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Der Orient · 1845-09-03 · Heft 36 (3.9.1845) · p. Seite 288

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Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 36 (3.9.1845)
Date
1845-09-03
Page
Seite 288 (sequence 15)
Language
German
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thut, und wer selbst in Verachtung lebt, der weiß es, wie dem Verachteten das Herz schlägt. Eristiren doch bisher berühmte Bühnen, wo der Czeche gleich neben dem Inden am Pranger gestellt wird, mn dem Publikum Späße zu reißen, und durch seinen Accent ihr Zwerchfell zu erschüttern. Unter den Zuschauern befindet sich der Czech und der Jude: wie mag ihnen zu Muthe sein? Jeder gicbt sich den Anschein, als ob er von seiner Nation so viel als vorn sechsten Welttheite wüßte; von Scham und Schande betroffen lacht er krampfhaft, bis sich das Ange mit Thräuen füllt, damit man ja nur nicht den Landsmann in ihm vermuthe, jenes Exempel der Dummheit. Dieser durch das Geschick abgestumpfter stellt sich an, als berührte es ihn nicht, macht gute Miene zum bösen Spiele, und ferne Ironie in den scharf markirten Gesichtszügen wartet geduldig die geeignete Zeit ab, bis an ihn die Reihe kommt über andere zu lachen. Jahrhunderte arbeiten daraw, aus beiden das zu bilden, was sie sind, und jetzt schimpft man, wundert sich und zürnet, daß sie nicht etwas Anderes geworden sind. Was ihr gewollt habt, das habt ihr l Daß beide nicht im Sturm zerstobvu, daß sie der Wind nicht verwehte, darüber beklagt und beschwert sich die Welt und lamentirt über die unglückliche Ausdauer und Zähigkeit beider Völker. O, giebt es wohl eine geeignetere Stunde als die der Verachtung beider, wo sich Czech und Jude die Hand reichen und sprechen sollten: Laßt uns in Eintracht leben, daß wir uns auch gegenseitig ehren können, und die Welt muß uns anerkennen l Ein Buch, worin der Böhme in seiner Sprache in einer h'öhern Sphäre sich bewegt, betrachtet man für ein Phantom; es wäre vergeblich, wenm er öffentlich sich geltend machen wollte, die Welt ist ja nicht verpflichtet ihn zu verstehen. Schlimmer noch ergeht es den Juden. Es giebt für ihn Oerter, wo er nicht über Nacht bleiben darf; es giebt Gemeinden, wo er bei allem Edelsinn und aller Rechtschaffenheit niemals den Namen eines rechtschaffnen Mannes erwerben kann; es giebt Gesellschaften und Vereine, zu denen er keinen Zutritt hat, außer wenn er den Geldbeutel Kufthut, und ihr wundert euch, daß sie manchmal Wucher treiben? Schweigen wir doch von Wucher. Dieses Unwesen hat eine tausendfache Gestalt, und frißt am gesellschaftlichen Leben kreuz und quer unter vielfachm Gestalten. — Alles Unheil, das ans dem Brantweiutrinken in slavischen Ländern entsteht, schreibt man den Juden zu, gleich einer lockenden Schlange, welche in Versuchung führt; aber nicht einmal beim Adam galt diese Ausrede.—■ Oder sängt euch der Jude auf und gießt euch da§ schädliche Gift mit Gewalt in den Mund? Gott bewahret ihr geht ja selbst zu ihm und vertrinkt Nock und Hemd, auf mich fällt die ganze Schuld, der Jude hat nur bei euerer Sünde einen Vortheil. Nehmet Theil an Mäßigkeitsvereinen, ohne aber viel Wesens zu machen, und die Klagen über die Arendater lösen sich, dann in Nichts auf. Was werdet ihr sagen, wenn man euch fragt, was ihr wollt?— Gleiche Rechte — und einem Andern, der dasselbe verlangt, werdet ihr das, wornaeh ihr jaget, abschlagen? — Wer selber der Freiheit würdig, weiß jede Freiheit zu schützen. Wer Sklaven in Fesseln schlägt, ist selbst ein wiedriger Sklave. Jg naz Sch ulhof. Pevsonalchrvnik und Miseellen. Der Staat und d i e I u d e n. In der zweiten Kammer der holländischen Stände (Generalstaaten) wurde kürzlich eine sehr heftige Debatte über den Schutz, den die Regierung ihren Unterthanen im Auslande schuldig sei, geführt. Man erhob nämlich Klage darüber, daß die Tochter eines angesehenen Protest. Holländers in Turin, ob freiwillig oder gezwungen ist noch nicht recht klar geworden, — in ein Kloster gebracht worden sei und daß der Vater sie vergeblich von katholischen Erzbischöfen zurückgefordert habe. Auch die Verwendung der holl. Gesandtschaft beim Könige von Sardinien hatte nichts gefruchtet, da die sardin. Regierung erklärt hatte, sie habe dem Erzbischöfe und seinem Berufe nichts zu befehlen, er sei völlig unabhängig. Auch die Stellung der Römisch-Katholischen, der jansenistischen Bischöfe (in Utrecht u. ft w.) kam, lebhaft zur Sprache. Von allen Seiten redete man der Toleranz das Wort und bestritt der Regierung das Recht des Eingriffes in das relig. Leben des Einzelnen: Glaubens - und Gewissensfreiheit müsse unabänderliche Regel sein und bleiben. Ein Deputirter erinnerte bei dieser Gelegenheit an die kräftige Vertrrtung, die Wilhelm I. {j>ec Vater des jetz. Königs) den Holland. Juden im Auslande habe zu Theil werden lassen; trotz des Grundgesetzes h ä t t e n d i e h o (l ä n d. I uden unter Wilhelm 1. in Norwegen frei verkehren dürfen. Ob da nicht eine Verwechselung mit den portugies. Juden aus Holland stattgefunden hat? C. London. Sir. Moses M o n t e f i o r e soll wiederum eine Reist nach Jerusalem beabsichtigen, auf der ihn Dr. Löwe begleiten wird. Er denkt ernstlich an die Errichtung des jüdischen Hospitals, während er in London selbst mehrere Juden aus Jerusalem mit der Baumwollenindustrie bekannt machen läßt. —„ Druck von I. H. Naget.- Verlag von C. L. Fritzsche.

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