Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1845)
- Date
- 1845-09-24
- Page
- Seite 306 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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306 Reformatoren aufwerfen wollen. Unbegreiflich muß es auch erscheinen, wie sich zwei Männer, wie Stern und Bernstein (Rebenstein genannt) sich zu einer Nieform des Judeuthums vereinigen konnten. Stern ist eigentlich seinen Ansichten nach gar kein Jude/ wie er sich denn auch nie mit jüdischen Studien, abgegeben hat, er ist Jnnghegtianer und glaubt iw dem Ausspruche „das Judeuthmn müsse sich dem Staate unterordnen, eher ist eine Emaucipation gar nicht denkbar und früher ist man gar nicht berechtigt, sie zu verlangen", das Ei des Kolumbus gefunden zu haben, wahrend er gerade dadurch seine Unkenntniß und allen Mangel an Beruf blosstellt. Stern macht aus dem Judcnthum was er für zweckmäßig hält, damit es ganz so aussehe wie jede andere oder gar keine Religion und glaubt dann noch, daß ihm die Judmheit ihren tiefsten Dank dafür votiren müsse, unb alles das, weil seine Borträge bei schonen Damen Beifall fanden. Dagegen ist Nebenstein ein Mann, der das Judenthum genau kennt und weiß, wie weit inan mit einer Reform gehen kann; Rcbenstein ist weit entfernt, eine Verlegung des Sabbat auf den Sonntag oder eine Abschaffung der Beschncidung bezwecken zu wollen und als vor einigen Monaten —- kurz vor der Rabbiner-Versammlung — die ganze Gesellschaft znsammengetreten war, da stimmten zwei Drittel d er se l b e n für einen besseren Gottesdienst, und man sah, daß Alles nur darauf hiuwics und ein Weiteres nicht beabsichtigte. „Das große Wort ist gesprochen: Berlin wird für seine jüdischen Einwohner einen zeitgemäßen Gottesdienst haben" und daß es dabei geblieben, das erkennen wir daraus: man verlangt jetzt von Hamburg einen Prediger für die Festtage! Run aber sind wir doch berechtigt zu fragen, wozu bedurfte es so vielen Larmens, wenn weiter nichts als das geschehen sollte? — Ganz richtig hatte Dr. Werner in der erwähnten Versammlung gesagt, daß man erst eine Basis, feste Glaubensartikel haben müsse, aber er fand kein Gehör! Das ist freilich ein Unterschied, eine solche Reform wäre nicht so leicht gewesen, denn dazu gehören Kenntnisse, ein fester Muth und etne unabhängige Stellung! Unter anderen Umständen ist es gar nicht möglich, Reform-Vorschläge, die daS eigentliche Wesen der Religion antasten, zu machen und Nebenstein, dem ebensowenig Kenntniß der Sache als ein richtiger Blick abzusprechen ist, sagte in zu großer Besorgniß schon, „wir sind Privatleute, die' ihr Reformbedürfniß aussprechen, die also späterTheolegenheranzieheuwerden." Jetzt freilich ist das AüeS nicht nöthig, und man hat sich nur zu schämen, sich so lächerlich gemacht zu haben l Um einen besseren Gottesdienst zu haben, so wie ihn Jacobsohn schon vor 30 Jahren in Berlin einsührte, wie er nach dem durch die orthadoxe Partei veranlaßten Verbot desselben im Waisenhause durch Direktor Auerbach im Kleinen cingcführt wurde, wie ihn vor 26 Jahren Kley in Hamburg einführte, wie er nachdem in Leipzig (während der Messen) eingerichtet wird, wie er diesem ähnlich in Seesen, Wien und vielen andern Orten besteht — bedurfte es da so vieler Umstände, mußten deswegen so viel Erklärungen abgegeben werden, brauchte man da von einer Audienz, die Dr. Stern beim Minister Eichhorn hatte, so viel zu erzählen, hätte da Dr. Geiger in Breslau nöthig gehabt, sich in eine so zweideutige Position zu bringen, indem er anfänglich zum Beitritte aufforderte und nachher seine eigenen Worte desavouirte, bedurfte es da einer Reise nach Frankfurt, einer inhaltlosen Adresse an die Rabbinerversammlung und einer unbestimmten, Alles und zugleich Nichts besagenden Antwort von derselben, endlich bedarf es denn zur Veränderung des Gottesdienst nach bestehenden und nnee- ' kannten Mustern etwas weiteres als ein Zusammentreten der Personen, welchen solche Reform Bedürfnis; geworden und hat man sich in Berlin jetzt nicht eben so lächerlich gemacht durch den vielen Lärm, wie vor zwei Jahren in Frankfurt? — Freilich nehmen wir keinen Anstand zu gestehen, daß wir seit zwei Monaten wieder um viel Hoffnungen ärmer geworden sind, und leider muß ich sagen, daß ich auch zu denen gehöre, welche sich getäuscht haben. Von dem Berliner Reform-Verein erwartete ich, daß er Muth und Freisinuigkeit besitzen würde, die historische Kritik umzuwerfen , nur die Kritik des Verstandes gelten zu lassen und daß er so ein ucues Gebäude aufrichten würde, das freilich erst in späterer Zeit Anerkennung gefunden hätte, aber doch für alle Zeit von Wirksamkeit gewesen wäre; wir hätten dann im Judenthum ein Schisma gehabt, wie es deren in seiner frühesten Zeit gegeben, und hätte es auch nicht unsere Billigung erworben, weil wir jede derartige Trennung von einem unterdrückten Stamme als einen Trcubrnch betrachten, so hätten wir doch dem ernsten Willen, der kräftigen That unsere Achtung nicht versagen können. — Von der zweiten Mabbincr-Versammlung erwarteten wir vor Allem die Erörterung von Principienftageu, damit auf diese Weise ein neuer Grund gelegt werde, auf dem sich dann leicht ein anderes Gebäude errichtet hätte, statt dessen blieb man auf der Oberfläche, beschäftigte sich mit dem Gottesdienst, als ob dieser das ganze Fundament des Judmthums wäre, benahm sich außerdem wenigstens theilweise, so kindisch, so arrogant, sogar so unmoralisch, daß die Rabbiner-Versammlung mit dieser zweiten, bei den Orthodoxen sowohl als bei der freisinnigen Partei, alles Zutrauen, alle Achtung verloren hat und das Institut jetzt schon zu Grabe getragen ist. — \ So stehen wir denn, wo wir vor 5 Jahren standen, sind feinen Schritt weiter gekommen, aber manchmal getäuscht worden! — Die Hoffnung auf cin Zusauuntwirkeu ist erloschen, die Idee des Fortschritts aber ist lebendig geblieben und wird cS ewig bleiben, sonst aber wird es sein wie es bisher gewesen: die einzelnen