Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1845)
- Date
- 1845-11-12
- Page
- Seite 363 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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363 Hörer, zu denen sich auch eine große Anzahl Hochgestellter und gebildeter Christen gesellt hatte. — So möge denn der reichbegabte Mann muthig fortschreiten auf der so ehrenvoll betretenen Bahn; möge er die großen Hoffnungen verwirklichen, die wir von ihm nach seiner so schön begonnenen Wirksamkeit zu hegen berechtigt sind. Möge es ihm gelingen, das wahre Licht des Glaubens in einer Gemeinde zu verbreiten, die zum größten Theile zwar den modernen radikal -reformatorischen Tendenzen noch fremd, doch auch nicht mehr den starrer! Priucipien einer stagnirenden Orthodoxie vergangener Jahrhunderte huldigt.—> Ln. Rosenberg, im Oktbr. (R.Cr.T.) Wir haben bereits in voriger Nummer über die Ankunft des neuen Rabbinen der hiesigen Gemeinde, des Dr. I. Levy berichtet und eine ansfnhrlichlre Mittheilung für diese Numnrer versprochen. Derselbe hat nun hierorts sein Rabbinat angetretcn, und beginnt schon in voller Jngeudkraft seine praktische Wirksamkeit, von welcher wir uns sowohl sür die Schule als für die Synagoge recht viel Erfreuliches versprechen. Obwohl wir schon früher die Wahl der hiesigen Gemeinde eine sehr glückliche genannt haben, kommen wir jetzt doch noch einmal auf diesen Gegenstand zurück, und das um so mehr, weil es leider zu dm Seltenheiten gehört, daß hierorts etwas geschieht, ivaS man mit gutem Gewissen rühmen kann; denn überall sehen wir uns hier sonst nur von Rückschritten umgeben, und zu dem reaktionären, hat sich leider jetzt noch daS philisterhafte und spießbürgerliche Wesen gesellt, das wir sür jetzt nur darum ignoriren, weil wir später einmal das ganze Treiben besonders zu charakterisiren Willens sind; um so freudiger begrüßen wir nun da einen Fortschritt, wo man ihn zu erwarten um so weniger berechtigt war, i als der frühere, hiesige Rabbiner vollkommen das Prin- } cip der Stabilität rcpräsentirte, und der Welt wie dem \ Leben völlig fremd und, wenn auch von bravem Cha- \ rakter, so doch von geringer Wirksamkeit war. — Die Dissertation des Dr. Levy, welche den Titel führt: D6 indole atque origine cum reeenlionun lie])raicormn tum Misclmaicorum librorum (Ucber die Beschaffenheit und den Ursprung sowohl der neuem \ hebräischen Schriften im Allgemeinen, als besonders der : Mischna) giebt einen Beweis von dessen umfassender Gelehrsamkeit nicht nur in der jüdischen Literatur, sondern in den orientalischen Sprachen überhaupt, sowie andrerseits seine Antrittsrede sowohl als seine späteren Festtagsreden, eine volle, sonore Stimme , eine schöne, rednerische Sprache und einen geistreichen Vortrag zeigten, so daß die Hiestege Gemeinde in ihrem Rabbinen nicht .. mir einen braven und sehr gelehrten Seelsorger, sondern auch einen talentvollen Redner begrüßen kann. 1 . SW/ä». Rodenberg, 28. Oktbr. (Replik.*) In Nr. 40 des Orients hat ein Hamburger Korresp. über die in meinem Berichte Nr. 37 angezeigte Feierlichkeit am Geburtstage unseres. Kurprinzen eine solche Galle gegen mich, gegen die Gefühle der Gemeinde und gegen nnsern beliebten Redner H. E. Gersfcld ausgeschüttet, daß ich mich genöthigt sehe, Folgendes zu erwiedern: Ueber die Gefühle einer Gemeinde bei religiösen Handlungen solche Ausfälle sich zu erlauben, scheint mir eben so sonderbar als anmaßend, und die hiesige Gemeinde hat ganz recht, wenn sie beim Durchlesen dieses Aufsatzes sagte: „p pDy üb HD?" „Was hat der Hamburger mit unfern Gefühlen zu schaffen?" Ueber einzelne Sätze einer Predigt solche sonderbare, jedes Gefühl beleidigende Ausdrücke gegen einen Redner zu schleudern, kann nur mit Indignation zurückgewiesen werden; und ich würde Solches auch mit Stillschweigen übergangen haben, wenn der Korresp. sich nicht auf Geschichtsfakta beriefe, diedasMotiv seiner übersprudctnden, unfreundlichen Sprache wären. Wohl hat die Macht der Umstände, die überall der Grund großer Erscheinungen ist, auch in Hessen 1830 wohlthätig sür das Volksleben gewirkt und zu der Konstitution beitragend, den Israeliten die Aussicht eröffnet, besser gestellt zu werden; von einer Emancipation war aber noch keine Rede und erst 1833 trat solche ins Leben. Die einigen §§. der Verfassung, welche die Gleichstellung wohl in Aussicht stellten, standen auf solchen schwachen Stützen, daß bei den Landständen sich eine bedeutende Dissens erhob, und der damalige Landtagskvmmissär, Vorstand im Ministerium des Innern, als größter Gegner derselben sich dagegen aussprach und jede Hoffnung beinahe aufgegeben werden mußte; und hatte der Kurprinz-Mitrcgent, den andern deutschen Fürsten gleich, das EmaneipationSgesetzt nicht ertheilen wollen, wahrlich die Landstände und das Volk hätten keine besondere Macht der Umstände hcrvorgerufen, die Emancipation durchzusetzen. Der Hr. Korr, hätte doch wissen sollen, daß die Macht der Umstände, so gewaltig sie auch wäre, den Juden stets nichts, als Verfolgungen und das traurige Bewußtsein, zurückgesetzt zu wcrdeu, brachte. Der Hr. Korr, hätte wissen sollen, daß alle Schriften für die Emancipation, alles dieses Geschrei, alles Philosophien, die Emancipation nicht hervorbringen, alle Landtagsverhandlnngen bei den Kammern oder beim Kabinet nichts ausrichten konnten. Der Hr. Korr, hätte wissen sollen, daß die Inden im übrigen Deutschland ein Te cteuin erheben, wenn ein Jude Feldwebel oder Postschreiber wird, in-Hessen aber seit Ich nehme diese Replik nach dem Wunsche des Einsenders auf, weil die Unparteilichkeit des Blattes es erheischt. Ich bitte aber den Korrespondenten, da ich Zuschriften seiner Art nicht vertragen kann, mich in Zukunft mit jeder Art Mitteilung zu, verschonen. Red. 46 *