Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1845)
- Date
- 1845-11-12
- Page
- Seite 367 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2360092-2360364-2360411--5194-3531754- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
367 Hierbteiben, kein Mittel, unser Herz und unfern Geist mit dem Materialismus der Mitwelt zu versöhnen? — Wollte ich die allgemeinen Meinungsverschiedenheiten, die für und gegen das Auswandern sprechen, hier auszählen, so ergäbe sich ein Resultat, das trocken auf pro und conti-u sich reduciren läßt; aber eines ausgleichenden Mittels ist man sich im Allgemeinen wenigstens nicht, bewußt. So wie in irgend einer despotischen Verfassung zwei Gegensätze das Gleichgewicht des.Staates erhalten, Herrschen und G e h o rch e n, so weiß der Jude im Allgemeinen (er gestehe es sich nur, die Welt hat es ihn so gelehrt) wenig Besseres zu würdigen, als Ge ld und Nichtgeld; reich, arm. Daß es ein Mittel zwischen diesen beiden giebt, das ausgleichend und mildernd zwischen diesen dunkeln und allzulichten Punkt tritt, fängt man dann erst zu ahnen an, bis das vielbewegte Leben sich dem Ende naht, und die Machination des Geschäftes den Geist, wenn er dann noch einer Affektion fähig ist, anzuekeln beginnt. Wenn dann der Geist vor den ekelhaften Erscheinungen der Allgewöhnlichkeit zu sich selber seine Zuflucht nimmt, so ist es wohl ein weiser, aber später Schritt, denn diese Erfahrung bezahlt man mit dem Leben. Wer sich aber inmitten der Strazzen und Hauptbücher als denkend und fühlend bewährt; wer geistig so hoch steht, daß er das rechtliche Gefühl hat, sich von Menschensatzungen unverdient gekränkt zu wissen, der gehe noch einen Schritt höher, und erhebe sich über jede willkürliche Gewalt — die nothwendige Folge versteht sich von selbst. Wer das Bedürfniß der Freiheit fühlt; wer da unter dem Worte Freiheit nicht bloß ein unbcsteuertes Vermögen, einen unbegränzteren Geschäftsraum, sondern diejenigen Ideen darunter versteht, die den einzelnen Menschen zum Kosmopoliten machen, der —- mache sich also frei, und gründe sein Amerika in sich selber. Was mir Menschen versagen, gewähre ich selbst meiner Familie, und frei bin ich, weil ich mich über die Knechtheit des Jahrhunderts erhebe. Wohl sind solche erhebende geiststützende Betrachtungen nicht allgemein anwendbar, denn wie groß ist die Zahl derjenigen, die mit Selbstgefühl sich emporrichten, und die gerechte Behauptung aussprechen können: „Meine Stufe ist eine über den gewöhnlichen Horizont erhabene, das Gefühl liegt in mir, die Formen der Welt zu verachten, die die Engherzigkeit der Menschen gestiftet." Doch gesteht man sich ungern seine eigenen Fehler ein, und wenn das Herz sich auch durch irgend eine öffentliche Rüge getroffen fühlt, so kommen wir vor lauter Selbstliebe nicht zur Selbstkenntniß. Ist demnach unser Gefühl nicht vft ein wahres Sonntagskleid der Seele, das wir nur auf Sentunentalitätspromenaden anlegen? Wie viele sind, die in der Hast des Lebens an innere Würde noch denken? Diejenigen, die da glauben Gefühl zu haben, wenn sie einsichtsvoll genug sind andere Menschen in ihrem Adel anzuerkennen, zu bewundern und anzustannen, legen eben dadurch da§ Selbstbekenntniß ihrer eigenen Schwäche ab, denn indem ihnen die Würde Anderer stille Ehrfurcht abzwingt, gestehen sie laut genug, daß auf ihrem Boden solche Pflanzen nicht gedeihen. Doch das gehört nicht notbwend'ig hierher und hat nur den Gedankengang meines Aufsatzes vergeblich unterbrochen. Diejenigen, die von jedem höher n Gedankenaufschwung abstrahiren, ihn in das Gebiet der Romantik verweisen, und in ihren durch die Welthandel gebildeten Grundsätzen, wenn ihr unbiegsamer Starrsinn diesen Namen verdient, sich nicht beirren lassen wollen, mit einem Worte, die Kinder des Tages, welche gemäß ihrer Grundsätze auswandern wollen, die dürften aus der Stadt einen Blick aufs Land werfen. Speciell gesprochen: Ein Vermögen von 10,000 fl. reicht für diese Leute zum Glücklichmachen in der Stadt nicht hin, und stellt seinen Inhaber in den Rang der Mittelmäßigkeit. Sich in dieser Lage glücklich zu fühlen, gehört etwas mehr Gefühl und weniger Geldsucht dazu, als wir im Allgemeinen besitzen. Ein Mitgift dieses Kapitals wird oft in der Stadt einem Menschen zu Theil, der die Zahl der überzähligen Mediciner vergrößert, odereinem, der vortrefflich sich darauf versteht, daß „Alles in seiner Hand in Geld sich verwandle", der, wenn es am glänzendsten geht, nicht Zeit hat, seiner Familie, seinem Weibe, seinen Kindern zu leben, der das Bedürfniß eines höhern Lebens in Waarenlagern verlernt hat, der nie vom Geldtaumel, ja selbst auf dem Sterbebette nicht, ernüchtert, weil Leinwand und Cottone ihm das Organ der Erhebung getödtet; aber man hat, wenn sonst nicht das Lebensschiff der Neuvermählten durch irgend eine mißlungene Spekulation ein Leck bekommt, sein Ziel erreicht; man hat sein Kind trefflich versorgt. Durch diese systematischen Versorgungsanstalten ist in den meisten Familien eine Kälte herrschend, die an Herzlosigkeit gränzt. Die heiligsten Naturbande hängen oft nur an dem schwachen Fäden des Schicklichkeitsgesetzes, denn was soll von dem wahren Gefühle übrig bleiben, wenn nebst dem schädlichen Stadtgewühle noch die berechneten Heirathen hinzukommen? Was soll in solchen Herzen gedeihen, die ihr Leben in den dunkeln Läden von vier feuchten Mauern verhocken müssen? In ihren eigenen Häusern sind sie Gäste, oft nicht ihre eigene Kinder kennend, und von diesen nicht gekannt. Ein sogenannter Hofmeister, eine sogenannte Hofmeisterin verwalten das Haus, die Ettern haben nichts zu thun, als für das liebe Futter zu sorgen, und das nennt man hier „groß Haus führen!!" Und giebt es zur Abhilfe des Nebels kein würdiges Mittel? — Die Population nimmt in der Stadt täglich bedeutend zu, jeder Stand ist überfüllt, was kann ein Hausvater Besseres machen, als sich m die Arme der Natur werfen? Scheut man aus Vorurtheilen das Leben auf dem Lande, so stelle man nur Vergleichungen an. Hier in einem dumpfen Verkaussladen, der Diener, oder die Dienerin eines jeden ohne Unterschied, den Schwächen des Niedrigsten schmeicheln müssend, auf dem Lande mit geringerem Vermögen der geliebte Herr, die angebetete Frau der Umgebung; hier eingeknäult in den vier Wänden eines feuchten finstern, von Ladendienecn, Ladendienerinnen und