Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1845-11-19 · Heft 47 (19.11.1845) · p. Seite 371

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 47 (19.11.1845)
Date
1845-11-19
Page
Seite 371 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360364-2360412--5199-3531768
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

371 Jüngern für ihre religiöse Überzeugung. Natürlich steht, um beim Bilde zu bleiben, einem jeden Banner ein Herrführer vor, der seine Schaar leitet, allein nicht immer ist dieser aus Mangel an Sachkenntnis' seinem Amte gewachsen. So hat sich auch ein Arzt, welcheriu religiösen Dingen theoretisch und praktisch fast ganz indifferent ist, an die Spitze einer Partei gestellt, welche immer mehr und mehr um sich zu greifen den Anschein hat, so daß zu befürchten ist, daß sie die Oberhand gewinnt. Unter diesen Verhältnissen geht aber unser Gemeinwesen einer bedrohlichen Zukunft entgegen, deren Symptome sich schon in unserer Gegenwart äußern. Der Arzt, welcher schone Worte von dem künftigen Seelsorger gemacht haben will, sieht so von einem innern wissenschaftlichen und echtreligiösen Kern ganz ab, und begünstigt auch auf diese Weise einen Kandidaten, welcher durch die Aeußerlichkeit der Erscheinung und des Wortes sich eines Arztes Gunst zu erwerben wußte. Es ist natürlich nicht zu erwarten, daß die Vorsteher, tu ein solches Treiben eingehend, eine Wahl schnell als geschlossen anschen werden, von welcher das künftige Gedeihen unserer Gemeinde so wesentlich abhängt, und wird sie von demselben so lange aufgeschoben werden, bis sich Kandidaten anerkannten Rufes gemeldet haben werden. Berlin, 3. Novbr. Die Aeltesten der Berliner Jttdenschast haben eine Uebersicht der Einnahmen und Ausgaben bei der Gemeinde-Haupt-Kasse für daS Jahr | 1844 nebst einigen Erläuterungen herausgegeben, welche - von der Spen. Zeitung vom 29. Oktober im Auszuge rnitgctheilt wird, darnach betrug die Einnahme 29,866 Thlr. 14 Sgr. 9 Pf. ' (davon 23,164 Thlr. von 1207 beisteuernden Gemeindemitgliedern.) Die Ausgabe 28,316 Thlr. 4 Sgr. 5 Pf. Ms Bestand blieb also 1550 Thlr. 10 Sgr. 4 Pf. Unter den Ausgabeposten werden namhaft gemacht: Schullehrer - Seminar 2127 Thlr. Knabenschule 3262 - Mädchenschule 1916 - Gemeindearme 5788) „ DurchreisendeArme 1408^ Krankenhaus 765(N ' 10655 - Stadtarme 3004/ (54?) . Atter-VersorgungS-Anstalt 6195 - Das neue Haus dazu, seit Juli 1844 eingeweiht, kostete 18056 Thlr.; indessen waren an freiwilligen Beiträgen zu dieser Stiftung 22,660 Thlr. eingegangen. Der Ueberschuß von 5500 Thlr. (4600?) wurde zur bessern Einrichtung des Krankenhauses verwendet. Sind auch diese Eingaben noch so sehr lückenhaft und ungenau, so leuchtet doch wenigstens das Streben der jüdischen Gemeindevorsteher Berlins daraus hervor, dem Publikum und insbesondere den Kontribuenten und seinen Mandataren Rechenschaft abzulegen. Es wäre zu wünschen, daß in andern Gemeinden, in denen die Verwalter des Gemeindevermögens sich nicht mehr zu erinnern scheinen, daß sie blos Mandatare ihrer Kommittenten und nicht souveraine Fürsten und Gesetzgeber sind, das von Berlin , einer Residenz, die bis jetzt das Licht der Ocffentlichkeit scheuetc, gegebene Beispiel befolgten. Denn auch hier ist ein Punkt, bei dessen Erörterung mit Christen jeder Jude durch die Wahrheit auf den Mund geschlagen wird, daß in den jüdischen Gemeinden das Princip der Selbstverwaltung, der Ocffentlichkeit und deS Rcpräsentativsystems noch nicht durchgedrungen ist. Wohl ist es an der Zeit, daß Gemeindemitgliedcr ohne Furcht und Tadel au die innern Zustände der Gemeinden die bessernde Hand anzutegen beginnen, wobei sic die Vertretung nach außen hin keincsweges zn verabsäumen oder zu veruachlässigcn brauchen. Oberschlesien, im Novbr. Wan bemühet sich von einer gewissen Seite her diejenigen, welche an Hrn. Dr. Frankel wegen dessen Austritt aus der Frankfurter Rabbinerversammlung Dankadressen gesandt, zu beschimpfen und mit Koth zu bewerfen. Einerseits sucht man Hrn. Frankels Rechtgläubigkeit bei den Orthodoxen zu verdächtigen, andererseits aber wiederum die Orthodoxen als unverbesserliche Obskuranten, denen jeder verjährte Misbrauch heilig und unantastbar ist, zu bezeichnen. Durch dieses Manöver glaubt man jede Annäherung des Hrn Frankel mit irgend einer Partei verhindern, und dessen Wirksamkeit zur Erhaltung des rabbinischen Judmthums hemmen zu können. Ein derartiger Artikel in der Allg. Ztg. d. I. Nr. 45 d. I. enthält der Verdächtigungen viel, daß man wohl Niemanden zumuthen wird, denselben einer Beachtung zu würdigen; wir begnügen uns daher ein für allemal zu erklären: daß wenn es auch wirklich begründet wäre, daß sich die Orthodoxen mit Hrn. Frankel über Reform und Fortschritt ganz und gar nicht verständigen könnten, so stimmen doch jedenfalls beide darin überein, daß wenigstens die Zehn geböte heilig und unantastbar sind, sie muffen sich also gemeinsam wider eine Versammlung verbinden, die zur Ausmerzung deS vierten Gebotes eine eigne Kommission niedergesetzt. Die Zeit dürste es aber vielleicht bald lehren, daß die Orthodoxen die Rechtgtäubigkeit des Hrn. Frankel durchaus nicht bezweifeln, und dessen bisherige Verbesserungen keineswegs verketzern, wie auch, daß Hr. Frankel Diejenigen, die man so gern alS Finsterlinge verschreiet, besser kennt, und von ihnen mehr Heil zur wahren Hebung de§ Judenthums a!S von jeneu Terroristen mit feilen Doktorhüten erwarten zu dürfen berechtiget ist. Germanus. Breslttn, im Novbr. Bei so vielem Unerfreilichen, das von hier ans mitzutheilcn ist, ist es wohl ,gut, wenn Sie zur Abwechselung auch etwas Erfreuliches 47 *.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.