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Der Orient · 1845-08-06 · 32 (6.8.1845) · p. Spalte 499-500

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Journal
Der Orient
Volume
1845
Issue
32 (6.8.1845)
Date
1845-08-06
Page
Spalte 499-500 (sequence 2)
Language
German
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499 500 Literaturberichte. D. Cassel. S. Cassel.' unfruchtbare und wurzellose Neformgenossenschaft, welche eine kurze Zeit hindurch eine journalistische Seifenblase gewesen, hat hier folgende Schriftchen hervorgerufen: 1) Woher und Wohin? Zur Verständigung über jüdische Reformbestrebungen. Von Dr. Dav. Cassel. Berlin, 1835. 8. L. Hold. S. 44. — Herr David Cassel, dem gelehrten Publikum durch seine zwei Hefte des Kusari vortheilhaft bekannt, hat sich auf ein Gebiet begeben, wo er von den Gassenbuben des 19. Jahrhunderts nur mit Steinen geworfen werden, und keinen Ersatz in der Anerkennung von Seiten der sogenannten Frommen finden kann. Die Reformfragen, welche nicht der unwissende aber der schlechtere Theil des Pöbels mit seinen Stimmführern an der Spree und am Main als Zeitfragcn ausschreien, sind die unerquicklichsten Themata für einen gebildeten Menschen, der das Judenthum und feine Bedeutung kennt und die sich breitmachende Unwissenheit, die wichtigthuende Gemeinheit von ganzem Herzen verachtet, und £>i\ Cassel, der etwas Besseres zu thun hat, als gegen diese jüdische Misere des Tages nutzlos zu kämpfen, der den Kusari fortzusetzen und seine jüdische Real-Encyklopädie zu beginnen hat, hätte schon aus Sorge für die Unbefangenheit seines Herzens die Anregung zu dieser Broschüre unterdrücken müssen. Jndignirt von dem hohlen Wesen der Reformerei in Berlin und Breslau, tief verwundet von dem glaubenslosen Treiben der unheiligen Komödie Zu Braunschweig, wozu er jetzt noch die von Ff. a. M. rechnen könnte, hat es ihn auf gestachelt, über diese Versuche Klarheit zu bringen, sein Thema rmrer die Fragen woher und wohin? vertheilend. Aber diese Klarheit hat er denen nicht gebracht, die sie nicht besitzen, und diejenigen, welche sie besitzen, brauchen diese Aufklärung nicht. Er giebt uns die Aufklärung, daß der Reformpöbel nur darum so gegen das Judenthum eifert, weil es dasselbe nie gekannt, sich nie darum gekümmert, und kerne Ahnung hat, was Judenthum sei. Aber wer hat das nicht gewußt? Dieser Pöbel, welcher, weil das Judenthum ihm abhanden gekommen, nach einem Judenthum schreit, das es sich in seiner Unwissenheit selbst schaffen will: diese Führer, welche das Judenthum reformiren wollen, ohne auch nur im Entferntesten davon eine Kunde zu haben, sagen ja ausdrücklich selbst, daß sie es nicht kennen, und daß sie es nicht kennen wollen. Weder die Rabbiner - Versammlungen noch die Reform-Vereine wollen mehr thun, als eine Unwissenheit rechtfertigen und ihre Gesetzesübertretungen vor ihrem Gewissen beschwichtigen. Fragt die RV., ob sie sich kümmert um die Göttlichkeit der Schrift, ob sie principiell das mosaische Gesetz schonen will; sie will gar. nichts als Schweinebraten essen, kurz ein so zu sagen freies Leben führen, in dem seligen Gefühle, die verhexten hebräischen Buchstaben nicht sehen zu brauchen. Und diesen Leuten will Hr. Cassel Klarheit bringen! Die beste Klarheit ist, wie ein Rabbiner gesagt, am Sabbat reiten, fahren, spielen, tanzen und Wohlleben zu können; die