Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 44 (29.10.1845)
- Date
- 1845-10-29
- Page
- Seite 347 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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347 Wirksamkeit Ew. Exeellenz für dieselben ist, wie eine solche Thatsache für die Israeliten des Landes einen neuen und kräftigen Beweggrund bildet, den weisen Absichten-der K. Staatsregierung immer mehr nachzukommen, da sie daraus die Hoffnung schöpfen, daß in Bälde auch wirklich eine Verbesserung ihrer öffentlichen Verhältnisse durch die Gnade eines allverehrten Souveräns, durch die Einsicht einer wohlwollenden Regierung und durch die vereinte Mitwirkung der Stände des Landes zu Stande kommen werde. Ew. Exeellenz besitzen in Ihrer hohen Stellung die ehrenvollsten Zeichen höchster Anerkennungen von allen Seiten: Ihr menschenfreundlicher Sinn läßt uns aber hoffen, daß Sie, hochverehrter Herr Graf, doch auch den bescheidenen und ehrerbietigen Ausdruck der dankbaren Gefühle, nicht verschmähen, welche darzubringen sich ertauben im Namen und im Auftrag der Israeliten des Königreichs:" (Folgen die Unterschriften.) Im Septbr. 1845. Posen, im Sptbr. In unserer Provinz regt sich ein neues lobenswerthes Streben. Mall beginnt schon allgemein, aus der Feste der Unwissenheit sich herauszuwagen , und an dem belebenden Lichte der Wissenschaft sich zu sonnen.-- Viele Jünglinge, die früher ihre Zeit, wie auch manchmal, die besten Talente, bei überflüssigen Kontroversen und sogenannten Pilpulim vergeudeten, wenden sich jetzt mit dem größten Eifer und der beharrlichsten Ausdauer den Wissenschaften zu, sie lechzen nach der von ihr allein uns dargebotenen Frucht der Erkenntniß, und suchen sich zu ihrem spätern Berufe nützlichen Kenntnissen zu bereichern. Unter wie vielen Aufopferungen die- Meisten dieser jungen Leute schmachten — die nicht nur aller Hilfsmittel zur Erlernung der Wissenschaften entbehren, sondern auch manchen harten Kampf mit den Alten zu bestehen haben, weil sie die kostbare Zeit dem Talmudstudium entziehen und sie auf die Wissenschaften verwenden — glaube ich hier nicht erst angeben zu dürfen, es ist zu allgemein bekannt. Größtenteils gehören aber die der jüdischen Theologie sich widmenden jungen Leute Preußens unserer Provinz an, und sie, unter dem erdrückenden Joche finsterer Orthodoxie emporgewachsen und erzogen, scheinen gerade zur Entfernung aller eingeschlichenen Misbräuche aus dem Judenthume berufen zu sein. Aber nicht alleirr in der Entwickelung unserer Jugend zeigt sich dieser Fortschritt, sondern auch, was.weit wichtiger ist, in dem Streben ganzer Gemeinden, eine unserem Zeitgeiste angemessene und dem wahren Geiste der jüdischen Religion keineswegs widersprechende Reform einzuführerr, und dem Judenthume ein würdigeres Gepräge aufzudrncken. Am meisten giebt dies Bestreben sich kund durch den Wunsch nach wissenschaftlich gebildeten Rabbinern, das in sehr vielen Gemeinden schon laut wird. Viele Vakanzen im Herzogthnme verlangen derartige Rabbiner, und unter diesen ragt Schwerin an d. W. in jeder Beziehung, besonders aber durch die in den meisten jüdischen Häusern dort einheimische Bildung hervor. Der verstorbene selige Rabbiner hat, wiewohl von Vorurtheilen noch nicht ganz frei, dennoch Manches eingeführt, wofür ihm diese Gemeinde Dank wissen muß. Durch seinen.geregelten, mit Chorbegleitung verbundenen Gottesdienst kann diese Synagoge den übrigen unserer Provinz als Muster dienen. Ueberhaupt ist'dort das Fundament gelegt, auf welchem ein tüchtiger Rabbiner rüstig fortarbeiten kann. Der wissenschaftlichen Bildung und Hnnranität des Vorstandes kann man sicherlich bei dieser einflußreichen Wahl . eines Seelsorgers das . größte Vertrauen schenken.;— Leider können wir von der Hauptstadt unserer Provinz nicht ebenso Erfreuliches berichten, als von den kleinern Städten derselben. Die Fackel der Zwietracht hat zwischen Rabbiner und Gemeinde vor langer Zeit sich entzündet, und lodert unheilbringend fort und fort. Zwei Parteien stehen schroff und feindlich sich gegenüber, eine Annäherung scheint unmöglich. Bei dieser Gelegenheit sei es mir gestattet, dem geehrten Rabbiner, Hm. Dr. Fränkel in M.-Friedland meinen öffentlichen Dank hiermit abzustatten. Mich führte, eine Geschäft an diesen Ort, und der 9. Ab in die Synagoge. Anstatt des widrigen Abteierns der Kinnot von unwissenden Privatpersonen, und anstatt der vielen, durch ihre zu große Anzahl den geringen Eindruck verwischenden Klagelieder, hörte ich nur zehn, die Zions abgerechnet, von bcn beiden Vorbetern langsam absingen, und eine Predigt, die jedem Zuhörer die -Wichtigkeit dieses Tages mit eindringlichen Worten ans Herz legte und mit triftigen Gründen die für diesen Tag vorgenommcne Aenderuug vertheidigte. Erbaut verließ ich die Synagoge. Ueberdies hörte' ich von andern sehr Vernünftigen Verbesserungen , die genannter Rabbiner dort schon eiugeführt hat, und dies nicht ohne manchen hartnäckigen * Kamps: unter Anderem eine Konfirmation am vergangenen Pfingstfeste. Diese letzte Einrichtung verdient fürwahr allgemeinere Anerkennung und Nachahmung; es sollte jedem Seelsorger obliegen, sie in seiner Gemeinde einzusühren. Das Judenthum, das heilte leider schnöder Habsucht willen unb aus anderen irdischen Interessen so leicht verseilscht und aufgegeben wird, sollte den: enlpfänglichen Gcmnthe der Jugend besser eillgeprägt und ans Herz gelegt werden! Besonders möchte man doch mehr Aufmerksamkeit auf die Töchter Israels richten, die ihre Abstammung vom Judenthume beinahe vergessen könnten. Warum sollten sie denn bei ihrem eigentlichen Eintritte ins Leben von den Satzungen unserer Religion nicht naher unterrichtet werden? Wir wollen jenes veraltete orientalische System nicht mehr gelten lassen, nach welchem das Weib von Religionspflichten fast ganz ausgeschlossen ist. Vveölcnr, 22. Oktbr. Die Geschichte von dem unbeschnittenenJndenknaben des nunmehrigen Daguerro- 44 *