Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1845)
- Date
- 1845-12-03
- Page
- Seite 388 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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keine beredte Stimme, die-zum Beistand aufrief'und die schlummernde Sympathie für unsere Brüder im Norden erweckte. Wir rühmen und freuen uns -— der E r l ösu'ng, die für uns begonnen/ der socialen und politischen Freiheit, die wir genießen; müssen und dürfen wir aber deshalb die Vertreibung und Verfolgung unserer polnischen Glaubensgenossen mit der kältesten Herzlosigkeit znsehen? Sonst waren die Israeliten aller Lander und Zonen Glieder einer Kette, und das Unheil, welches dem Einzelnen drohte, theilte sich elektrisch allen mit, jetzt ist die Kette zerrissen und das geistige Band der Glaubenseinheit, das uns alle umschlang, aufgelöst. Das Gemüth und Gefühl für fremdes Leiden gewann nichts durch die geläuterten Religionsbegriffe, welche die Grenze der Selbstbefreiung von religiösem Zwange nicht überschreiten; für Mode-Theorien, für Rabbiner-Versammlung und äußern Glanz der Gotteshäuser werden alle geistige Mittel und materielle Kräfte aufgeboten, dafür ist die Kanzel, dafür die Presse thätig, aber der allem menschlichen Elend preisgegebenen Polen, die als lebendes Beispiel der noch nicht eingetretenen „Erlösung" dastehen, darf nicht gedacht werden! — Möge man doch nur auf kurze Zeit sich vom Himmel — von Gebeten und Gesängen — ab und sich dem Irdischen •—• den leidenden Brüdern -— zuwenden. Zeigen wir den weit hinter uns zurückgebliebeneil Polen, daß die geistige Helle, die uns erleuchtete, die Sonne der Freiheit, die uns erschienen, unser Auge nicht blendete, die Gebeugten und Gedrückten als unsere Brüder anzuerkennen. Lassen wir die gehässigen Meinungskämpfe fahren und suchen wir vereint auf Mittel auch für unsere verstoßenen und verzagten polnischen Brüder eine Erlösungszeit herbeiznführen. Das freie Wort, welches in allen Synagogen für und wider den Glauben ertönt, darf auch für die Unterdrückten laut werden, die allgewaltige Presse darf sich auch der Schutzlosen annehmen, /und wem: diese die öffentliche Meinung beherrschenden Gewalten anregend und aufmunternd wirken, dann wird sicherlich auch den Polen ein Montesiore und Cremieu.r erstehen. K —m. Vom Niederrheine, 16. Novbr. UnsereHoffnungen, welche beim Antritte des neuen Oberrabbincrs für den intellektuellen Fortschritt des Konsistorial-Sprengels Crefeld gehegt wurden, treten mit göttlicher Hilfe jeden Tag mehr m Erfüllung. Der Oberrabbiner Boden heim er, im Besitze tiefer Kenntnisse in allen Zweigen des Talmuds und der jüdischen Literatur, allsgerüstet mit gründlicher Gelehrsamkeit auf deln Gebiete der Philologie, Geschichtsforschung und Archäologie, begabt mit reicher Erfahrung in der Amtsführung, leitet mit kräftiger Hand die ihm übertrageile Seelsorge. Nicht zu gedenken des mannigfachen Trefflichen, daö schon in der kurzen Zeit seines Wirkens während der Rundreisen gestiftet worden, wo er durch die Kraft des begeisternden Wortes manches Herz für Israels heiligste Institutionen wieder erwärmte, verdient in einem höheren Grade sein Eifer, mit welchem er sich den Konsistorialarbeiten hingiebt, die vollste Anerkennung, und verdanken wir ihm manchen segeilbriilgenden Erlaß. Hauptsächlich ist sein Augenmerk auf Verbesserung des Schulwesens gerichtet, und hat er nicht allein den in Neuß stattsindenden Lehrerkoilfcrenzen stille Mitwirkung und Unterstützung zugesagt und bereits nach ciilgehoiter Erlaubniß von den Königlichen Ncgietrmgeu Cöln, Aachen und Düsseldorf ein Religionsbuch allgemein eingeführt, sondern er ertheilt auch einigen Jünglingen Unterricht in den höhern jüdischen Wisstll sch asten. Unter seiner Obhut wird recht bald der Gottesdienst eine veredelte Gestalt annehmen, welches unseren! Kreist so sehr noth thut. Mit besonderer Liebe wird schon jetzt der Choralgesang befördert und gepflegt und zum ersten Male ertönte dieses Jahr in der Synagoge zu Crefeld am Neujahrs- und VcrsöhnungStage ein gut ausgeführtcr, vierstinnuiger Choral. Der Sinn für Verherrlichung des Gottesdienstes und Hebung der Andacht ist seit Anstellung des Ober-Rabbiners so gestiegen, daß die besagte Gemeinde sich entschlossen hat, eine neue Synagoge im erhabenen Style zu erbauen. Die gediegenen deutschen Predigten und Vorträge des Oberrabbiners sind sehr besucht und wird sein Rednertalent und seine Meisterschaft in der klaren, zeitgernäßen Auslegung der dunkelsten Sprüche unserer Weisen und der schwierigsten Midraschstcllen allgemein bewundert. Wie mall vernimmt, soll bald ein von umfassender Gelehrsamkeit zeugendes Werkchcn von ihm im Drucke erscheinen. Möge dieser Seelenhirt auf der einmal betretenen Bahn fortfahren, und die Liebe, mit welcher ihn der ganze Sprengel umgiebt, wird einst schöne Früchte tragen. Berlin, 20. Novbr. In Nr. 46 der „Allgem. Zeit, des Judenth." sindet sich ein Artikel aus Breslau, in welchem von der „Clique" der jüdischen Theologen daselbst, wie sich Referent auszudrücken beliebt, gehandelt wird, von welcher Clique jedoch Ref. den Hrn.Dr. Lcwy, Stud. Fried mann und Stud. Landsberger ansschließt, und über die zur Cljque Gehörenden stellt. Was Hrn. Dr. L. und Stud. F. anbetrifft, so kann ich nicht urtheilerl , ob das Urtheil des Ref. über dieselben ein wahres sei, weil ich weder Dr. L. noch Stud.'F. zu kennen das Vergnügen habe. Daß aber das Urtheil über den Stud. Landsberger ein unrichtiges ist gewiß, und ist der Ref. des Artikels in Nr. 46 d. A. Z. d. I. entweder Stud. Landsberger selbst, oder „ein nicht unparteiischer Recmsent eines Schauspielers". Denn alle die Epitheta, welche Ref. dem Stud. Landsberger beilegt, scheinen eher im Gegensätze der Wahrheit nahe. Denn zufällig hatte ich hier Gelegenheit, den Stud. L. mit allen seinen Tugenden kennen zu lernen, der gern als vielseitig gebildeter junger Mann, wie er von Ref. genannt wird, glänzt, und