Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 40 (1.10.1845)
- Date
- 1845-10-01
- Page
- Spalte 633-634 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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K34 633 Ärtti&m &febü4>,:bet'SDÜif^stü.- -. den ursprünglichen, ihr immanenten nur vermittelst Berücksichtigung aller zu ihr gehörigen Momente zu erschließenden Sinn. Es giebt Geistcswerke., zu deren Verständniß der grammatische und archäologische Apparat von geringer Erheblichkeit sich erweisen. So ist-die Mischna seit sechzehn Jahrhunderten ein Gegenstand des angestrengtesten Studiums, der geistreichsten Diskussionen; die hellsten, genialsten Köpfe haben ihr ihre Kräfte zugewendet, jeden Satz isolirt und im Zusammenhänge mit einer unerbittlichen Logik erwogen, und wunderbar genug ohne Beachtung der grammatischen Regeln. Und haben also wirklich all diese mit dem Stempel des Genies ausgeprägten. Männer, alle die verschiedenen einander ablösenden Schulen, den Sinn der Mischna misverstanden, falsch interpretirt, verkehrte Folgerungen daraus gezogen, und so das Jndenihum verhunzt und fletrirt? Die Schulen am Ginesaret und an dem Zwillingsfluß, deren Lehrer und Schüler jedes andere Lebensinteresse für Nebensache gehalten, und das Verständnis' und die Fortpflanzung des in der Misch na niedergelegten Traditionsstoffcs als Lebensziel betrachtet, diese haben Lust eingesangen und Hirngespinnste gewoben? Die Thätigkeit der Amorann, welche mit den letzten Mischnalehrern und ihren unmittelbaren Schülern in enger Beziehung standen, die Leistungen der Saboraim, Geomm, der kairuamschen und spanischen Schulen, die staunenswerthe, kritische Arbeit dcrTosafot-Schuleu, waren für die Auffassung der Mischna verfehlt? Der tiefdenkende N a ch m a n i, der scharfsinnige R abben u N i ssim, der klare Aderet, alle die mittelbaren oder unmittelbaren Bearbeiter der'Mischna, deren Zahl Legion ist, diese hätten in der Erklärung der Mischna nur gestümpert? Es ist mehr als Kühnheit, eine solche Behauptung aufzustellen, und legt eine schwere Verantwortlichkeit auf. Und doch erzielt der Vers, nichts weniger als den Jahrhunderte lang gehegten Jrrthum, als legte die Gemara den richtigen Sinn der M. auS, als habe sie für die religiöse Praxis nur den Inhalt der M. mit den nahliegenden Konsequenzen verbraucht, in 100 Oktavseiten aufzudecken. Deutlich setzt der Verfasser die nächste Tendenz seines Buches in der Vorrede aus einander. „Es mußte bei der Erklärung der Lesestücke auch geschieden werden, die wirkliche vom unbefangenen Standpunkte objektiv erkannte Meinung der Mischna von der, welche die Gemara ihr unterlegt, und es bedurfte da eben sowohl deö Nachweises, daß die gegebenen Erklärungen in Wahrheit der Absicht der Mischna entspricht, wie dessen, was die Gemara daraus gemacht hat". —: „Bei der Rachweisung der Misverständnisse, welche der Gemara daraus entsprang, sie ganz in ihrem Sinne reden zu lassen, mußte auch aus den Unterschied aufmerksam gemacht werden, welcher auch hier wieder zwischen der jerus. und der bäb. Gemara sich zeigt, indem auch in sachlicher Auffassnng (wie in sprachlicher) jener sich dem alten Standpunkte enger anschließt, als diese, nicht aus klarer objektiver Erkenntniß, sondern weil in ihrer Gegend die Entwickelung keine so selbstständige war, und daher der eigene Standpunkt mehr der alte blieb. Lichte Blicke einzelner r a b b i n i sch e r Erklärer, welche zuweilen die selbstständige Erklärung der M. der Gemara gegenüber, wagten, wurden gleichfalls hervorgehoben. Dieser Haupttendenz, dem Nachweis, daß Geist und Verständniß der Mischna aüm nachfolgenden Schulen unerschlossen und unerahnt geblieben, selbst denen, die so znsagen von denselben klimatischen nnd historischen Bedingungen eingeschlossen waren, ist die Breite der unter beit Lcsestückeu fortlaufenden Erklärungen gewidmet. Das Buch hat aber noch eine zweite, unausgesprochene, mehr verhehlte Tendenz, die wir auch kennen müssen, um den Geist und die Speeialitäten dieses Werkchens besser zu würdigen. Der Vers, scheut keine Mühe, den Herleitungm der M. für ihre Ansichten ans dm Worten der Bibel nachzugehen, ja oft nachzuspüren, um daraus den „getrübten exegetischen Sinn" der Mischnalehrer, und ihre geringe Kenntniß des biblischen Gedankens faktisch nachzuweisen, Es ist dies eine der Steckenpferdideen, die in den verschiedenen Arbeiten des Vers, periodisch wiederkehren, daß die Mischna, so wie sie von der Gemara gcmisdentet wurde, auch ihrerseits denWortsinn der Bibel durchaus misverstauden habe, daß es ihr mit den a k k o mmod a ti v e n Erklärungen Ernst gewesen, daß mithin, und das ist das Wichtigste, ein großer Theil der für traditionell ansgeg ebenen religiösen Bestimmungen dem Standpunkt einer bornirten Exegese anheimfalle. — Man erkennt leicht, daß es den: Hrn. Vers, bei diesen Tendenzen nur um Rechtfertigung und Begründung seines cmtitalmudischeu, wenig philosophischen Standpunktes zu thun war; daß demnach dieser Arbeit das Hanptrequisit einer wissenschaftlichen Behandlung, ^Unparteilichkeit, äbgcht. Wiewohles uns hier gar nicht darum zu thun ist, das G laubensbekmntmß des Hrn. Vers, zu beleuchten, sondern nur den Werth oder Unwerth' vorliegenden Buches nnd seiner Methode zu beurtheilen, so kann ich doch kaum umhin zu bemerken, daß, wie sehr sich auch der Verfasser den Schein giebt, als seien seine Ansichten über das Verhältniß der Mischna zur Bibel unfehlbar, sie bereits von Hrn. Hirsch angefochteu und ad absurdum geführt sind, auch wird es mir schwer die treffenden Worte des Hrn. Dr. Sachs über diesen Punkt zu uuterdücken, aus seinem gediegenen Buche „die religiöse Poesie der Juden in Spanien" , dessen gedankenvoller Inhalt und schöne Form auch-den Redlichsten zum Plagiat verleiten könnten. „Wenn in neuerer Zeit den Weisen, oder vielmehr der Weise des Midrasch und spezieller deö Talmud, ein „getrübtes exegetisches Bewußtsein" zugcschrieben wird, und ihnen nachgesagt wird, daß