Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1845)
- Date
- 1845-09-03
- Page
- Seite 287 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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andern vielleicht mißlichern aber äußerst wichtigem ©c* Zenstande,' zur jetzigen Stellung unserer Nation in Bezug auf das Judenthmn. Die ersten Regungen erstanden aus böhmischen Federn in Wien, und das Heer der Vaterlandskäulpfer theilte sich in zwei Parteien, pro und contra,. Noch immer betrachtet man die Frage im Allgemeinen, und vom rein menschlicherr Standpunkte aus. Ohne auf die besonderen Einzelnheiten, auf die besvndern Wege zum Ziele zu sehen, handelt es sich hier um die untrügliche Stimme des rctttcn Gewissens und der echten Moralität. Ein Beobachter des Landlebens kann es nicht verbergen, daß die Inden bei den hohem Klassen der (böhmischen) Nation mehr Zutrauen und Achtling fände, wenn sie allfrichtig die Nationalität und Sprache jenes Volkes ehren möchten, unter welchem sie leben und dessen Schicksal sie t hei len. Noch bisher jagten sie nach Ostentation und hingen an Aeußerlichkeiten. Indem ste die geheimen Kreise am See der Gegenwart nicht achteten, die ihnen ein mächtiger Wellenschlag des Geistes verkündeten, standen sie da, Fremdlingen gleich, bis ihnen der Gesallg ihres Stammgenossen, des edlen Sängers Kapper in dessen gefühlvollen und von religiösem Geiste durchwehten Gedichten ertönte: , ■* » ♦ » ♦ « * ♦ « ♦ ael! Erhebe Dich, ergreif der Thcrten Ruder Und reich als Patriot die Hand dem Bruder, Wohin dich auch des Schicksals Macht verschlagen, Dort ist dein Vaterland, da stehe ohne Zagen!' — ES wäre in der That gut, wenn sic sich der für ste so wichtigem Sache mit lmgetheittcm Eifer annehmenmöchten, wie die Inden in Deutschland. Boi der Schärfe , ihres Geistes wurden sie früher als unser einer das Rechte st'nden. — Der Jude als ein solcher ist, wenn er ordentlich und rechtschaffen ist, weniger Beleidigungen ansgesetzt; geschieht's aber dennoch, so ist er selbst daran Schuld. Ich frage wen immer, ob nicht ein jeder andere Fremdling, wenil er zu Ulls mit einer unbekannten Sprache, mit andern Gewohnheiten und Gebräuchen käme, nicht eben so viele schreiende Gasser und Spötter heranlockeu möchte? — Kann demnach der Jude etwas Besseres erwarten, wenn er daher schreitet urit sei nein verdorbenen Deutsch, und es rulS schnüffelnd aufdringen will? Ist das nicht für ein Ohr wie das des musikalischen Böhmen eine wahre Dissonanz? Und wozu dies Kauderwelsch, da man sie nicht versteht? Die Offenheit bedarf keines Mantels. Grade weil der Jude immer etwas Appartes haben will, weil er mach eitlen Sonderbarkeiten trachtet, wird er uns lächerlich, und verschlägt sich unsere Liebe und unser Zutrauen. Besser jedoch ist in dieser Beziehung der Stand des Inden auf dem Lande, als derjenigen in der Stadt. Jener ist dem Volke näher, er weiß urit ihm zu verhandeln, schändet nicht seine reine Sprache so ekelhaft, amb ist sogar hie nub da förmlich eingebürgert. Diese und ähnliche Gedanken erwachten in mir bei Gelegenheit einer jüdischen Hochzeit im Dorfe Kalnsitz, wozu, wie zu einer draußen, ungewöhnlichen Feierlichkeit eine Menge Leute aus der Umgebung zusammen kamen. — Ich hielt die Sache für hinlänglich wichtig, um ihr meine völlige Aufmerksamkeit zu schenken, und ich fand daß so Cange bei der Trauung die uralten Gebräuche in Anwendung gebracht wurden, daS Volk ruhig und anständig sich betrug. Es war ein Schauspiel für daö Leben. Als aber der Gesang in der deutschen Sprache mrit einer besonders lächerlichen Betonung begann, da fing es hie und da zu kichern an, die Stille wurde unterbrochen, und witzige Sticheleien flogen gleich stechenden Wespen hin und her, die noch mehr ausgeartet wären, wenn ihnen nicht vernünftig Denkende ben Zaum angeleget hätten. Es hatte auch die schöne Rede des KreisrabbinerS Herr E. keine Wirkung. Schade, daß der schöne Inhalt bei den Zuhörern kein Mitgefühl erweckte, da sie doch auch im irdischen Staub den einzigen Gott anbeten. Wie ganz anders wäre es gewesen, wenn der Rabbi in reinem Nationalidiom gesprochen, und dadurch den Zuschauern bewiesen hätte, daß er mit ihnen durch gleiche mütterliche Tönc verbunden und vereint sei. Brant und Bräutigam sind echte Böhmen, lieben unsere Nationalität und betrachten sie für die ihrige, und finden in der literarischen Bewegung ein wahrhaftes Vergnügen. Dies bewiesen sie durch besondere Einladungskarten, die sie böhmisch zur Hochzeit drucken ließen. Gelegentlich äußerte derselbe Herr KreiSräbbiner E., daß er die Wichtigkeit'' der Sache anerkenne und daß eS ihm vom Herzen leid ihne in seiner Jugend nebst den übrigen todten Sprachen nicht auch die czechische gelernt zu haben, was ihnl jetzt, da er imtcr lauter Czechen wohnt, von großen! Nutzen wäre. Hierauf lesen wir in derselben österreichischen Zeitschrift Nr. 51 folgendes: ..... Ich war überrascht, daß unser Verhaltniß zu den Juden auch bei euch in der rein menschlichen Klarheit aufdämmerte. Harret nur aus in' euerer Ueberzengnng, und seid versichert, daß wenn die Inden den ganzen Strom unseres nationellen Lebens vollkemmen kennen möchten, an all unserem Wohl unb Weh sie sich mit völliger Zuversicht anschlicßen würden, weil sie in dem zwiefachen Doppelschicksate, in dein unftrigen und dem ihrigen, eine auffallende Aehnlichkeit und Ucb.eremstimmung wahrnehmen müßten. — Den Gesättigten fragen wir nicht, tute eine trockene Rinde schmecke, aber wer nach einer ehrenvollen Freiheit glüht, der weiß es, wie jegliche Knechtung des Geistes und der Sitte weh