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Der Orient · 1845-10-29 · Heft 44 (29.10.1845) · p. Seite 352

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Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 44 (29.10.1845)
Date
1845-10-29
Page
Seite 352 (sequence 15)
Language
German
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352 letzenden Charakter besessen, sowohl in den trüben. Zeiten drückender Knechtschaft als unter den milden Strahlen, einer .hunranern Behandlung in den Gebeten, und Lobgesängen Israels nie gefehlt. Alle diese heiligen und ehrwürdigen Denkmale und Institute, die Lebensnerven des Judentums, wurden in der Versammlung nicht etwa mittels wissenschaftlicher Kritik, sondern mittels seichten, oberflächlichen Absprechens dem Geiste der Akkomodation zum Opfer gebracht! Und unter diesen Männern gleichen Strebens, gleichen Sinnes, in einer Versammlung, wo das zerstörende und auflösende Princip allein als der Ausgangspunkt und Leitfaden der Reform erschien, begannen Sie, Hr. Oberradbiner, den Kampf der Erhaltung mit der gedankenlosen Vernichtungs- Lust. Mit Ihrer wissenschaftlichen Tiefe, mit Ihrem religiösen Ernste und Ihrer gemüthlichen Innigkeit zeigten Sie der Versammlung, auf welche Weise eine Reform praktisch ausführbar, heilsam, versöhnend und vermittelnd die verschiedenen Meinungen einander näher zu bringen vermöchte. Sie stellten dar, wie das Umschassen und Umformen ohne princkpielle und wissenschaftliche Motive keinen Eingang finden könne, wie ohne eine sich durch das Ganze ziehende harmonische Norm man mit dem Vertrauen des Volks nur Misbrauch treibe. Ihre Worte konnten da keinen Eingang finden, wo nur das negirende Element als vorwaltendes Princip zum voraus stillschweigend als Leitfaden angenommen war. Und als man die hebräische Sprache — das Symbol der religiösen Einheit — aus der Synagoge zwar ganz zu verdrängen nicht den Muth besaß, aber statt dessen die Erklärung gab, daß das hebräische Gebet unter den obwaltenden Verhältnissen nur rarhsam sei; als man so den schlecht bemäntelten Ausspruch that, daß man Das, was der so vielfach angerufene Geist unserer Zeit dermalen nicht gutheißt, im Laufe der Zeit mittels allerlei Umtrieben und Machinationen zur Reife zu bringen und ihm den jetzt noch nicht zeitgemäßen Eingang zu erwirken streben werde: da haben Sie, ehrwürdiger Herr, durch Ihren Austritt aus der Versammlung Ihre Opposition auf eine Weise kundgerharr, die Ihnen die Sympathien aller treugebliebenen Israeliten erwarb; aller Derer, die treu und glaubensfest wie ihre Väter, in den Schöpfungen, welche, die Rabbinerversaminlung ins Leben zu rufen beabsichtigt, nur ein wirres Chaos sehen, welches das leere, finstere Nichts in seinem Schooße trägt. Nehmen Sie darum, edler Kämpfer für das Heiligthum Israels, den freiwilligen Tribut unseres innigsten Dankes für Ihr kraftvolles und muthiges Auftreten bei der Versammlung und für Ihren eben so muthkgen Rücktritt aus derselben mit der Versicherung hin, daß sich in unserer Gemeinde noch eine beträchtliche Anzahl von Männern findet, welche die aufdringliche, unwissenschaftliche Reformsuchr verwirft und zurückstößt, und sehr wohl zu unterscheiden weiß zwischen den herbelzuführenden Reformen innerhalb der Grenze des positiv-Historischen und Solchen, die ihre Stütze nur in dem wandelbaren Geiste der Zeit finden. Nehmen Sitz, Verehrtester Hr. Oberrabbiner, auch diesen Pokal, den wir Ihnen hierbei zu. überreichen die Ehre haben, als ein Zeichen der Anerkennung für Ihr Streben und als Rückeriimerung an eine Gemeinde an, welche Zeuge Ihres edlen Kampfs war, und deren einsichts. vollere Mitglieder mit vollem Vertrauen ihre Augen auf Sie richten, daß Sie in diesem Kampfe auf der begonnenen Bahn fortschreiten und nicht ermatten und ermüden werden, bis Sie die göttliche Wahrheit in der vollen Glorie ihres unverlöschbaren Glanzes siegreich vor aller Augen verkündet haben werden. Möge der Herr Zebaoth, der Gott der Liebe und der Wahrheit, Sie in seinen allmächtigen Schutz nehmen! Frankfurt a. M., im August 1845.'' Diese Adresse wurde von dem greisen Rabbiner Trier mit folgendem Schreiben begleitet: „Hochgeehrter Herr Amtsbruder! Es gereicht mir zur Ehre, das Organ einer großen Anzahl meiner Gemeindemitglieder zu sein, um Ihnen beifolgende Adresse, in der die Anerkennung Ihrer Verdienste und Ihres Wirkens zum Heil und Ruhm unserer leider so vielfach verschmähten Religion auf eine so unzweideutige Weife dargelegt ist, zu überreichen. Wie sehr es einen schwachen Greis, der der ewigen Wahrheit so nahe steht, auch schmerzt, daß in seiner Gemeinde de- Zwiespalt und die unselige Zerrissenheit den einheitlichen Gemeindesinn zerstört und die Bekenner Eines Glaubens in zwe-i Lager theilt, die sich gegenseitig, wenn auch nicht offen an feinden und bekämpfen, aber denn doch mit mistrauischen Augen begegnen, so gereicht es mir hingegen-zur Freude, daß e Gott Lob! in meiner Gemeinde noch eine starke Anzahl vo; Männern giebt, die noch nicht in das feindliche Lager über gegangen und nur der muthigen Vertretung bedürfen, um <u r der Bahn, die uns unsere Voreltern als den wahren Weg zum Heil und zur Unsterblichkeit bezeichneten, zu verharren. Fahren Sie fort, geehrter Herr Amtsbruder, den Zweifelndem und Irrenden ein treuer Führer, den Wankenden eine feste Stütze zu sein, und mit der Macht Ihrer beredten Sprache den Lästerern und Verleumdern zu zeigen, daß das Licht der Wahrheit in ewigem Glanze leuchten und unsere Religion nicht dem Geiste der Lüge anheimfallen wird. An dem Abende meines Lebens sehe ich mit innigem Trost und mit fester Zuversicht dem glorreichen Triumphe der Wahrheit entgegen, und wenn der Segen eines Greises glück- und heilbringend ist, so werden Sie, hochwürdiger Herr Amtsbruder, in frischer Iugendkraft, stark an Geist und Körper, sich dieses Sieges erfreuen. Der Herr segne und bewahre Sie, und lasse Ihnen stets sein gnädiges Angesicht leuchten!" Verlag von C. L. Fritzs che. Druck von I. H. Nager.

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