geschrieben ist, allein liefere sollen. ' Die Zeit, welche Hr. Schm, auf die Ausarbeitung der Symbolik verwendet, wäre besser für eine wissenschaftliche Arbeit aufzusparen. Unter den Gedichten sind die von den Hrn. Dr. L etteris, Frankl, Kapper, sowie die eines Ungenannten (S. 99—103) sehr gelungen. Das Gedicht „der achte Lag" ergreift den Leser und die Dichtung von LetLeris macht auf eine tiefere Auffassung Anspruch. Langer's Novelle ist einfach, aber mit Kraft geschrieben und malt recht deutlich die Verzweiflung Neubl's. Wessely's gründliche Arbeit über die „Taube bei den Hebräern." kontrastirt wegen ihrer gelehrten Linientruppen zu der Tendenz des Jahrbuches. Uebrigens verrath sie ein feines poetisches Gemüth des Verfassers. Stei n s ch n eider's Schilderung des -p^rn p ist, wie uns der Verfasser mündlich mittheilte, ihrer poetischen Proben beraubt und auf den blos gelehrten Theil reduurt worden. Die gelehrte Arbeit ist, wie vorauszusehen, sehr gewissenhaft und eine reiche Fülle an Stoff bietend. Vielleicht liefert der Vers, im nächsten Jahrgange des Jahrbuches Proben von seinen gelungenen Makamen. Die Musiß von Hrn. Sülzer ist, wie wir sie auf den Klavier spielen hörten, dem Kapper'schen Texte sehr angemessen. Ueber dieKomposition können wir nicht urtheilen. Mehr auf das Aeußere sich beziehend wäre eine konstantere Umschreibung der hebräischen Monate und eine sorgfältigere Korrektur zu wünschen. S. 228 ist tadhmin für „Tadhami" zu lesen. Möge Hr. Busch in seinem Eifer nicht erkalten und mehr Kongruenz in den einzelnen Aufsätzen zu erstreben suchen. Vorzüglich sind die Novellistik und die Geschichte mehr auszubeuten. Die Geschichte ist eine Fundgrube, die bereichert und Vergnügen gewährt Auch Schilderungen des jüdischen Volkslebens und der eigentlichen Volkssitte sowie das Gebiet der Sprichwörter dürften, nicht verschmäht werden. Zum Schluffe müssen wir noch der österreichischen Censur lobend gedenken, die manches freie Wort von der Allgewalt des Rothstifteö verschont ließ. Ad. Jellinek (Ink). 58) Die Versöhnung der Konfessionen, oder Judenthum und Christenthum in ihrem Streit und Einklang. Von I. L. Saalschutz rc. Königsberg, 1844. 8. Grafe und Unzer. (S. 95.) Lassen wir den Verf. selbst seine Untersuchungen über dieses Thema resumiren: „Fassen wir nun die Resultate aller vorhergehenden Betrachtungen zusammen, so ergiebt sich's, daß der Einklang zwischen dem Judenthmn und Christenthum viel größer, die Verschiedenheit viel geringer sei, als man dies von Seiten beider Konfessionen gewöhnlich glaubt, von einem Streite zwischen Beiden aber eigentlich gar nicht die Rede 52 *