Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1845)
- Date
- 1845-11-19
- Page
- Seite 372 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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372 erfahren. Die Mitglieder der hiesigen Armen-Kommission haben ein Bittschreiben an die hiesigen israelitischen Gemeindeglieder erlassen, das ein schönes Zeugniß ablegt, wie sie von ihrem Berufe durchdrungen sind. Das Schreiben lautet: „An die wohllöblichen Mitglied e r d e r hiesigen r s r a e l i t s ch e n G e m c x it b c. Der hemnnahendc Winter laßt in diesem Jahre im Herzen dessen, dem das Wohl des -dürftigen Bruders nicht gleichgittig ist, größere Besorgnisse entstehen, als dies sonst der Fall ist. Die dringendsten KebenSbedürfnisse haben einen uuverhältnißmäßig hohen Preis erreicht, so daß nicht blos jene Annen, welche von Unterstützung leben, einen doppelten Druck erleiden, sondern anch Familienväter, welche sonst, wenn auch mühsam, ihre Familien ernähren können, mit Angst den gesteigerten Ausgaben entgegensehen. Die Unterzeichnete Armen-Kommission hat es für ihre heilige Pflicht gehalten auf diese drohenden Uebelstände ihr Augenmerk zu richten und Vorkehrungen zu treffen, damit dem Elende und der gänzlichen Verarmung bisher anständiger Familien vorgebcugt werde. Nach reifer Prüfung der Sachlage glaubt sie die beste Abhilfe zu bewirken, wenn sie gesunde Kartoffeln und Hülsenfrüchte ankaust und diese zu den: niedrigen Preise sonstiger Jahre an die Armen abläßt. Um die Mehrausgabe zu decken, welche diese Preisdifferenz erzeugt, bedarf jedoch die Kommission außerordentlicher Beiträge, und wir zweifeln nicht daran, daß unsere Mitbürger und Glaubensgenossen mit Freuden bereit sein .werden, an einem solchen Werke wahrer Religiosität und Menschenliebe sich nach Kräften zu betheiligen. Der Wohlthätigkeitssinu unserer verehrten Mitbürger und Glaubensgenossen ist uns zu wohl bekannt, als daß es einer weiteren Anregung des Mitleides bedürfte. Die Noth drängt, nur die rasche That kann großem Unglücke Vorbeugen; nicht vergebens wird die Mahnung an Ihr Ohr gelangen. Einige unserer Mitbürger werden. persönlich sich die Ehre geben, sich zu Ihnen zu verfügen, nm Ihre gütigen Beiträge in Empfang zu nehmen; möge das Resultat unserer Sammlungen den: Bedürfnisse entsprechen, möge ein Jeder sich beeifern, dem Andern ein Muster von hochherziger Menschenliebe zu sein und so durch edles Zusammenwirken die Wohlfahrt der Gesammtheit gesichert werden. Breslau, im Oktober 1845. Die Armen-Kommission der hiesigen israelitischen Gemeinde: M. Schreiber. Martin Hahn. W. I. Egers. Eduard S. Kölner. W. Schiff. Jakob I. Schweitzer. B. Treuenfels. H. Herz. M. I. Pringsheim. Julius Potozky-Relken." Frclukfnr't n. Mt., 29. Oktbr. Eine Korrespondenz aus Frankfurt a. M. in Nr. 128 der „Jewish Intelligence“, officiellen Organs bet „London Society“, berichtet von einem hiesigen „Exrabbiner" , der seinen Glaubensgenossen schon vielfach in Schriften bewiesen habe, „daß das Christenthum die einzig wahre Religion sei", der aber gleichwohl bisher noch stets gezögert (hesitalecl) habe, .sich selbst durch Annahme der Taufe unumwunden zu dieser vor: ihm als die allein wahre erkannten Religion zu bekennen. Zur großen Freude des Berichterstatters habe ihm jedoch besagter „Errabbiner" am Morgen des 13. Juni d. I. seinen Entschluß mitgetheitt, demnächst zum Christenthum übertreten zu wollen. — Es kann mit der größten Bestimmtheit verstchert werden, daß in hiesiger Stadt weder ein dahier verbürgerter noch ein ausländischer vormaliger Rabbiner eristirt, auf welchen, zumal was öffentliche Druckschriften betrifft, die. obige Schilderung auch nur im allerentferntesten möglicherweise paffen könnte und daß sonach der Bericht in der „Jewish Intelligence" mindestens auf einem Irrt hum über die Eigenschaft der fraglichen Person beruhen muß. (O.-P.-A.-Z.) Hechingett, deu 7. Nov. (Ghillany und die Rabbiner- Versammlung.) Ihr Herr Correspondent aus Hamburg, macht in Nr. 41 des L. B. die kurze Anzeige, daß ich in der Augsb. Allgem. Zeit, vom 23. Aug. Ghillany abgefertigt, und u. A. auch in Betreff der Nabb. Versamml. geschrieben habe. Ghillany und die Rabbiner-Versammlung? Das mag so sonderbar erscheinen, wie Saul und die Propheten. Die Zusammenstellung bedarf der Rechtfertigung. Ghillany nämlich hatte in jener Zeitung erklärt, daß er kein Judenfeind fei, es sei nicht seine Schuld, daß sich Faulh, der Kommissionsberi'chterstatter in der Emancr'pationsfrage der bad. Israeliten zu ihrem Nachtheil auf seine Schriften berufen, daß er Mitleid mit den aufgeklärten Juden habe, daß sie emancipationsfähig würden, wenn sie die Beschlüsse der Rabb. Vers, vollzogen, daß aber diese nicht vollzogen werden dürsten u. s. w. So lange er sich als Feind offen vorgestellt hatte, war er nur insofern gefährlich, als Haß und Vorurtheil ihn zu ihren lieblosen Zwecken benutzten; aber — der süße Kuß und das zärtliche Mitleid eines heimlichen Feindes sind zu fürchten. Unwillkürlich erinnerte ich mich an die Kindesmörderin, welche ihren Henker weinensah. „Zähren? Zähren in des Würgers Blicken?" Ich hielt es daher für eine heilige Pflicht, unsre Glaubensgenossen zu vertheidigen und zugleich die allgemeinen Gründe anzugeben, ausAvelchen sich die mit Freude begrüßten Rabb.-Versammlungen das Zutrauen entzogen haben. Zu diesem Behufe schrieb ich eine Entgegnung unter der Aufschrift: „Das auserwäylte Volk", welche auch die Redaktion jener Zeitung sogleich aufnahm, und erlaube ich mir, dieselbe mit dem Bemerken nutzutheilen, daß seither in jener Zeitung kein judenfeindlicher Artikel erschienen ist: „Wenn den Israeliten 'der Vorwurf gemacht wird, daß sie sich für daß auserwählte Volk halten, so können sie das pytagoräische: uvtoq apa! entgegensetzen; denn Gott selbst hat es sehr oft in der heiligen Schrift gesagt. Wir leben aber nicht mehr in der Zeit des theologischen, sondern des philosophischen Glaubens, und so muß selbst das Wort Gottes vor den Richterstuhl der Oeffentlichkeit gezogen werden.