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Der Orient · 1845-08-06 · Heft 32 (6.8.1845) · p. Seite 253

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Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 32 (6.8.1845)
Date
1845-08-06
Page
Seite 253 (sequence 9)
Language
German
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253 haben, dahin moiivirt, daß es rathsam sei aus Akkomodation, wenn cs die Majorität der Gemeinde wünsche. * * * Rede des Hrn. Dr. Frankel in der Sitzung vom '17. Juli 1845, in Betreff der Principienfrage. Meine Herren! Wenn ich Ihre gütige Aufmerksamkeit für eine etwas längere Dauer in Anspruch nehme undSie ersuchen muß, mir bald aus manches naher, bald auf manches entfernter liegende Gebiet zu folgen, so hoffe ich durch die Wichtigkeit des anzucegenden Gegenstandes nicht nur Entschuldigung, sondern auch Rechtfertigung zu finden. Wir find hier als Rabbiner und Führer des Volkes versammelt, um uns über die religiösen Interessen des Judenthums zu berathen, um die Wehen, von denen.es durchzuckt ist, zu erkennen, und wollen versuchen, seine Schmerzen zu heilen. So anerkennungswerth dieser Wille ist, um so mehr müssen wir darauf bedacht sein, ihn zu verwirklichen, ihm durch klare Darstellung das Vertrauen des Volkes zu erwerben, unser Streben als ein Ganzes, in sich Geschloffenes vor Aller Augen nachzuweifen. Was uns nun hierzu für uns selbst, für Erfassung unserer Stellung, sowohl gegen innen als gegen außen Noch thut? Die Verständigung über unfern Standpunkt! Wir müssen uns klar machen, auf welchem Boden wir uns befinden, von welchem Standpunkte aus wir-die religiösen Interessen des Judenthums besprechen und beurtheilen wollen. Reform! ist der allgemeine Ruf; aber müssen wir nicht erst in uns klar über die Form sein, nach welcher wir umbilden wollen, müssen wir nicht, was noch wichtiger, uns über Wesen und Princip der Reform, verständigen? Kann hier eine äußere Uebereinstimmung der Meinung und Stimme Abgebmden genügen, muß nicht gefragt werden, nach welcher Auffassung, nach welcher Ueberzengung man sich bestimmte? Ich will schweigen davon, daß dieses von jeher Nerv und Lebenskraft des Judenthums war, daß eine Meinung nicht als maaßgebend hingestellt wurde, sondern sie ihre Motivirung mit sich führen mußte: so treibt uns hier ein Vielfaches, uns über das innere leitende Motiv, über das Princip klar zu machen. Es thut uns vor Allem solches Noth zu unserer eigenen Verständigung. Unsere Ansichten häufig von einander divergirend, wir recurriren auf Quellen, wenn diese Quellen von Gegner nicht anerkannt werden, bleiben wir nicht dann in immerwährenden Misverständnissen? Wenn die religiöse Norm hier eine andere, dort eine andere ist, kann je eine Uebereinstimmung zu Stande kommen, müssen wir nicht Einer dem Andern stets unverständlich bleiben, unsere Discussi'on selbst sich nur in einer Nebelhöhe halten, ohne je einen eigentlichen Boden zu finden, wir uns mit dem Gegner in einer Arena bewegen, auf der weder er uns, noch wir ihn je erreichen können, und unser Kampf also nur ein vergeblicher sein? Lassen Sie uns aber auch ferner nicht vergessen, daß ohne ausgesprochenes Princip, ohne eine durchs Ganze sich ziehende harmonische Norm wir nicht nur dem Vertrauen des Volkes nicht entsprechen, sondern — Sie verzeihen mir den Ausdruck -— es sogar misbrauchen. Es gelangen aus dessen Mitte Anträge an die Versammlung oder werden hier Fragen aufgeworfen und ist Mancher geneigt, sich nach der Entscheidung zu richten, aber nur unter der Voraussetzung, daß man nach einem Princip entschieden, da ohne dasselbe ec weder in seinem Gewissen beruhigt noch der Ausspruch für ihn eine Autorität sein kann. Sie erlauben mir, dieses an einem kleinen Beispiele zu erörtern. Es wird angefragt über nDDD nvOttp* Stimmen wir auch Alle in der Beantwortung dieser Frage überein, so wir uns nicht auf dem Standpunkte befinden, von welchem aus dergleichen Fragen eine innere Bedeutung haben, nuf welchem, wenn auch dieser Fall selbst keine Wichtigkeit hat, doch die Quelle, aus der er abgeleitet wird, als geheiligt erscheint, dem TOEO yon nicht die Kraft und Verbindlichkeit abgesprochen, er nicht als formell, dem etwa durch ein äußeres Mnemosynon genügt werden kann, betrachtet wird, sondern wir ihn als für immer geltend und bindend anerkennen: befinden wir uns nicht auf diesem Standpunkte, so sagt unsere Ab- und Uebereinstimmung über NEM HVOEp gar nichts aus, können die Stimmen hier gar nicht gezählt werden, wäre es ein Unrecht an dem Volke, ein Misbrauch seines Vertrauens, wenn der Beschluß einfach hingestellt, wenn nicht dem Volke klar wird, aus welchem Motiv, aus welchem Princip beschlossen wurde. Aber ich behaupte noch mehr: ohne.Princip reformicen heißt die Reform selbst untergraben, widerspricht durchaus dem Wesen der religiösen Reform, die nur scheinbar niederreißt, aber im Grunde aufbauet. Denn es ist hier nichts an die Hand gegeben, ist nicht gesagt „bis wohin", nicht bestimmt „wo nickt weiter", nicht angegeben, was man für heilig hält, nicht erklärt, warum man wegschafft; die Principlosigkeit kann bei Niemanden Vertrauen erwecken, man muß gegen sie immerwährend auf seiner Hut sein, man ist in beständiger Besorgniß, ob sie nicht irgend eine Schwäche erblicke und sie benütze: es ist ein unsichtbarer nicht zu erreichender Feind, der nirgends anfaßbar ist, nirgends Rede stehet und gerade hierin seine eigentliche furchtbare, die Religion gefährdende Waffe hat. Darum ist, meine Herren! nach meiner Ansicht unsere erste Pflicht, uns gegenseitig über das die Reform Leitende Princip, über den Standpunkt, auf welchem Jedermann von uns stehet, klar und unverholen auszusprechen, und ich rechne auf Ihre Nachsicht, hoffe es sogar von Ihnen gebilligt zu sehen, wenn ich Ihnen mit Offenheit entgegenkowme, Ihnen den Boden anzeige,. auf welchem ich mich befinde. Es ist der positiv-historische, ist der des Judenthums, wie es sich bis heute entwickelt hat und sich in diesem Geiste noch weiter entwickeln soll. Auch ich erkenne an die Forderungen des gereistem Gei-

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