Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 42 (15.10.1845)
- Date
- 1845-10-15
- Page
- Spalte 665-666 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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665 Kritiken. Die Juden und die Judenstadt in Wien, von Realis. zu loben noch zu tadeln. Wie jedes Ding in der Weltso hat auch die jüdische Nation ihre Licht- und ihre Schattenseiten, und zujenen gehören einige Charakterzüge, die ihr in moralischer Hinsicht zu einem nicht geringen Verdienste gereichen. Wir wollen davon nur den Erfahrungssatz berühren, dass man unter den Bekennern des alten Testaments nur selten Schlemmer und Trunkbolde findet, daß, so viel uns bekannt ist, bisher kein Jude sich mit dem schändlichen Gewerbe des Büchernachdruckes besudelt hat, und daß gewisse Krankheiten, wie auch Gemüthskrankheiten unter ihnen ungemein selten angetroffen werden. Kein Sachkundiger wird auch die Ueberlieferungen der Geschichte in Abrede stellen, daß, so wie Europa seine wissenschaftliche und künstlerische Bildung den G r i e ch e n, es seine m oralisch religiöse Bildung größtentheils den Juden verdankt, und daß die ersten Verkündiger des'Christenthums gcborne Juden waren, wie denn die schöne Bergpredigt aus vielen althebräischen Weisheitssprüchen besteht, und unser einfach erhabenes Gebet: „das Vaterunser" seinem Hauptinhalte nach ein althebräisches Gebet ist.— Ein so merkwürdiges Volk dürfte daher allerdings eine Rückerinnerung, wie wir sie ihm widmen, verdienen." Dieses Vorwort konnte man nun beim Erscheinen dieser Fragmente an allen Ecken der Kaiserstadt lesen, welches der gerechten Sache der Juden gewiß von unberechenbarem Nutzen warz denn es wird durch solche öffentliche Proklamirung die große Menge immer mehr und mehr mit den Juden befreundet, weil man ihr deren Vorzüge vor Augen führt, welches einen bleibenden Eindruck in den Gemüthern zurückläßt. Man lernt unwillkührlich achten, was man verspottet, und schämt sich es bisher gethan zu haben. Der Verfasser setzt den Aufenthalt der Juden in Wien in das 9. Jahrhundert, wie ich, Nr. 30. des Orient zu bemerken Gelegenheit hatte. Schon 1204, heißt es S. 11., hatten die Juden eine Schule in Wien, das ist nach Weschel^ welchen der pseudonyme Verfasser sehr benützte, wie er selbst S. 32. angibt. Sonst bietet das Buch sehr wenig literarische Notizen. Bei Gelegenheit, wo der Verfasser erzählt', daß am 18. August 1760, unter Kaiser Leopold, an der Stelle der neuen jüdischen Sy- , nagogen (Große Pfarrgasse) eine Kirche errichtet wurde (die noch heute steht) und zu welcher der Kaiser sehr feierlich den Grundstein gelegt, hätte nicht fehlen sollen, daß zum ewigen Gedächtnisse eine Marmorplatte folgender Inschrift angebracht wurde: „Marchioni Austriae, Patrono Provinciae, in praesentiä LeopoLdi Rom. Imp. semper Augusti, Hung. ßoh. Regis, Austriae Archsducis et Hispaniae Margaritae Augustissimae Conjugis, a Wilderico S. R. J. Principe Episcupo ordiiiario Synagoga perversa, Patronis Daniele Lazaro Springer Consuie Senatuque Yienneiisi in Ecclesiam conversa, consecrata dedicata est post plene ab Austria .inferior! abactos Hebräos, in festo Messiae Pareiitis Virginis sine Ruga conceptae, Zachariae cognato sacro." (Dem heiligen Markgrafen Oesterreichs und Patron des Landes ist in Anwesenheit des 666 durchlauchtigsten römischen Kaisers Leopold, Königs zu Hungarn und Böhmen, und Erzherzogs zu Oesterreich, und seiner durchlauchtigsten Gemahlin Margaretha, Infantin von Spanien, von Wilderich, des heiligen römischen Reichs Fürsten und Bischof, die nach Umsturz der .Juden - Synagoge unter dem Patronate des Bürgermeisters Daniel Lazar Springer und des Stadtrathes von Wien errichtete Kirche nach gänzlicher Austreibung der Juden aus Medetösterreich geweiht worden, am Festtage des heiligen Zacharias u. s. w.) Mit dem Grundsteine wurde eine große Münze mit folgender Aufschrift versenkt: Auf der Vorderseite: Honoris .Jesu Christi Dei et Mariae Filii Sancti Leopoldi Anstriae Marchionis Positus Est Anno Domini MDCLXX Die XV1U Augusti« (Zu Ehren Jesu Christi des Sohnes Gottes und Mariens, dann des heiligen Leopold, Markgrafen von Oesterreich, ist dieser Stein gelegt worden, im Jahre des Herrn 1670 am 18. August.) Auf der Rückseite: Augustissimus Imperator Mundavit in templum Dei Leopoldus Austriacus Et Divo Leopoldo Post ejectam Judeorum Austriae Marchioni Perfidiam Ac Patrono Abolito ex bis Aedibus Ritu Catholico consecrati Synagoge nomine Feeit Speluncam Latronum MDCLXX. (Nach Vertreibung der treulosen Juden hat dev durchlauchtigste Kaiser Leopold von Oesterreich die hier gestandene Synagoge gestürzt, die Räuberhöhle gereinigt zu einem Gotteshause, und dieses dem heiligen Leopold, Markgrafen und Patron Oesterreichs nach katholischem Gebrauch weihen lassen 1670). Sehr interessant sind die Beilagen aus des unvergeßlichen Kaiser Josephs Verordnungen wegen der Juden, deren wesentlicher Inhalt S. 60. folgender Maßen angegeben ist: „Diese sonderbare Nation, die auf der ganzen Erde zerstreut, do,ch eher einen Nationalgeist hat, als jede andere, die in einem Lande zusammenlebt, und die ihn unter allen Himmelsstrichen beibehält, nährte sich bisher meistens vom Kleinhandel. Da die meisten derselben nur ein kleines Kapital umtreiben, so müssen sie, um davon leben zu können, sich so viele Proceme als es möglich ist, zu machen suchen. Daher wuchern sie freilich oft mehr als sie handeln, lassen sich große Zinsen bezahlen und größere Summen verschreiben als sie geborgt haben und sind genöthigt, durch Geschwätzigkeit und - Kunstgriffe ihre Maaren den Unwissenden.um einen Preis zu verkaufen, der den Werth oft übersteigt. Es dahin zu bringen, daß die Juden statt des Zwerchsacks den Karst ergreifen,