Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1845)
- Date
- 1845-08-06
- Page
- Seite 254 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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254 sres und die der Zeit; aber bei dem Vorwärts muß auch der Blick gerichtet auf den Weg, den wir bisher gegangen, und besteigen wir das obere Stockwerk, so soll das untere uns nicht abgerissen werden. Mir ist der Glaube ein Positives, Dauerndes, über der Zeit Stehendes; ist das Judenthum in seiner heutigen Gestalt ein Ehrwürdiges, das wir nicht kalt u.ud herzlos übersehen dürfen, an dem wir uns fest anhalten müssen, um den Weg weiter zu finden. Von wo wollen wir sonst ausgehen, wohin zurückkehren, wo die Norm finden? Etwa in dem alleinigen Buchstaben der Schrift? Wir können nicht mehr zu ihm zurück, es liegt eine zu große Kluft zwischen ihm und uns, und welche hemmendere, Geist und Genntth niederdrückendere Fessel als der trockene Buchstabe! Oder soll es sein eine Exegese, die wir erst auffmden, der wir erst einen Boden erringen wollen? Ich brauche Ihnen nicht anzudeuten, wie schwankend eine solche Exegese immer bleibt, wie sich zwar die Theorie mit ihr befassen kann, aber für das Leben, für das Praktische ist sie zu schwach, ihre Stütze zu wenig genügend, stoßt sie auf zu häufigen Widerspruch der Meinungen, als daß sie eine sichere Leiterin sein könnte. Oder sollen wir uns an den Geist der Zeit halten, ec unser alleiniger Führer sein? Ich brauche auf diese Frage nicht einzugehen, der Geist der Zeit ist wie die Zeit selbst nicht ein Dauerndes, Festes: der Zeitgeist ist das negirende Element, dem wir zwar seines Gegensatzes zum Positiven wegen, der durch diese Vermittelung eine höhere Potenz erreicht, seinen Werth nicht abspcechen wollen; aber construiren, aufbauen, beschwichtigen, uns in trüber verlassener Stunde die Ruhe des Gemüthes, die Erhebung zu Gott und Ergebung in seinen Willen zu verschaffenvermag er nicht.- Dieses ist allein die Frucht des positiven Glaubens; und wie das Judenthum durch eine unübersehbare Reihe von Jahrhunderten diesen Forderungen entsprochen, brauche ich Ihnen, hochzuverehrende Versammlung! der die Geschichte ihrer Väter gegenwärtig, der einem großen Theile nach noch die heiligsten Jugenderinnerungen gegenwärtig sind, nicht zu erwähnen. — Die Reform, die den Geist der Zeit zu ihrer ersten Grundlage macht, leidet aber auch noch an einer gewissen Willkür, sie bleibt häufig bei einer subjektiven Erkenntniß stehen; und tritt dieses noch mehr im Judenthum hervor, wo die Reform nicht dem Glauben, nicht dem durch denselben bedingten Bekenntniß, sondern der religiösen Thätigkeit, Ausübungen, die vom Glauben 'verlangt werden, gelten sott. Welchen Einfluß übt hier nicht oft ein subjektives Verlangen, welchen Einfluß die äußern Verhältnisse, die zwar nicht unberücksichtigt bleiben dürfen, die im Auge zu behalten nicht beanstandet werden soll; aber übergeben wir uns ganz dem Geiste der Zeit, tritt er als Anführer und Bundesgenosseder Verhältnisse auf, dann wird das Positive ganz verdrängt, 'räumen wir jenem eine Gewalt ein, der das Edelste und Heiligste unterliegt. Und dürfen wir denn, meine Herren vergessen, daß weil wir als Lehrer und Leiter des Volkes zusamtraten, wir eine hohe Verpflichtung nach allen Seiten hin haben, uns es vorzüglich obliegt, allgemeines Vertrauen zu erwerben. Blicken Sie hin, noch lebt—- und wir wollen der Vorsehung dafür danken — ein großer Theil des Volkes im positiven Glauben, mag es auch in manchen Einzelheiten sich nicht streng an die Vorschrift Haltens blicken Sie hin auf die Anträge, die von Außen an die Versammlung gekommen sind, sie haben allein Grund und Berechtigung, weil sie Positives voraussetzen, müssen wir nicht Alles aufbieten dieses Kleinod zu erhalten, muß nicht diese heilige Rücksicht uns über manche subjektive Meinung gehen, muß nicht unser eifrigstes Bestreben darauf gerichtet sein zu erhalten, zu befestigen, anzunähern. — Nein, wir sind hier nicht für eine Partei nur, der wir doch überhaupt schwerlich je genügen werden; noch weniger sind wir versammelt um Judenthum und Judenheit auseinander zu reißen. Sagen wir uns vom Positiven los, wird dieses nicht als Princip anerkannt, dann ist das letzte Band durchschnitten, dann ist das Volk hinausgedrängt, verlassen, verirrt; es hat keinen Anhalt,, keinen Stützpunkt, sein Heiligthum ist entweihet und aus ihm selbst ziehet die Gottheit aus,wir selbst haben, indem wir nicht dem Positiven Achtung bezeugen, dem Volke das Göttliche genommen, in ihm den letzten Funken erlöscht, erstickt. Wir selbst dann sind aber auch die Veranlassung, daß das Wohl aus einander gerissen, daff eine Zerklüftung und Zerspaltung hervorgerufcn wird: es ist, und bleibt wie mancher Antrag, wieder über Ehegesetze u. a. es beabsichtigt, das Positive und Bestehende unbeachtet, Schismen unausweichlich, es findet keine Befreundung durch Familienvechältnisse statt, man kann sich nicht mehr einander nähern, es ist zwischen Partei und Partei eine unübersteigbare Mauer aufgethürmt, und sollen wir versuchen Glauben und Zeit mit einander auszusöhnen, so muß doch mehr unser Bestreben sein, Brüder und Brüder auszusöhnen, nicht zu entfernen, sondern zu vereinigen? — Wir dürfen aber auch noch ein anderes Moment oder besser Princip nicht übersehen, das der Wissenschaft,, das allein auf positivem Boden fest gehalten werden kann. Wir haben uns dessen nicht zu schämen und dürfen es laut aussprechen, Wissenschaft ist eine Lebensader des Judenthums, die ihm nehmen, heißt seinen Blutlaus hemmen. Daß auch seine Reformen nur in Wissenschaft wurzeln, nur durch sie sich Eingang und Achtung erringen können, ist unbezweifelt, so wie überhaupt bei jeder zu einer Stufe der Bildung gelangten Konfession die Reform sich durch Wissenschaft legitimsten muß. Das Umschaffen und Umwälzen, mag es auch durch Neuheit oder Widerwillen am Vorhergehenden Aufsehen erregen und Zulauf finden, es ist nur ein momentanes Aufzucken, so nicht die Wissenschaft ihm zu Hülfe kommt, und es von ihr genährt zum