Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 51 (17.12.1845)
- Date
- 1845-12-17
- Page
- Seite 403 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2360092-2360364-2360416--5235-3531840- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
403 jcnfcc mnn, die er ihm selbst angeboten und auch gegeben, hinlänglich zu würdigen. Mit Recht richtete daher unsere Nachbargemeinde ihre Ausinerksamkeit auf diesen Kandidaten und ließ an denselben die Aufforderung zur Annahme ihres vakanten RabbinatS ergehen. Er hielt an den verflossenen Feiertagen unter großem Beifall Probepredigten daselbst, und hängt die definitive Anstellung desselben nur von der Regulirung der finanziellen Verhältnisse der Gemeinde ab, da letztere bereits 10 Jahre ohne Rabbiner ist und somit jetzt zu diesem Behuse einen neuen Etat entwerfen muß. — Eine gleiche Auszeichnung wurde auch Hrn. Dt. Grätz zu Theil, er erhielt die Vokaiion nach G l ei Witz, der größten Gemeinde Oberschlcsiens; er wird nächstens dahin reisen, wo er auch seiner baldigen Anstellung entgegensieht. Die wakkern Gleiwitzer werden sich dann freilich darauf gefaßt machen müssen bei dem Korrespondenten der A. Z. d. I., wie bei dem geigerianischen Mittheiler im ^Israeliten" in Ungnade zu gerathen, so wie sie auch uns grollen werden, daß wir aus der von ihm als eine „Clique" bezeichneten hiesigen Theologen den Hrn. Sal. Cal Vary heraushcben, der sich ebenfalls htrd) rabbinische Kenntnisse und besonders durch seinen angestrengten Fleiß in den orientalischen Sprachen rühmlichst auszeichnct. — Die hiesigen Gemeindeveryältnisie befinden sich leider noch immer in dem trübseligsten Zustande. Radikalreform und Radikalorthodoxie bilden die siegenden Potenzen und Beherrscher der Gemeinde. Hader und Zwietracht nehmen daher turntet nt ehr über Hand, der Unfriede steigert sich und durch die unbesonnenen und unberechtigten Reforrnullternehmtlngen vergrößert sich die Kluft zwischen den beiden Parteien und die Einheit der Gemeinde löst sich gänzlich auf. Eine Hoffnung winkte uns in der projektirten Berufung Fassels, der alte Fähigkeiten besitzt, den Bessergesinnten unter beide)!Fraktionen, die leider hier zu wenig Bewußtsein ihres Rechts haben, Kraft und Energie einzuhauchcn rrnd somit den Frieden und die Eintracht, die Ehre der Religion unb der Wissenschaft im Sinne der gemäßigten Refornr in unserer Gemeinde herzustellen. In den letzten Wochen war auch die Anstellung Fasse l's Gegenstand mehrerer Worstandssitzungen und wir ntüssen zur Ehre unseres Aktiv-Vorstandes bemerken, daß er gar wacker und standhaft die Berufung Fassels vertreten, allein Alles scheiterte an der Unbesonnenheit deS Radikalismus, der durch die Majorität im Vorstande vertreten ist. Der Aktivvorstand harrt nun auf eine Theilnahme von Seiten der großen Zahl aus seiner Partei, die wahrend G.'s Abwesenheit so laut ihre gerechte Unzufriedenheit an den Tag legte; allein vergebens l denn diese ruht wieder selig ein gelullt von den Knusten der gleißuerischen Reden, sowie die Opposition von der Fahne des angestammten Herrscherhauses sich nicht weg rühret: utag. Der Aktiv-- vorstand setzt den Proceß gegen die sich weigernden Kontribuenten fort und wenrr dieser durchgeht,, so steht zu erwarten, daß sowohl die Opposition als auch die Radikalen, die soviel Einsicht haben, daß G. zum Rabbiner der Gesammtgemeinde nicht paßt, die Anstellung Fassels beschließen werde. — Dr. Grätz'S Schrift ko nun t dieser Tage in den Buchhandel und wird hier viele Käufer ltnb Leser finden. $ran¥ftitt er. , 2. Decbr. Unsere hiesige Judengemeinde thcilt sich hinsichtlich der RcligionSansichtcn in drei Klassen; die erste bilden die ziemlich zahlreichen Altgläubige!:, die jede Aendemng in: Kultus bis jetzt mit Entschiedenheit ablehnen; die noch zahlreichere zweite besteht aus den sog. Aufgeklärten, welchen cS darum zu thunist, einige den Bekennen: der Staatsreligiou anstößige oder unverständliche gottesdienstlichen Gebräuche durch christlich-geformte ersetzt, sich selbst aber von den Sprach- und mehren andern Ceremonialgesetzen losgesprochcn zu sehen; und die dritte endlich aus den wenigen Denkgläubigen. ,— Hätte die erste der genannter Parteien ihren Raas, die zweite ihren Rabbinen und die letzte ihren Prediger, jede für sich, als wonach zu streben die Rationellen schon bekennen, die Orthodoxen aber ebenfalls sich anschicken, so würden Widersprüche, wie sie citter Ihrer hiesigen Korrespondenten in Ihrem heutigen Blatte rügt, nicht so leicht Vorkommen, und der Rabbiner Stein der schwieriger:, ihm durch das tmtctc Wesen jener zweiten Klasse, deren Ueberzähl er sein Amt verdankt, und dttrch die dem Versorger einer zahlreichet: Familie so nahe liegenden Rücksichten überkommencit Aufgabe enthoben sein, die Allgläubigen, zu denen sich viele begüterte Familien und Personen zählen, welcher mau zu Beisteuert: für den Bau einer neuen Synagoge, sowie zu Opfert: und Geschenken anderer Natur bedarf, für die dürftiget: Aendcrungen itn Kultus zu gewinnet: und andererseits alte Weiterstrebendcn niederznhatten. — Die Klage eitles ändert: Korrespondenten über die Besudelung der zwei schönen Gebäude des jüdischen Hospitals und der Schule durch ein dazwischen geworfenes Steinkohlenlager, ist nur zu gerecht; und außerdem sehr zu bedauern, daß man bei der Errichtung des Letztem mehr auf Aeußerliches und minder Wichtiges gesehen und dagegen Hauptrücksichteu vernachlässiget hat; so sind z. B. alle Lehrstuben fast gleich groß, während sich die Frequenz der untern Klassen der Schulen zu den otcrn trach 40jähriger Ersahrturg wie sieben zu ztvei verhält; also Geld und Raun:, und det: Lehrern manche übersiüssige Anstrengung hätte gespart werden könnet:. So habet: die in den Ecket: des Gebäudes gelegenen Lehrzimmer ihre Fettster ttach Norden und doch hätten sie dieselben eben so gut je nach Osten oder Westen haben können; so springt die Unzweckmäßigkeit der Einrichtung des ungemein schwerfälligen und kostspieligen Dachstockes, indem auf einem Flächenranme von mehr als 10,000 □ nicht ein einziges ordentliches Stübchen 51 *