Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 51 (17.12.1845)
- Date
- 1845-12-17
- Page
- Spalte 809-810 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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80S Kritiken. Kurze Anzeigen. 816 53) Die Juden -Ewancipatkon m Deutschland, namentlich, in Preußen. Vom Standpunkte des Rechts und der Wissenschaft. (In der Zeitschrift: die Reform, 1. Band, 4. . Heft.) Was dieser Artikel über die Judenfrage vor so vielen andern ähnlicher Tendenz auszeichnet, ist daß er sich aus dem Boden des positiven Rechts bewegt und nicht in Deklamationen über Humanität und Billigkeit verfällt. An die Schriften von Rönne und Simon und das erste Heft der Freund'- schen Monatschrift anknüpfend, werden die Rechtsansprüche der Juden nach dem positivem Rechte beleuchtet. Der deutsche Bund ist aber sehr Langmüthig und die Deutschen —sind geduldig. „ 54) Galizisch-jüdische' Zustände. Leipzig, 1845. 8. Philipp Reclam jun. (@. 129.) Die angezeigte Schrift beschäftigt sich mit dem Rechts¬ und Kulturzustande der galizischen Juden, die allmälig aus dem Dunkel der Vorurtheile in die lichte Aufklärung treten. Von den Rechtszuständen erhält inan, nach Durchlesung Dieser Schrift, eine klare Vorstellung und der Schilderung der Kulturzustände klebt allerdings die individuelle Anschauung des Verfassers an. Brody, Lemberg und Tarnopol bilden den Mittelpunkt der socialen Berichte, deren Wahrheit nur der in Galizien Lebende würdigen kann. Aehnllche Schriften über einzelne Länder sind sehr wünschenswert!). 55) Kleine Jugendbibliothek zur angenehmen und nützlichen Unterhaltung, zur Veredlung des Herzens und Bildung des Verstandes, zunächst für die israelitische Jugend, von Dr. I. H. Jacobson. Breslau und Neiffe bei Ignatz Kohn, 1845. Befragen wir uns darüber, wie eine Jugendschrift überhaupt, und für die israelitische Jugend insbesondere beschaffen sein müsse, um ihren Zweck bestmöglichst zu erreichen: so finden wir die Antwort hierauf auf dem Titel des vorliegenden Bändchens „sie soll das Herz veredlen und den Verstand bilden," und so haben wir das eigentliche Kriterium zu richtiger Beurtheilung desselben, und müssen geradezu bekennen, daß der Herausgeber seine Aufgabe glücklich gelöst. Herr Dr. Jacobson führt die liebe Jugend in die freie Natur, wo in bunter Abwechselung und verschiedenartiger Schattirung Blüthen und Früchte mancher Art in ungezwungener Gruppirüng sich friedlich aneinander reihen. Das Büchlein beginnt mit einem, das kindliche Herz gewinnenden, einleitenden Briefe, welchem ein herzlich gesprochenes Morgengebet folgt. Zwei Parabeln: „das große Loch, oder das Auge Gottes" ganz kindlich und natürlich und das „Dampfbot, oder der Mensch und seine Begierden," durch die darin enthaltenen Begriffsentwickelungen und fein angebrachte Moral ganz originell, und die jugendliche Aufmerksamkeit fesselnd. Wir möchten diese letztere Parabel vorzugsweise eine didaktische nennen, und zweifeln nicht, daß sie Nachahmung finden werde. — Das Chanmkalled von Pappen he im ist selbst als Übersetzung nicht neu.— Dagegen machen Nr. 6., die Familie Traugott und Nr. 16., der brave Samuel, unstreitig die beiden vorzüglich st gelungenen Stücke dieses Bändchens, ihrem Verfasser alle Ehre. Sie''sind so naiv, so gemüthlich vorgetragen, so einfach , so rührend und zugleich herzergreifend in ihrer Diktion, daß sie sicherlich zur Veredlung des kindlichen Gemüthes beitragen und zu guten Entschlüssen anregen können und müssen, zumal sie so ganz aus dem Leben gegriffen und durchaus natürlich sind. Wir können den Wunsch nicht unterdrücken, daß Herr Dr. Jacobson noch viele derartige Stoffe, aus dem Leben gegriffen, zur Verarbeitung für seine gute Feder wählen möchte! Dem ecstern Stücke folgt sehr paffend ein schönes' Gedicht: „Liebe der Kinder zu ihren Eltern", nicht minder anregend als unterhaltend und belehrend ist Nr. 11., „die Rache des Redlichen", und obzwar der Raum, den das Mährchen unter Nr. 19., „der Armleuchter" einnimmt, mit einem nützlichern Stoffe hätte ausgcfüllt werden können, und die dadurch tendirte Moral gleichsam nur ein argumentum ad hominem, so hat es doch durch die Zusätze und Emendationen des Herausgebers, die ihr mehr Allgemeinheit geben, an Werth bedeutend gewonnen. Ob die kurze Lebensbeschreibung des Proselyten Steblitzki hier an ihrem Orte sei, will ich eben so wenig behaupten als geradezu misbilligen. Steht sie nicht zu isolirt da, indem es unserer Geschichte an unzähligen Beispielen der Art nicht fehlt, — wie doch noch in neuester Zeit in Memel — ohngeachtet sich ba§ Juden thum nie Proselytenmacherei zur Aufgabe gemacht, noch auch die Juden aus den besten Gründen sich darauf verlegt haben: so läßt sich doch auch anderseits das Factum nicht hinwegdemonstriren, daß in neuester Zeit in, von dm anerkanntesten Pädagogen abgefaßten Jugendschriften den Kindern von Bibel- und Judenvekehrungs - Gesellschaften erzählt wird, wobei man von dem Eifer spricht, mit dem man uns für die christliche Kirche zu gewinnen sich bemüht. Warum sollten auch nicht wir, sei es auch nur zu eigener negativen Abwehr, unfern Kindern erzählen, daß vernünftige Christen, ohne alle Ueberredung Juden geworden, sich aus dem freien herrschenden Christenthum m den Schoß des bedrängten und bedrückten Judenthums, nicht ums Geld, nicht ums Amt u. rc. sondern aus wahrer innerster Ueberzeugung begeben haben? — Die übrigen Piecen sind mehr belehrend-unterhaltender Natur, und heben wir hier noch besonders das sehr wohl gelungene Stück Nr. 9„ „der wohlgemeinte Rath", hervor. Interessant shrd Nr. 12., „die Knackmandeln". — Die tu Nr. 15., „der jüdische Kalender", angedeutete Weise, die Jugend sich gegenseitig selbst belehren zu lassen, zeugt von der seltenen pädagogischen Tüchtigkeit des Herrn Dr. Jacobson und scheint aus dem Belle und Lancasterschen Systeme geschöpft, aber für die Praxis ausführbarer dargestellt. — Denn obzwar das Erstere für die Dauer sich nicht bewährt, und darum keine allgemeine Aufnahme gesunden, so dürste doch das hier von Herrn Dr.