Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 49 (3.12.1845)
- Date
- 1845-12-03
- Page
- Spalte 777-778 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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777 Kritiken. Die Kabbala, deutsch von Jellinek. Beurch. von I. M. Jost. 778 In der historischen, eigentlich allerdings mehr bibliographi scheu,Einleitung hätten wir gewünscht, daß der Vers, vor der, nicht minder dürftigen- Uebersicht der Hülfsrnittel' oder bisherigen .Darstellungen, eine möglichst 'vollständige Literatur der Kabbala gegeben hätte. Die Grimme für die Auslassung derselben, worunter hier hervorgehoben wird, daß die Werke der. Kabbalisten sich» charakteristisch wenig unterscheiden, können wir nicht als genügend annehmen. Auch war eine geschichtliche Entwickelung der Kabbala und ihres Einflusses auf jüdischen Gottesdienst und jüdisches Leben an ihrem Orte, wenn auch nur in den Grundzügen, um die Wichtigkeit der Kabbala recht anschaulich zu machen. Dasjenige, was in der Einleitung noch gegeben wird, um der Kabbala ihre Stelle zu sichern, nämlich die Behauptung, daß überall sich drei Richtungen des Religionssysteme unterscheiden, nämlich der Autoritätsglaube, der Rationalismus und der Mysticismus, mag immerhin, freilich unter Zulassung vieler Schattirungen, zugestanden werden, aber schon der Verf. selbst sieht sich genöthigt (S. 33.34.), eine mannigfache'Eintheilung der Richtungen imIudenthume anzuerkennen, und wir glauben hinzufügen zu dürfen, daß auch die Hauptrichtungen sich bei den Juden anders gestalten, als sie durch obige Ausdrücke bezeichniet, worden. Die Mischna so wenig wie der Talmud drücken einen Autoritätsglauben aus, wie Herr F. (S. 32.) meint, auch hemmen ste die Vernunft kemesweges, obwohl allerdings die Freiheit, aber auch diese nur in Betreff gesetzlicher Auslegung und Uebung. Wenn der Verfasser sagt: „Sie haben alles im Voraus berechnet, geregelt, abgewogen," so ist dieses eine leere Phrase. Der Talmud hat gar keine Religionsdogmen außer in einzelnen zerstreueten, nicht auf Geltung Anspruch/machenden Bemerkungen; sein Gebiet ist gesetzliche Kasuistik, und sogenannte Ueberlieferung praktischer Hebungen und Gebräuche, welche bereits getrübt erscheint und ihren Läuterungsproeeß durchgeht. Eben so sind die Karaiten auch nicht die Protestanten im rationalistischen Sinne, welche die „Erklärung der Schrift der Vernunft" überweisen. Die Karaiten läugnen blos die unbedingte Anerkennung der Berechtigung jeder Tradition, und behalten sich die Kritik der Gesetze oder vielmehr der Tradition uach dem Wortsinne und nach hermeneutischen Regeln vor. Was aber Glaubenssätze betrifft, so haben sie mit den Rabbaniten ganz dieselben, und ihre philosophische Begründung derselben ist ebenfalls nicht verschieden, sie wurzelt in der Zeltphilosophie der orientalischen Muhammedaner hier, wie der westlichen dort. Die Karaitenbekämpfen in Betreff der Glaubensäußerungen an den Rabbaniten lediglich die enormen Anthropomorphismen. '(Dies alles werden wir in einer Darstellung des Karaismus näher Nachweisen.) Es ist um so wichtiger diese Irrung in Beziehung der Charaktere hervorzuhebenals alle, sowohl Rabbaniten als Karaiten, sowohl die Schristgelehrten als die rationalistischen und die mystischen Philosophen, (mit Ausnahme der neuern Zeit), das mehr und minder für traditionell gehaltene Gesetz streng übten, und also darthaten, daß die Autorität des Gesetzes jedenfalls die weitere Geistesthätigkeit nicht lähmte. Wir haben aus der ganzen Einleitung kein befriedigendes Resultat geschöpft, indeß berührt sie alle Punkte, welche zu einer weitern Untersuchung Stoff darbieten. Herr Franck stellt nun zunächst das hohe Alter der Kabbala fest, deren zwei Haupt-Vorwürfe, die Erläuterung zur Kosm-ogonie und die Merkaba (eigentliche Theosophie in figürlicher Darstellung, nach Anleitung der Hefekielschen Visionen), schon in der Mischna als Geheimlehre erwähnt worden. Die übrigen talmudischcn Stellen, welche für das Studiumdieser Geheimlehre ein gewisses Lebensalter und mancherlei Anlagen voraussetzen, bestätigen dies. Auch die öfters vorkommenden Hinweisungen auf die Heiligkeit der Gottesnamen und deren verschiedene Zusammensetzung, zeugen von einer vorhandenen Geheimlehre. (Ob der Verf. das ML/2 Hilft DJ/D richtig durch einmal wöchentlich wie* der giebt? sonst ist ein Zeitraum von 7 Jahren, was hier wohl eher anzunehmen wäre.) Uns scheint die Vermuthung des Vrfs./ daß die TaLmudisten unter der Ueberlieferung des göttlichen Namens die Geheimlehre verstanden haben, und daß der 42buchstä-' big e Name die mystischen Wörter bedeute, welche die Gottheit in den sogenannten Sesirot umschreiben, wohl.begründet. Die Schlüsse (S. ,48 ff.) aus der Mischna auf ein mehrere Jahrhunderte älteres Dasein einer Geheimlehre sind unbedingt richtig. Die Stützen jedoch, welche aus dem Logos der Targumim (und man hätte auch das N. T. erwähnen dürfen) entnommen werden, können wir nicht als solche betrachten; denn der Logos war bereits ein typischer Ausdruck für das Unbegreifliche geworden, und gehörte der religiösen Redeweise an, ohne daß hier eine Geheimlehre darunter zu suchen. Wir müssen weit eher vermuthen, daß die symbolischen Namen des Unaussprechlichen von den spätern Kabbalisten benutzt worden seien, entweder um theoretisch das Bewußtsein zu entwickeln, welches in der heiligen Scheu sich nicht klar geworden war, (wie man in neuerer Zeit oft die einfachsten deutschen Ausdrücke, z. B. meinen von mein, Urtheil, von ur u. Th eil, w. zu philisophischen Urbegrkffen gestempelt hat,) oder vielmehr um scholastisch hineinzutegen, was man für wichtig hielt, und gern als bereits seit Jahrhunderten lebend bezeichnte. (Fortsetzung folgt.) 40) Die religiöse Reform, besprochen in einer Predigt am Sabbat '2 (den 13. Septbr. d. I.) in der neuen Synagoge zu Nordhausen, den Tag nach ihrer Einweihung, von Dr. Herzfeld, Braunschweigischem Landesecrbbiner. Nor'»hausen, 1845. 8. Schmid'sche Buchhandlung. (S.22.) Der Vers, entwirft in dieser Rede eine Skizze der jüdischen Entwickelung seit Mendelssohn bis aus unsere Zeit, worin nichts weniger als der Moment der Wissenschaft vermißt wird. Es wird nämlich Alles auf den Zielpunkt der