Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1845)
- Date
- 1845-10-08
- Page
- Seite 324 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2360092-2360364-2360406--5146-3531661- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Brwdy, im Septbr. (Nekrolog.) Am 1. April 1845 verlor die Stadt Brody einen ihrer edelsten. Mitbürger, die Menschheit einen ihrer eifrigsten Wohtthäter, die ärztliche Welt einen ihrer berühmten Nestor, der ein halbes Jahrhundert hindurch ihre Wissenschaft mir den tiefsinnigen Forschungen seines Hellen, klaren Geistes, mit den Resultaten seiner gediegenen Beobachtungen und Erfahrungen erweitern und bereichern halst Es war der Tod des als Mensch, Arzt und Philosoph berühmten Dr. Fr re dst an d er, der an jenem verhängnißvollen Lage tief betrauert wurde. Wenn wir von Bewunderung hingerissen werden für große Erfolge in Wiffenschast und Kunst, von Männern angestrebt und errungen, denen es gegönnt ist, in der Mitte hochcivilisirter Staaten ihre Laufbahn zu beginnen und zu vollenden, alle nur erdenklichen Hülfsmittel zur Erlangung ihrer Zwecke zu benutzen, edler Gönner Gunst sich zu erfreuen, durch lohnende Anerkennung aufgemuntert, durch edlen Wettstreit angespornt zu werden: wie hoch müssen wir erst die Bemühungen derjenigen preisen, die ein ungünstiger Stern in früher Lugend schon aus der Musen-Heimath in allen geistigen Bestrebungen unzugängliche Zonen, zumal vor 50 Jahren in einen Winkel Podoliens oder der Ukraine geschleudert, wo ihr nach Wissen lechzender Geist an keinem Bücherschatze, an keinem der tausendfältigen wissenschaftlichen Behelfe, an keinem geselligen Umgänge sich nähren und laben kann, wo keines Mäcenaten Auge freundlich auf sie stehet, wo sie dem täglichen Erwerbe.nachrennen müssen, und dennoch die höchsten Stufen der Erkenntniß erklimmen, und dennoch ihr Genius die divergirendesten Zweige menschlichen Wissens mit gleicher Vollkommenheit erfaßt und sich eigen macht! Solcher Auserwählten Einer war Friedla'nder, dessen Leben'wir hier in schwachen Umrissen nur skizziren können, da uns ausführliche und präcise Daten fehlen, einer bessern Muße es überlassend, den reichen Manuskripten - und Notizenschatz des Verewigten zu einer ausführlichen Biographie zu benutzen. Joachim Friedländer wurde um das Jahr 1708 in Königsberg in Preußen von jüdischen Eltern geboren. Abkömmling jener berühmten Familie, in welcher hohe Genialität ein angestammtes Erbgut ist, deren Sprößlknge sowohl im Gebiete der schönen Literatur Deutschlands, als in dem ernster Wissenschaft einen Namen vollen Klanges sich erworben, entwickelte er als Knabe schon die eminentesten Geistesgaben, und wir ersehen aus vorliegenden Dokumenten , daß er im Jahre 1786 das Gymnasium seiner Vaterstadt, so wie 1791 die medic. Fakultät der Magna Albertina mit dem glänzendesten Erfolge absolvirte. — Auch konnte die große Umwälzung, die zu der Zeit der berühmte Königsberger Reformator der Wissenschaften in der Philosophie bewirkt, unfern scharfsinnigen Jüngling nicht unberührt lassen, und wir sehen Ihn mit gleich großem Eifer der Medicin wie den philosophischen Studien obliegen, welche auch dem ganzen Charakter des Mannes und allen seinen literarischen Arbeiten bis in's hohe Greisenatter den Stempel des strengsten Kriticismus aufdrückten. 7 Aus eigenhändigen Zuschriften Kants an den Verstorbenen, welche im Nachlasse sich vorsinden, gehet hervor, daß er als Jüngling schon die Aufmerksamkeit seines Lehrers und. Meisters auf sich zu lenken gewußt. Gegen Ende des Jahres 1791 begab sich Friedländer zur Fortsetzung seiner medicinischen Studien nach Wien,, machte den damals für Ausländer, welche sich in der österreichischen Monarchie, niederlassen wollten, vorgeschriebenen Cursus mit, hörte Stork, Prohaska, Langmayer, Jacqukn den Aeltern, und promovirte am 13. Juli 1793 an der Wiener Hochschule. In Wien legte Friedländer auch den Grund zu seinen botanischen Studien, die er bis an's Ende seines Lebens mit großer Vorliebe und eisernem Fleiße betrieb, wovon sein Herbarium von mehr denn 6000 schöner und wohlbehaltener Exemplarien aus der Flora Oesterreichs, Galiziens und der Krim, den ehrendesten Beweis abgiebt, und es verdient angeführt zu werden , daß der berühmte Botaniker Dr. Besser in seiner Flora Galiciensis mit Auszeichnung Zriedländers erwähnt und sogar ihm zu Ehren eine Rosaspecies Rosa Friedländeriana benannt hat. Zu derselben Zeit begann auch Friedländer seine meteorologischen Beobachtungen, die er durch volle 50 Jahre mit der deharrlichsten Ausdauer anstellte, niederzuschreiben, welche wichtige Notizen sich unter seinen Papieren vorsinden müssen. Von Wien aus kam Friedländer anno 1795 nach einigem Aufenthalt in Lemberg und Stanislau nach Zaleszczyk in Galizien, wo er eine Zeit lang mit Ruhm die medicmische Praxis ausübte und Gelegenheit bekam, über die damals Herrschende Influenza interessante Beobachtungen anzustellen, die er später in seiner schönen Monographie „über den Katharr" veröffentlichte. Um's Jahr 1799 aber sehen wir ihn schon in Brody, wo er sich' nur bis 1801 aufhielt, daraus gar in den obscurm Flecken Czerwonogrod als Leibarzt des Fürsten Foninski, und nach kurzem Intervalle in der ruß. Gouvernements- Stadt Kaminiec podolski. Wohl mögen es der niedere Kulturstand jener Gegenden, die ungewohnten Lebensverhättmsse gewesen sein, welche Friedländer so unstät machten, und ihn so oft den Wanderstab ergreifen Ließen, bis erst m letztgenannter Stadt ein ungemein ausgebreiteter Wirkungskreis, den in so fremden Elementen sich unruhig und unbehaglich fühlenden Mann, fesseln und durch volle 10 Jahre stättig erhalten konnte. In diesem Decennium gestaltete aber auch eine rühmliche Privatpraxis seine äußern Verhältnisse viel glücklicher, und reichen unermeßlichen Gewinn brachten der Menschheit und der Wissenschaft seine in den Jahren 1807—1813, jener in der Geschichte der Epidemien ewig denkwürdigen Epoche, in sämmt- Lichen Civil- und Kriegsspitälern jener Gegend mit der aufopferndsten Hingebung geleisteten Dienste.