beste Klarheit ist, wie ein Kirchenrath gesagt, wenn man sich mit der Schweinezucht abgiebt; die beste Klarheit -ist, wenn man, wie die RV. sagt, die Fasttage abschafft; die beste Klarheit ist, j wenn man mit dem genialen Hegel'schen Religionsphilosophen | sagt, die Küche muß emancipirt werden und Hasenbraten.und > Schweinskeule, unfern Sabbat auf den Sonntag verlegt, ver- U herrlichen. Und Hr. Cassel will Klarheit geben? In diesem Kampfe, Hr. Cassel, ist keine Klarheit zu geben; all Ihre H Klarheit kann den Rabbiner des 19. Jahrhunderts nicht zurück-; schrecken, die Wissenschaft zu verspotten; all Ihre Klar- ■ i heit kann die Nachäfferei der Unwissenheit nicht bannen; all Ihre Klarheit kann den Religionslosen in Berlin und Bres- 'fj lau keine Religion geben; alle Ihre Klarheit kann nicht veri hindern, daß die schönen Tiraden von ,,Zerrissenheit mit uns selbst"; „erstarrte Lehre"; „veraltete Form" u. dergl. zur "j Herzensfreude der Reform-Vereine fortwuchern, wie eine böse Krankheit. Und wozu verwunden Sie Ihr Herz mit diesen A düstern Betrachtungen, die der Feind verhöhnt und der Freund '(£ wahrlich der unmittelbaren Jämmerlichkeiten genug hat, um - 1; noch durch die Schrift sein Herz zu empören! Der Blick der , »> Geschichte, die Sie studiren, lehrt Sie, daß auch diese Ausarh rung des jüdischen Geistes vorübergehcn wird. Als ein gewisser Scherst zur Zeit des Nitronai Gaon (im Anfänge pj des 9. Jahrhunderts) gerade, wie die RV. will, die Speisegej|J setze kasstrte, die zweiten Feiertage abschaffte, dieKetuba abrogirte, eine eigene Liturgie einführte re., und Tausende für Z seine Reformen gewonnen, dachte gewiß der gute Gaon da-; mats, das Judenthum ginge unter. Aber jene Tausende nebst l Scherit sind untergegangen, und zu meinem Aerger kann ich kaum eine nähere Nachricht über ihn auftreiben. Zu Saadja's q Zeiten haben die jüdischen Gegner des Judenthums vielleicht q noch ärger das Judenthum niederpräsidirt als der große Eckstein, welchen die Baumeister verachten, oder der kirchenq räthliche Freund der Schweinezucht und Industrie, und Saadja q hat viele Schriften, und gewiß auch gute, gegen jene Wegfechter $ des Judenthums geschrieben; aber das Judenthum scheint den Beruf zu haben, seine Gegner so lotat zu vergessen, daß nicht .3 einmal die Vertheidigungen des Judenthums bleiben. Wir .] wünschen herzlich, daß Hr. Cassel recht bald lieber das 1. 'j Heft der Realeneyklopädie herausgeben möge, und dem lieben Gott die Sorge für das unverwüstliche Judenthum überlasse. ‘j Uebrigens ist das Buch mit Geist und Wärme geschrieben j und diejenigen, welche keine Kunde von dem jetzigen Treiben \ im Judenthume haben, z. B. die Christen und ein kleiner j Theil von Israeliten, werden durch diese Schrift die treffendste ' Zeichnung der drei verschiedenen Gruppen, in denen die Reformschreier sich spalten und theilen, finden. Dabei ist die Sprache so edel und ernst, daß man dem Leser es mit Recht *; empfehlen kann. — 2) Die Rabbiner-Versammlung '? des Jahres 1650. Eine historische Abhandlung. Festschrift Sr. Ehrwürdcn Hrn. I. I. Oettinger, Rabbi- 3 ner zu Berlin, zu seinem 25jahrigen Amtsjubiläum in Ehrfurcht geweiht von Selig Cassel. Berlin, 1845. 8. Lese-; kabinet. S. 55. — Die Widmung mit der Überstromenden Pietät, das Nachwort in seinem Kampfe gegen Thorheiten

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