Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1845)
- Date
- 1845-11-12
- Page
- Seite 366 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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366 Gefühle gleichfalls lebhaft au den Tag zu legen. Nachdem nun zu diesem Behuse ein besonderer Vormittag- Gottesdienst abgehalten wurde, bei welchem der eigens dazu aus Szagaren. berufene Kantor das übliche „JHOT Djwn" und 'O" für Se. Majestät den Kaiser und Sein erhabenes Haus sowohl, als fürdie Stadt und ihre Autoritäten würdig vertrug, — wurden am Mittage 80 jüdische Armen auf dem Synagogen-Platze öffentlich unter freieyr Himmel. von den: Kahal der Gemeinde anständig gespeist, wobei so mancher Toast auf das Wohl Sr. Majestät und der Stadt ausgebracht wurde. Abends waren auch alle Synagogen und jüdische Privat-Häuser geschmackvoll erleuchtet. — 19. Aug. Der seit einem Jahre Hierselbst gegründete ,,Jugendverein", dessen Zweck cs ist, Geld au Unbemittelte auf Pfänder ohne Zinsen zu verleihen, feierte heute seinen Stistnngstag. Herr Dr. Neumann, Prediger der israelit Gemeinde zu Riga, der um eine Rede hierstlbst mnnn abzuhalten hierher berufen wurde, predigte in der großen, eigens dazu herrlich dekorirtm Synagoge in Gegenwart vieler Honora- Lionen, die von dem Vereine dahin geladen wurden, mit vielem Beifall, indem er sehr passend die Worte der heiligen Schrift aus dem Wochenabschuitte (S Mof.15, 7 ff) zum Tevte wählte und so die Zuhörer zur Mildthätigkeit anrcgte und erbaute. —r. tiefte? das Auswandern. Die Tendenz unseres ganzen Lebens ist Egoismus, nur bei verschiedenen Individuen nach Art und Grad verschieden. Es ist ein Unterschied zwischen jenen Anforderungen der physischen und geistigen Bebürsnnisse, an die wir von der Natur gewiesen sind, und zwischen jenen sehr relativen Bedürfnissen, die im socialen Leben der klügelnde Verstand und die brütende Phantasie erzeugt; doch was uns zuweilen in der physischen Welt abgeht, die geistige halt uns dafür schadlos, was aber die geistige uns versagt, kann uns die physische nicht gewahren. Jedes Geschöpf sucht Befriedigung seiner Bedürfnisse und findet sie, aber der Mensch, der König der Schöpfung, der sein geistiges Diplom unmittelbar vom Höchsten geholt, ist 'bereits von der Natur zu sehr entfernt, um Begriffe aufzufassen, die ihn über die Schöpfung erheben. Doch so sehr auch Theorien, so mächtig auch Weltverhältnisse und individuelle Schicksale gegen die innere Würde des Menschen ankämpfen, so dringt im Allgemeinen der Geist dennoch -durch, und muß durchdringen, weil er nicht unter dem materiellen Wesen seine Stelle annehmen kann. — Ist er ein Stempel der Gottheit, ist er jenes Reiches Bürger, wo er sein Bürgerrecht schon durch die Existenz erwirbt, so läßt sich seine Freiheit hier nicht in Fesseln schlagen, und wenn ihn menschliche Satzungen einkerkern und-an äußere Umstände ketten wollen, die Phantasie ergründet Tiefen, durchstreift Welten, und sucht ihre Nahrung da, wo das Nutzvieh des menschlichen Egoismus die vollen Auen der menschlichen Würde kahl geweidet — im Lande der Freiheit. Es haben seit Kurzem in Böhmen mehrere Auswanderungen Statt gefunden, niemand weiß sie soviel ich wenigstens gehört gehörig zu. würdigen. Sie werden belacht, bekrittelt, bewundert, bemitleidet, aber wie gesagt nicht gewürdigt. Da hört man: „der Pfennig gilt nirgends mehr als wo er geschlagen wird," „Bleib' im Lande und nähr' dich redlich;" „wsude dobre, doma neyljb“ (lleberall gut, zu Hause am Besten); dann heißt's noch: Nach Amerika gehen nur Leute, die nichts zu verlieren haben, gebrochene Herzen, gescheiterte Hoffnungen u. s. w.; aber in'diesen und derlei gemüthlosen Floskeln bekunden wir, daß uns, ich möchte sagen, das Verzehrungsorgan des Geistes fehlt. Aus Selbstliebe täuschen wir uns selbst, gleich jenem Fuchsen, der die Trauben bitter findet, weil die umzäunenden Dornen ihn verletzten; allein nicht desto weniger schielt man hinüber jenseits des Oeeans, und macht dadurch die Behauptung wahr: Die Sehnsucht ist die stille Anerkennung der Entbehrung, und willkürliche Entbehrung tft entweder der Sieg des Gei- . stes über sich selbst, oder dessen gänzliche Stumpfheit. — Aus was immer für Geistes - oder Hcrzensgebrechen wir die Handlungsweise unserer Brüder nicht anerkennen wollen, der Geist ahnt sie dennoch. Selbst bei Menschen, die es in der Bildung so weit gebracht, daß sie über gebrochene Herzen und gescheiterte Hoffnungen ihrer Nebenmenschen Glossen machen können, die da behaupten, es könne nur derjenige nach Amerika wandern, der nichts zu verlieren hat, dabei aber an ihre eigene wohlverschloffene Kästen denken; selbst bei diesen Geldklagen, selbst bei diesen Altagsgeschöpfen, die es sind trotz ihrer eleganten Möbeln und prächtigen Teppichen: selbst bei diesen giebt es Augenblicke, wo der Familienvater die ganze gemachte Rennbahn des bisher hingebrachten Geschäftslebens überblickt, und wenn er das Verhältniß seiner Anstrengung zu dem genießenden Rechte als Mensch, als Bürger erwägt, zusammenfährt, und schmerzlich ausrust: Für all' meine unaufhörliche Strapatzen, für all meine schlaflose Nächte und rastlose Tage, für all meinen hochbesteuerten Erwerb nicht einmal Mitglied der Menschheit, nicht Bürger des Staates, dessen Lasten meine Schultern drücken! Wer noch aus dem Strome des Egoismus, in dem wir schwimmen und zu schwimmen verdammt sind, einen Funken Gefühl gerettet, muß nicht bei solchen Betrachtungen sich selber eine Thräne weinen?- Doch, was zu rhun? Sollten alle, die ihre Ketten suhlen, aufpacken und hinüberziehen in das Land des unbesteuertenGeistes? Jeder, denB e g ünstigungen zu Boden drücken, der sein höheres Wollen durch menschliche Satzungen begränzt glaubt? — Giebt es kein Mittel zwischen Auswandern und