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Der Orient · 1845-11-12 · Heft 46 (12.11.1845) · p. Seite 368

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Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 46 (12.11.1845)
Date
1845-11-12
Page
Seite 368 (sequence 15)
Language
German
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— 368 Käufern überfüllten Ladens, draußen ein Kind der freien Natur, so zu sagen, die Krone der Umgebung. Es ist wahr, man hat Häuser hier in der Stadt, und ein Haus in der Hauptstadt ist ein schöner Besitz, aber — man bewohnt sie ja nicht! Welcher Kontrast! im Laden bis zum Ekel knickernd und kriechend gegen jeden Käufer, und zu Hause parquettirte, kostbar meublirte Zimmer, die man nur zeigt; man trennt sich ungern von den Stadtvergnügungen? --Man genießt sie ja nicht, nur das, was sich ihnen aufdringt, nehmen sie hin und bereuen dann das Geld.^ Sie wollen ihren Kindern eine bessere Erziehung geben? Schreiber dieses hat umständlich in diesem Blatte Nro. 42 nachgewiesen, wie es mit diesem Umstande hier steht; honorirt und behandelt man Lehrer angemessen, so findet man gewiß seinen Mann. Wenn ich im Allgemeinen rathe, Güter, Realitäten auf dem Lande sich anzukaufen, wie vielmehr so llten es Leute thun, die freier athmen wollen. —Es ist kein Phänomen der Phantasie, keine überspannte Schwärmerei eines empsi'ndelnden Herzens; aber dort, wo man an den blühenden Auen, den fruchtbeladenen Feldern, ein Resultat des eigenen gesegneten Fleißes sich ergötzt -- unmöglich kann da das Herz dem wahren, von jeder Stadtmgredienz entblößten Lebensgenuß verschlossen bleiben, unmöglich kann man da ausschließlich dem groben Gewinne leben, denn es treten nicht, wie in der Stadt fremde Personen, wie die hiesigen Gouvernanten und Lehrer, zwischen das Herz der Eltern und Kinder, und der Hausvater lebt mehr den seinigen, die dafür mit dankbarer Liebe sein Leben würzen. Fern sei es von mir, das Leben auf dem Lande ausschließlich als beglückend zu preisen. Man kann überall glücklich sein, wenn man nur mit sich selber ausgemacht hat, was dazu gehört; doch nicht ein Jeder muß die väterlichen Fluren verlassen, um sich jenseits des Oeeans eine Heimath zu suchen, nicht ein Jeder der Idee sein Vaterland opfern; wohl ist es wahr, daß unter der milden Sonne die Blüthen frisch und anmuthig gedeihen, aber wenn des Himmels schwarze Wolken unsere Seele ängstigen, so muß. die Sonne im Herzen aufsteigen. Derjenige nun, der durch die Sehnsucht nach dem Lande der Freiheit, deren Bedürsniß für den bessern Menschen anerkannt, der aber durch Hindernisse sein Vaterland nicht verlassen kann, der erhebe sich überWelrverhältnisie und Menschensatzungen, und gründe sich in seiner Heimath sein Amerika, eine Republik, deren Grundpfeiler die Liebe ist in seinem eigenen Hause, ’ Ach, wie viele thäten dieses gerne, wenn nicht unter dem Vorwände „zweckmäßiger Einrichtungen" das Interesse einzelner Aristokraten das Glück ganzer Familien untergrübe. Glücklich, der diese Kränkung mit Gleichmut!) von sich weisen kann. — Wir haben Gort sei Dank nie Mangel an Stoss, unsere moralische Kraft zu üben. .Verlag von C. L. Fritzsche. Derjenige, der seine Existenz hier so zu sagen, ehrenvoll gesichert, d. h. einen Standpunkt hat, von welchem aus er alle Unbille einer Hähern Instanz im Vertrauen auf seinen glücklichen Stern mit Gelassenheit ertragen kann, der aber zugleich seine eigene Würde und seinen Menschenwerth überhaupt zu schätzen weiß, der wird gewiß nicht auswandern, sondern sein Hiersein für seine Nation vom Einflüsse sein lassen. Der da glaubt, jenseits des Oceans wachse das Geld wild, man säe und ernte Dollars, dessen Geschä'ftsgeiste sich unübersehbare Aussichten darstellen, der die Triebfedern des Gewinnes nach europäischer Art erst dort abzumihen gedenkt, für den giebt es. kein Amerika, keine Freiheit, denn er ist ein Sklave seines Gottes. Er thut wohl daran hier zu bleiben. Derjenige aber, der durchaus seines amgestammten Naturrechtes sich nicht begeben will, der durchaus den wohldurchgreifenden Plan berechneter Bedrückung nicht aus Rechnung eines menschlichen Verstoßes setzen will, der durchaus es nicht begreifen will und mag, warum ein Volk durch seine ehemalige Nationalität zu Heloten gestempelt wird, der verlasse ein Land, das ihn ohnehin seiner Gesinnungen halber hinauspeitscht. In Amerika darf er, er selber sein. Wir aber, die wir uns von den heimathlichen Fluren nicht trennen können oder wollen, wir werden die Tendenz derer, die auf ewig von uns scheiden, zu würdigen wissen. So wie unsere innere Ueberzeugung uns zum Hierbleiben bestimmt, so führt sie die ihrige von der Heimath weg. Unser eigener Wille leitet uns im Leben, und Jeder sucht seinen Willen mit seinem eigenen Nutzen in Harmonie zu bringen. Die Individualität des Einzelnen giebt Aufschluß über sein Thun und Lassen, denn Jeder modificirt seine Handlungsweise nach seiner Sinnesart, die nur gegen Umstände mehr oder minder anzukämpfen hat. — Wer aus Grundsatz sich entschließt sein Vaterland auf ewig zu verlassen, der handelt nicht aus bloßer Grille, wessen Unternehmungen aber blos niedriger Egoismus j bestimmt, der ist eben so verachtungsals bedauerungswürdig° , Prag, 1845. Ignaz Schulhof. Personalchronik und Miseellen. Paris. Er e m i e u x ist wieder zum Mitglied des Eeni tralkonsistoriums erwählt worden. :j Tilsit. Der Kaufmann Julius Lebegott in Tilsit,;j zum Stadtverordneten erwählt (zum ersten Male bekleidet $ ein Jude in Tilsit dieses Ehrenamt), ist am ^8. Sept. in die ] Stadtverordneten-Versammlung eingeführt worden. y * * Druck von I. H. Nagel.

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