Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1845)
- Date
- 1845-10-29
- Page
- Seite 351 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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351 des WuchernS an die ursprünglichen Besitzer desselben, an die Nationen, unter denen die Juden leben, zurückgehen. Noch ein Jahrhundert und etwas Emancipation mehr und es wird wahr sein, was schon vor 3 Jahrh. ein anonymer Verfasser den Christen prophezeite: „Er setzt sein end Ln zeitlich Gut Und darin sucht sein Freud' und Muth, Der greifft dem Juden nach dem Hut Und ist ein Jud, wie man ja thut k." Andere Neuigkeiten giebt es auch. Der Schneider Zeller hat ein Buch herausgegeben, der neue Komet, über Reformen und Reformatoren, ein Meisterstück von Unsinn und Unwissenheit. Sic erwerben sich ein Verdienst, wenn Sie für das lachlustige Publikum des Orients oder Sabbatblatts Auszüge daraus geben, namentlich aus den Poesien. Das ist wirklich der Humor der sonst so entfielt Angelegenheit. Bei einem neuen Nebelbild in Frankfurt mag Herr Zeller sich mit dem Portier unterhalten» 1 Die Schrift von Katischer werden Sie auch schon gesehen haben. Aut Jom Kippur hat's hier Predigten geregnet. Die meisten sollen in der That voll Wasser gewesen sein. Ein guter Redner ist ein schlimmeres Beispiel, wie ein schlechter; denn es wollen ihm alle nachahmen. Seitdem Sachs hier ist, hält man es kaum mehr au§ vor lauter Beredsamkeit. DaS ist das Unglück der Redefreiheit, eine Pest, die bis in die Nachbarörter von Berlin, die man durch Eisenbahn erreichen kann, sich verpflanzt und die „furchtbaren Tage" nur noch furchtbarer gemacht hat. Makaws. Frankfurt a. M., 18. Sptbr.*) Heute ist an Dr. Frankel, Oberrabbiner zu Dresden, nachstehende mit 297 Unterschriften hiesiger Gemeindemitglieder versehene Adresse nebst einem prachtvollen Pokal abgegangen. Diese allgemeine Anerkennung hat nicht der Austritt dieses Gelehrten aus der Rabbinerversammlung allein hcrvorgerufen, denn abgesihen, daß ein negatives Wirken, so nützlich und heilsam dies wie im vorliegenden Fall auch ist, keine öffentliche Huldigung Hervorrufen kann, so hätte diese Anerkennung auch einem andern Mitgliede, das aus gleichen Gründen die Versammlung verlassen hatte, zu Lheil werden müssen. Diese Manifestation ist aber einerseits ein Protest gegen die Anerkennung, welche von einer kleinen Anzahl hiesiger Gemeindemitglieder dem Wirken und den Leistungen der Rabbinerversammlung zu Theil ward, andererseits' aber auch ein Adhäriren zu den Principien, die Frankel in seinen Schriften darlegt. Dr. Frankel ist ein tüchtiger Kämpfer eines besonnenen, langsamen *) Auf den Wunsch vieler Leser, die gern im „Orient" die vollständigsten Mittheilungen der Adressen an Dr. Z. Frankel haben möchten, drucke ich auch diese Adresse ab, obgleich ich glaube, daß sie durch die Tagesblätter genugsam bekannt geworden. D. Rad. Fortschritts; gestützt auf gründliche Wissenschaftlichkeit, weist er mit weiser Bedächtigkeit, die aber desto sicherer zum Ziele führt, der Entwickelung religiöser Institutionen die historische Bahn, die nicht minder wie die Gegenwart zum Schaffen drängt, zur ssichern Leitung an. Es läßt sich nicht läugnen, daß der reformatorische Brennstoff alle Herzen entzündet hat, was aber nur wie das Lebenslicht erleuchten, die Geistesdun-, kelheit erhellen und nicht wie eine zerstörende Fiebergtut das. Mark des religiösen Lebens aufzehren darf. Daß die Mehrheit unserer Gemeinde nur einen besonnenen, aber nicht den zur Zerstörung und Auflösung führenden Fortschritt will, zeigt der Führer, dem sie huldigt, und die Worte des Dankes, den sie an denselben wie folgt richtet: „Anden hochwürdigen Oberrabbiner Hrn. Dr. Zacharias Frankel in Dresden. Wenn aus der Mitte einiger israelitischen Gemeinden und zuletzt auch aus dem Schooße der unsrigen in Adresien und Denkschriften an die jüngst dahier stattgehabte Rabbinerversammlung einem Auftreten und Streben Huldigung und Dank gezollt worden, welches die große Mehrheit in Israel.— weit entfernt, es gut zu heißen oder gar sich ihm anzuschließen — als verwerflich und mit ihren Gesinnungen in grellem Widerspruche erkennt und die in den Schritten'jener Versammlung sich kundgebende Richtung als einen in ihrer religiösen Denk- und Handelsweise anregenden, nimmermehr zu vermittelnden und auszugleichenden Zwiespalt betrachtet, so fühlen wir, die ergebenst Unterzeichneten, uns verpflichtet, feierlich und ausdrücklich zu erklären: daß jene in Denkschriften rc. niedergelegten Hoffnungen, Wünsche und Gesinnungen in keiner Beziehung mit unfern Grundsätzen übereinstimmen , und daß von unserer Seite dem, in der Adresse eines Thciles der hiesigen Gemeinde, ausgedrückten Dank für Das, was man Leistungen der Rabbinerversammlung nennt, nicht beigestimmt werden kann. Wir haben mit Schmerz vernommen, wie Männer, die sich zu Lenkern und Leitern einer neuen Richtung im Gebiete des religiösen Lebens aufwerfen, unter dem exoterischen Vorgeben, das Veraltete neu beleben, das Hinfällige erhalten zu wollen — mit jenen verbrauchten Redensarten, mittels deren man gleisnerischer Weise alle positiven und historischen Elemente des Juderithums dem Hohngelächter des gemeinen Volkes preiszugeben sucht —, das" heilige Palladium unserer Religion in den Staub traten; wir haben den Geist der Vernichtung sich allmälig über Alles ergießen sehen, was sich bis heute noch in dem Entwickelungsgange der Geschichte für Israel unerschüttert erhalten hat: „Die hebräische Sprache", welche mit ihrer reichen Literatur gerade in den neuern Zeitläuften mit frischer Jugendkraft aufgeblüht; „Die heiligen Gebete", welche mit uns in die Zerstreuung gewandelt; „Der Sabbat und die Festtage", welche in allen Zonen der Erde gleich heilig gefeiert werden; „Der Messiasglaube", mit den Hoffnungen und Wünschen, die — wie selbst die Rabbinerversammlung ausdrücklich einzugestehcn nicht umhin konnte —, weil sie nur einen religiösen, nie aber einen die Pflichten gegen das Vaterland ver-