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Der Orient · 1845-11-19 · Heft 47 (19.11.1845) · p. Seite 373

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Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 47 (19.11.1845)
Date
1845-11-19
Page
Seite 373 (sequence 9)
Language
German
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373 Wenn uns daher von Herrn Dr. Ghillany in Nr. 224 der in den höchsten Regionen verbreiteten Allgem. Zeit, dieser Vorwurf mit dem Bemerken gemacht wird, daß, so lange wir in unfern Gebeten die Erwählung Israels hervorheben, die hebräische Sprache und die Beschneidung beibehalten, wir nicht emancipationsfähig seien, so dürfen wir solche Aeußerungen nicht mit Stillschweigen übergehen. Es giebt einen Stolz, der thöricht, einen Hochmuth, der lächerlich istz aber es giebt auch einen edlen Stolz, das erhebende und ehrende Selbstbewußtsein, daß wir im Besitze heiliger Güter, die wir nie veräußern dürfen. Wir haben uns nicht zu schämen, wenn man uns „Jude" heißt oder schilt, wir kennen vielmehr stolz auf diesen Namen sein. Unsere Vorzüge sind geschichtlich gegeben. Sie bestehen in unsrer Abstammung, in unsrer Glaubenslehre und in unsrer gottesdienstlichen Sprache. Keinem unverdorbenen Menschen ist es gleichgültig, welche Eltern er hatte, es macht ihm die größte Freude, wenn man würdige Handlungen von feinen Vorfahren erzählt. Unsre Väter waren berufen, die höchsten Ideen zu empfangen und zu verbreiten; sie waren klein im Glücke, aber unendlich groß im Unglücke, denn sie entfalteten im Elende eine namenlose Glaubensstärke, eine unerschütterliche Treue, so daß schon Lacitus über ihre freies obstinatd staunte, welche der fides graeca entgegengesetzt werden kann. Wir find stolz aus unsre Glaubenslehre. Während sich alle Völker mythologischen und symbolischen Träumen Hingaben; während selbst Plato und Aristoteles einen Dualismus annahmen, während in der neuesten Zeit der Pantheismus veredelt und als Volksglaube verbreitet werden soll, hat die heilige Schrift die erhabensten metaphysischen Lehren ausgestellt. Die biblische Philosophie setzt die Idee Gottes voraus, die abendländische sucht sie erst auf, und auf diesem Hoffnungspfade muß sie auf Abwege gerathen. Rein ist ihre Moral. Beständig empfiehlt sie die Wittwen undWaisen, die Armen und Fremdlinge, die Khiere und Pflanzen der regsten Theilnahme. Selbst die Thiere der Feinde sollen wir nicht verlassen Mos. 11, 23, 5), und dem Feinde sollen wir alle Liebe erweisen (Spr. Sal. 25, 21). Ihre Poesie ist unvergleichlich, wie Herder nachgewiesen hat, und ihre Geschichte ist ein wahres Weltgericht, denn sie beschönigt und verhüllt kein Laster und keinen Fehler. Wir sind stolz auf die hebräische Sprache, denn sie ist, anthropomorphistisch gedacht, die Sprache Gottes, da in ihr die heilige Schrift abgefaßt wurde; sie ist die Sprache der Gottesfurcht, die Sprache der kindlich frommen Unschuld, was Schwarz und alle gemürhlichen Pädagogen anerkannt haben. Sie ist kein Nationalband, sondern sie vertritt die Stelle einer allgemeinen Kirchenverfassung für die Israeliten in allen Welttheilen. Wir können daher den jenseitigen Wünschen nicht entsprechen, selbst nicht um den lockend und verführerisch in Aussicht gestellten Preis der Emancipation. Wir können uns nicht auf den Standpunkt des Rationalismus stellen, wie die Herren Ghillany, Paulus und Fauth, denn uns isMchrist und Tradition nicht das Werk der Menschenhände, sondern der Ausfluß der Offenbarung. Wir können unsre Vergangenheit nicht vergessen, denn, sagtMüllner, auswendig kann der Mensch Alles lernen, was er will; aber was er weiß vergessen, das steht nicht in seiner Macht. Wir können unsre Geschichte nicht aufgeben, denn ohne Geschichte giebt cs keine positive Religion. Wir können auch unsre Hoffnungen nicht aufgeben, denn sie haben uns getröstet und belebt in dem schrecklichsten Elend, sie sotten uns auch in bessern Umständen freundlich begleiten. Es ist uns die Gründung eines Gottesreicheö verheißen, in welchem nur Glück und Freude, Verehrung und Erkenn tniß Gottes auf Erden herrschen werden, und diese Verheißung muß jedes Menschenherz mit Entzücken erfüllen. Da die genannten Herren nicht nur Deutsche, sondern auch Christen sind, so werden sie glauben, daß unsre messianischen Wünsche schon in Erfüllung gegangen sind, so daß sie aus unfern Hoffnungen keine Gefahr für den Staat befürchten können. Wir können auch die hebräische Gebetsprache nicht aufgeben, denn uns sind die Gebete, an die wir von Jugend auf gewohnt sind, heilig geworden; sie müßten nicht nur aus den Büchern, sondern auch aus den Herzenherausgeriffm werden. Das angeführte Beispiel, daß auch in den christlichen Schulen das alte Testament nicht in hebräischer, und das neue nicht in griechischer Sprache gelehrt werde, ist ein hinkendes Gleichniß, denn die Christen stammen nicht von den Hebräern und Griechen ab. Alle religiösen Gesinnungen unserer Väter sind in der hebräischen Sprache niedergelegt und eigenthümlich ausgedrückt. Wir sind Deutsche in Hinsicht unsres deutschen Vaterlandes, aber wir sind Israeliten in Beziehung auf unsre Abstammung und unsren Glauben. Erfülle ich mit Treue meine Unterthanenpflichten, spreche ich mit Liebe das Gebet für meinen Landesherrn, für mein Vaterland und alle Bewohner, so hat mein religiöser Glaube mit meinen Staatsvcrhältniffen in keine weitere Berührung zu kommen. Ich muß Jude sein, ob ich hier oder in Paris, in Petersburg oder in Cairo wohne. Ich muß Jude sein, ob Persien oder Deutschland mein Vaterland ist. Am Ende müßten wir noch, um emancipirt zu werden, hohenzollern-jüdisch, würtembergischjüdisch, badisch- und preußisch-jüdisch werden. Zwar wird und muß manche Reform vorgenommen werden, aber nicht um den Preis der Emancipation, denn um äußere Vorrheile eine religiöse Ueberzeugung zu opfern, wäre ein schmachvoller Tausch- und Schacherhandel, wenn das besser klingt, sondern nur, insoweit eine Reform an und für sich nothwendig und heilbringend ist. Die Reform macht die Runde durch die Welt, und es ist ein vergebliches Unternehmen, in das Rad der Zeit zu fallen. Wenn aber die Rabbiner-Versammlungen die gewünschte Theilnahme nicht erhalten haben, so ist das natürlich, denn sie haben sich selbst das Zutrauen entzogen. Wenn Ansichten ausgesprochen werden, wie sie in den Protokollen der Wraunschweiger Versammlung ausgezeichnet wurden, z. B. S. 55, daß die kirchlichen Institutionen der zur Legislatur berechtigt gewesenen Behörden durch einen diktatorischen Ausspruch aufgehoben werden können, oder S. 91:

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