Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1845)
- Date
- 1845-09-17
- Page
- Seite 298 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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298 Krotoschin, 1. Sptbr. Der Jesuitismus fangt an auch in unserer Judenheit Raum zu gewinnen und immer mehr und mehr sich breit zu machen. Besonders bewährt sich ein so sehr berühmt gewordener Wahlspmch: „Wer nicht für mich, ist wider mich" auf eine sehr betrübende Weise, bei einer Partei der Br es la er Gemeinde, die den Geist der Aufklärung, wie frische, Labende Lust eingeathmet haben will und das Judenthum, wie es zeither bestanden und mit der göttlichen Hilfe nochferner bestehen wird, ein „polnisches Judenthum" nennt, als wenn eS noch eine andere Art von Judenthum, so z. B. ein schlesisches re. gäbe? — Ein Artikel, von diesem Eldorado aus datirt, in Nr. 35 der Zeitung des Judenth. hat, wie die Abfassung desselben höchst misfallen. Der Abfasser, ohne,Zweifel zu den Organen der Geiger'schen Partei gehörig, müht sich ab, über das Judenthum in seiner allmäligen Fortentwickelung. und über einen seiner eifrigsten und redlichsten unter seinen jungen Vertretern eine Unzahl Schmähungen und Verdächtigungen heraufzubeschwören, um sie über Beide auszuschütten. — Wenn diese Partei auf solche Weise mit dem Judenthum verfährt, oder doch gerne mit ihm so verfahren mochte, so mag man es ihr schon immerhin gehen lassen. Wir könnten ihr nur mit den treffenden Worten Jesajas begegnen: inrn ^D-TonnDl -poviD. Möge die Rabbiner-Versammlung, die dieser Partei schon manches freiwillige Opfer brachte und, wie vorauszusehen/noch ferner bringen wird, über das Judenthum, besonders übeM das polnische Judenthum, beschließen und abstimmen und verhängen, was sie nur wolle, möge sie sich immerhin in einer ,,b e son neue n Reform" ganz nach Belieben bewegen, einen drei- oder vierjährigen Ciklus zum Verlesen der Tora durch Abstimmung gestalte:: und modeln; möge sie auf reformistische Manier, es hin und her zerrend, nach und nach von ihm abbröckeln, was ihr nur immer beliebt; möge sie, auf die Bibel hinweisend die Gesetze reduclron, vereinfachen und platt drücken; möge sie ferner die hebräischen Gebete aus dem Gotteshause nach Belieben bannen, auS leicht begreiflicher Voraussicht, weil sonst vielleicht ein Rabbinerchen einer später:: Generation beschämt werden könnte, wenn cs die j/o&y ruvnp laut hersagen müßte; alles dies ist unschädlich und bleibt ohne Einfluß, ohne üble, erschütternde Folgen. Die Feile an ein edles Metall gelegt äst iinmer für dasselbe dadurch verderbend, daß sie einen Abfall bewirkt. Das Ganze wird zwar feiner und polirter, aber auch verringert und werthloser gemacht. — Das Judenthum ist kräftig, wenn auch alt, ist markig, wenn auch ergraut, es ist fest wie Granit und Erz, denn der ewig waltende " Geist Gottes wohnt in ihm. Es rauchen oft Erscheinungen so verschiedenartig in ihm auf, es sind aber lauter Nebelgcstalten, die sich wieder verflüchtigen und wie Dunst vergehen. Denn wenn ein Sabbatai Zebi, in einer religiös-politischen, Alles von unten nach oben kehrenden Richtung mit seinem großen Troß es nicht verwunden konnte, wenn Joel Jaeobi mit seiner süßtönenden und bezaubernden Leier es nicht einmal zu berauschen vermochte, was vermag eine b e so n nene R eform, die erst eines Me t u r g e m a n s bedürfte, um verstanden zu werden und um sich dem Volke begreiflich und erklärlich zu machen? — So lange das Volk noch an die Redlichlichkeit derlei Bestrebungen zweifelt, in sie Mistranen setzt, so lange es, anstatt das als wahr Ausgegebene einzusehen, den von welchem solche Wahrheiten auögehen, als einen Madiach, wie ihn die Tora so treffend bezeichnet, ansieht, wird es immer kalt und theilnahmloö, ja widerspenstig bleiben und Ereignisse an sich vorüber gehen lassen, die, nach seinem Ermessen, auf die Beraubung seines Herzens, ans die Vernichtung ' seines Schatzes hinzielen. Möge dieser oder jener Reformer, anstatt wie er sonst bei einer Bethcueruug die Hand aufs Herz zu legen pflegt, sie auf fein Bibelwerk legen und die Augen nach ober: richten und schwören: „Wir memenö aufrichtig und redlich mit euch!" das Volk glanbt's dennoch nicht, sowie es den Friedensworten: “P ühw Ni rraiN 'jn TIN ]ynb kein Zutrauen schenkt, ogleich sie so häufig von der Kanzel herab vernommen werden, denn wo ist Frieden zu erkennen, wenn man die Gemüther durch einen solchen wie erwähnten Artikel mit Galle tränkt, um sie zu erbittern? Wo ist Frieden zu finden, wenn rnan gegen den zu Felde zieht, der blos die Ansichten Geigcr's und die seines Anhanges aus leicht zu erklärlichen Gründen nicht theilt? Geschähe dies Zufeldeziehen ans dem Gebiete der Wis- ' senschast, wie Herr Dr. Grätz es mit seiner Redension über Geigers Mischnasprachc, in diesem Blatte Nr. 52 v. I. und ff. gethan hat, '— wegen welcher er sich auch einen unverkennbaren Haß zngezogen — wäre eine Polemik gegen ihn würdig gehalten und der Sache selbst angemessen, so ließe man eine solche gern immerhin gehen. Wo aber die Person absichtlich mit der Sache verwechselt wird, wo es überhaupt rein wegen jener zu thun ist, um sie, die sie sieh mit alten Fasern ihres Herzens dem Judenthume hingiebt, weit sie es nach allen Richtungen hin mit dem Geiste eines Forschers geprüft hat und kennt, zu verdächtigen-, da muß jeder Redlichdenkeude, anstatt sich Von solch einem Schmähartiket mit Indignation abzuwcnden, Alles aufbieten, um eine gleißnerische Gehässigkeit zu enthüllen, die sich unter der Aegide der besonnenen Reform birgt; denn man tritt gleichsam für das Judenthum, für die Sache selbst mit m die Schranken, da der Kämpfer für eine Sache auch zugleich ihr Stützpunkt, ihr Träger ist. — Prüft man die Vorwürfe, die dem Herrn Dr. Gr ätz gemacht werden etwas näher, so muß man erstaunen, daß sie gar in die Rubrik der Vorwürfe gestellt werden könnten. Jeder, der sich der jüd. Theologie widmet muß Bachur gewesen sein, um