Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1845)
- Date
- 1845-09-03
- Page
- Seite 282 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 282 — die Zeit herbeifuhreu, die bcu bedauerlichen Riß heile. Wir haben für uns ein hohes Bewußtsein, wir haben für uns das Bewußtsein eines auf Glauben und Wahrheit gegründeten Vertrauens und der Gott unsercrVäter, für dessen Namen wir kämpfen, wird uns nicht zn Schanden werden lassen, Er wird für uns ausführen. Genehmigen Sie die Zeichen wahrer Hochachtung, mit der ich verharre Ew. Wohtgcboren ergebener Dr. Z. Frankel, Oberrabbiner. Dresden, 18. August 1845. Oberdorf, 15. Aug. (Die Blutbeschutdignng der Juden zu Oettingen im Jahre 1691 und 1845.) Die Geschichte der Juden des Mittelalters hat wenige Historiker gefunden; der Stoff war zu sehr blutbefleckt, den jüdischen Geschichtschreibern wurde das eigne Blut zu Wasser, wenn sie die Martern ihrer Brüder in die Tafeln der Geschichte eiugräbeu sollten, und die christlichen Gelehrten wollten sich am jüdischen Stoff nicht besudeln, so hat sich die Geschichte der Juden nur in Sagen erhalten, die zur Mythe zu werden drohten, wenn nicht manchmal der Zufall dem Passionsgedächtnisse der Juden zu Hilfe gekommen wäre,. . In Octiingen hat die Untersuchung des verübten Kinderraubes auf eine ähnliche merkwürdige Begebenheit austnerksam gemacht, und das Herrschaftsgericht hat bereitwillig die Akten dem Rechtsanwalt mitgetheilt. Vorläufig kann ich Folgendes berichten: Bis jetzt wird in Oettingen alljährlich, am 28. Jjar ein Fasten, genannt Fasten Hopfenstädter, begangen, als Andenken für die wunderbare Errettung der jüdischen Einwohnerschaft Dettingens und seiner Filiale von gröblicher Blutbeschutdigung und drohender Gefahr. An einem Sabbat-Nachmittag im Jahre 1691 machte der Bierbrauer ,,J o h a n u Georg H o p fe n sta d t er" die Anzeige, daß fein Enkelkind fehle, die Juden es geraubt, das Blut ihm abgezapft und es dann in den Stadtgrabengeworfen hätten, ja er brachte sogar Zeugen, die es gesehen haben wollten, wie die Juden das Kind in den Graben geworfen; doch als man Anstalt zun: AllSschopfeil deS Grabens machte, so standen die Zeugen von ihrer Alkssage ab. Das Gericht verfügte, falls die Juden bis Sonntag Morgens 11 Uhr die Verbrecher nicht ausliefertm, sie als überwiesen angenommen und sämmtlich der Blutrache der.Christen übergeben werden; wer von den Christen eines Beils habhaft werden konnte, schliff cs schon am steinernen Geländer der Brücke , die über die Werniz führt, um eS als Todesbeil gegen die Juden zu gebrallcheu. Die Juden aber durchwachten die Nacht, daS DamokleS-Schwerdt über sich wiffend — Psalmen singend in der Synagoge „hebend die Augen gegen die Hohe, harrend von wannen Beistand komme^! Eine Familie wollte, um ihr Kind zu verheirathell, nach Jlmgenhausen fahren, wurde aber zurückgewiesm j weil auch sie denk Henkerbeil verfallen war und den Pöbel man um kein Opfer betrügen wollte. EinigeStünden bevor die Frist abgelaufm,- meldet sich der Nachrichter aus Oettingen bei der Judeuschast und verspricht gegen ein, mit goldenen Treffen besetztes Scharlachkleid die Uuthat zu entdecken, was ihm freudig verheißen wurde. Der Scharfrichter durchsuchte mit zwei Spürhunden die ganze Stadt und fand das fehlende Kind eülgescharrt im Keller seines Großvaters, des Johann Georg Hopfenstädter, der gerichtlich eingezogen, sich alsbald zur Ullthat bekannte; er wurde zum Tode verurthcilt, starb aber noch vor Vollstreckung des UrthcilS, wahrscheinlich an Gift. Der damalige Rabbiner gu Oettingen, R abbi M a ier T a rn op o t, ordnete als Erinnerungs- und Dankesfeier auf den 28. Jjar ein Fasten all, das heute noch mit rührender Feierlichkeit begangen wird. Welche Umgestaltungen hat Deutschlalld seit 1691 llicht erlitten, und wie nah berühren sich die Vorurtheile gegen ein Volk, das durch die ganze Geschichte gehegt worden. Der Scharfrichter und seine Bluthunde warm die Retter voll vielleicht 600 bis 800 Seelen, und. keine Stimme erhob sich sonst zu ihrer Entschuldigllug; wahrscheinlich fühlte der Scharfrichter, selbst ausgeschlossen von der menschlichen Gesellschaft, Mitleid für seine Leidensgenossin, und im Ruf als Zauberer stehend, wurde es ihm vielleicht möglich, dem verdächtigen Ankläger so zu imponirm, daß er sich selbst verrieth. Die He.renproeessi haben viel Aufsehen erregt; die Bernsteiu-Hcre viel Sensation gemacht, aber die Blutbesihuldigungeu der Juden wollen kein Ende nehmen. Möchtell diese Akten des Herrschaftsgerichts zu Oettingen einen Meilchold finden, der sie dem größeren Publikum vorsührtc. Gabriel Riessir, dessen Vater ein geborener Oettittger war, sollte als Rechtsgelehrter und gefeierter Publieist die Sache unter die Feder llehmen. Später mehr über diese Krimiualgesihichte! ' Alerander Elsässer. Stettin, 19. Aug. Ew. Wohlgeboren erlaube ich mir beiliegende Abschrift der Dankadresse, welche der Vorstand hiesiger israelitischer Gemeinde demHrn. Oberrabbiucr Dr. Frankel zu Dresden aus Veranlassung vieler Gemeindemitglieder zngcfertigt hat, zur geneigten Kenntuißnahme zu übersenden. Die israelitische Gemeinde zu Stettin an Sc. Hochwürden, den Hru. Oberrabb. Dr. Frankel zu Dresden. Die Richtung , welche'die kürzlich in Frankfurt a» M. stattgehabte Nkabbinerversanrnklung genommelk, der Beschluß, welchen diese Versammlullg ln'treffeud die hebräischell Gebete gefaßt hat, Haben uns schmerzlich berührt, wohingegen uns das würdevolle Auftreten und gänzliche Ansscheidctl Ew. Hechwürdeu von dieser den histo-