Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1845)
- Date
- 1845-10-01
- Page
- Seite 315 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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man dem- Durstigen einen Trunk Wasser m der Ferne und zwar in weiter Feme, wmn man die große Acugstlichkeit und steife Förmlichkeit, die kn der diesjährigen Sitzung geherrscht, in Betracht zieht. Wo es sich um dringende Forderungen der Zeit, um Lebensfragen handelt, da kann man sich nicht selbst in so gemächliche Sicherheit einwiegen. Angenommen, es traten der nächsten Versammlung keine Hindernisse oder Storungen in den Weg und sie könnte ihre Arbeiten ruhig an die bisherigen anknüpfen, wie viel von der karg zugemessenen Zeit müßte nicht allein schon auf das neu einzuführeude Gebetbuch verwendet werden. Wird nicht fast jedes einzelne Gebet, selbst manches Wort zu langwierigen Debatten führen, zumal doch ein jeder der Herren Rabbiner sein Licht so gerne leuchten lassen möchte. Dieses Gebetbuch wäre allem schon eine Arbeit, die Monate erforderte. Wie soll es nun erst mit der Frage über den Sabbat, über Eherecht, Speisegesetze re. gehen? Hier wäre vom Standpunkt der Rabbinerversammlung, d. h. vom historisch-positiven aus gar kein Ende abzusehen. Die Bibel allein enthält 613 Ge- und Verbote, beim Talmud selbst ohne Kommentatoren geht es gar in die Tausende, und während diese Herkulischen Arbeiten bedächtig fortschreiten, soll die Zeit ihren gestügclten Schritt einhaltm? Soll man in Demuth und Bescheidenheit auf Vollendung des Werks harren? Zudem erscheint schon dem Unbefangenen, wie viel mehr aber erst dem religiös Gesinnten, diese Art, die Religion jedes Jahr gleichsam eine Badereise machen zu lassen, um da vor aller Welt kurirt, gewaschen und aufgeputzt zu werden, viel mehr geeignet, eine so heilige Sache zu entweihen, als zu erheben. Der Glaube ist zarter Natur und läßt sich nicht wie irgend eine andere Wissenschaft behandeln. Die Rabbinerversammlung möchte aber gerne eine solche daraus machendaher der Plan zu einer jüdischen Fakultät, so daß wir mit der Zeit völlig approbirtc Theologen oder Geistliche , und als natürliche Folge eine hübsch gegliederte Hierarchie hätten. Davor bewahre uns der Himmelt — Mögen die HH. Rabbiner lieber zu Hause bleiben, jeder in seinem Kreise nach Kräften für die Läuterung und Erhebung des religiösen Lebens durch Wort und Beispiel wirken, dazu wird ihnen von allen Wohlgesinntes gern hilfreiche Hand geleistet werden. — An denen aber, die für eine wirkliche Emaneipation von dem Druck so vieler veralteter mit dem Leben in Widerspruch stehenden Satzungen und Gebräuche mit warmem Eifer erfüllt sind , ist es jetzt an der Zeit, mit vereinter Thätigkeit ihr begonnenes Werk wieder aufzunehmen. Es bedarf nur wahren Ernst und Liebe zur Sache, um das vorgesteckte Ziel zu erreichen. Fr. Ob.-Post.-Z. Krotoschin, 8. Sptbr. Der Vierte dieses Monats war für die hiesige Gemeinde ein Tag von ganz besonderer Wichtigkeit und hoher Bedeutung, und wird die Erinnerung an die, an diesem Tage hier stattgehabten Ein weihung s feie r der neu erbauten Synagoge eine stets frohe und freudige sein. Früh um neun Uhr wurden die Pforten zum Einlaß der geladenen Gaste und Derjenigen, die mit Einlaßkarten versehen waren, geöffnet. Der prachtvoll ausgeschmückte und mit Blumen, Guirlanden und Kränzen verzierte innere Raum der Synagoge, deren zahlreiche schöne Leuchter und Kandelaber mit brennenden Lichtern festlich versehen waren, füllte sich immer-mehr und mehr mit Einheimischen.und mit ans der Ferne von lO—12 Meilen weit hergekommenen Fremden. Die beauftragte Ordnungskommiffarien, die sowohl im Schiff, als.auch auf beiden Chören zweckmäßig placirt waren, wiesen deuAngekommeuen ungesäumt Plätze an und hielten auf Ruhe und Ordnung, so wie es die Oertlichkeit erheischte. Um halb zehn Uhr setzte sich der Sängerchor, bestehend aus 40 Knaben und Männern, der in jüdischen Resourcensaate sich versammelt hatte, wohlgeordnet in Bewegung und nahm, in der Synagoge cmgelcmgt, im ersten Chore, gegenüber der heiligen Lade, Platz. Hinter dem Erstem stellte sich das Musikchor auf, um gemeinsam zu wirken. Während dessen versammelten sich, im Lokale des Präses der Repräsentanten, sämmtliche Beamten der Korporation, die vier Lehrer der Gemeindeschule mit einer Auswahl aus den Schulkindern bestehend in 30 weißgekleideten Mädchen und eben so viel egal gekleideter Knaben, die ältesten ehrwürdigsten Männer der Gemeinde, der zu diesem Feste herbemfene Rabbiner Dr. Gebhardt, Rabbiner zu Wreschen, die beiden hiesigen Rabbinats-Assessoren, der Stadtverordneten- Vorsteher, die Magistratsmitglieder, der^ Bürgermeister und der Landrath. Präeis zehn Uhr setzten diese sich dort in Bewegung und bildeten einen wohlgeordneten Zug, der einen recht imposanten Anblick gewährte. Voran schritt ein Fahnenträger mit einer reichverzierten und mit aus das Fest Bezug habende Insignien versehene Fahne, ihm zur Seite gingen zwei Männer, brennende Wachskerzen in ihrer Rechten tragend. Die Mädchen, welche schön, verzierte, mit Blumen angefüllte Füllhörner trugen und dann die Knaben mit Gebetbüchern unter dem Arme, folgten immer Zweien hinterher. Zwei Lehrer gingen jedoch vor den Mädchen und die andern zwei Lehrer hinter den Knaben. Hinter diesen trug der Präses, ein reichverziert.es Kissen, auf welchem der goldbelegte S y n a g o g en - S eh l ü s se l angebracht war, ihm zur Seite gingen, dessen Stellvertreter und der Korporationsvorsteher. Dann folgte der geschmackvoll gearbeitete und reichverzierte Baldachin, von vier jungen Männern getragen, unter welchem der Rabbiner Dr. Gebhardt mit einer Gesetzrolle ging, ihm zur Rechten und Linken gingen die beiden Rablu'uats-Asscfforen ebenfalls mit Gesetzrollen, auch war der Baldachin von acht Greifen umgeben. Hinter demselben folgte der 40 *