Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 30 (23.7.1845)
- Date
- 1845-07-23
- Page
- Seite 237 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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237 gedachtem Aufrufe, die Zeitereignisse eine Umgestaltung des Iudenthums nothwendigmachen, wenigstens „für die überwiegende Mehrheit der Gebildeten." „Die Befreiung vom politischen Drucke im deutschen VaLerLcmde, der aufstrebende Geist ' der sich feiner Fesseln entledigt hat, wie die erhöhten Ansprüche .des Lebens," ssollen für sie unüberwindliche Hindernisse sein, dem Judenthum in seiner bisherigen Gestalt treu zu bleiben. >— Dagegen erlauben wir uns folgende Fragen, die gewiß Jedem, der den religiösen u. politischen Entwickelungsgang des Judenthums—aber nicht aus der Broschüre des.Kr'rchenraths Maier über die R.-V. — kennt, bei Lesung dieser und ähnlicher Phrasen, die schon oft zu den verschiedenartigsten Tendenzen angewendet wurden, aufstoßm, '.an das geistige Haupt der gegenwärtigen „Bewegung," zu richten. Bestand chenn n i e das alte Judenthum, so fragen wir, unter verwandten Verhältnissen, wie die oberwähnten? Lebte und gedieh es nur unter politischem Drucke und geistigen Fesseln? Hat sich dasselbe nicht vielmehr in seiner ganzen Ausgeprägtheit gerade zu einer Zeit manifestirt, in welcher es am wenigsten gedrückt und im vollen Genüsse aller politischen Rechte war, nämlich in den ersten Jahrhunderten derchr.Aera? Blühte es nicht im 10., 11. und 12. Jahrhundert, vorzüglich unter arabischer Herrschaft, obgleich die politische Befähigung und das Ansehen der damaligen Juden weit weniger beschränkt war, als die der heutigen Deutschen, und trotzdem regen philosophischen Gerste, der sich damals unter ihnen allgemein beurkundete doch emsig in Gesetz und Lehre forschte und kritelte? Was für höhere Lebensansprüche werden denn jetzt an den deutschen Juden gemacht, daß man diese auf Kosten der Religion erkaufen solle? Müßte man nicht nach diesen und ähnlichen Ausdrücken zu urtheilen, glauben, die deutschen Juden säßen im Rathe der Fürsten, bekleideten die wichtigsten Stellen im Staate, wären Diplomaten, Richter, Profefforenrc. wie solches bei unfern Vorvorderen unbeschadet ihrer jüdischen Frömmigkeit .wirklich der Fall war? — Man hat sich aber in der That dem Judenthume entfremdet, aus Genußsucht, aus Bequemlichkeit und ein sehr großer Theil schon zu einer Zeit, wo man sich von einem höhern Lebensberuf noch keinen deutlichen Begriff machen konnte, und als man bei Heranreifung des Geistes die Lücke wahrnahm, die sonst die Religion als ein schützendes Heiligthum ausfüllte, wußte man sich selbst keine Rechenschaft zu geben, warum man die väterliche Religion verlassen und sich nur den zeitlichen Götzen zugewendet habe, und verfällt daher in Sophismen und schwindelnde Phantasiegebilde; man wurde von einem Strudel fortgerissen und will diesen für den ruhigen schiffbaren Strom der Zeit ausgeben; man vermißt die Religion, von der man sich entfernt hat, und anstatt zu ihr zurückzukehren, will man sie zu sich herüber lenken. Ein eitles und anmaßendes Vorhaben! Es läßt sich allerdings nicht in Abrede stellen, daß die Zahl der wie Fremdlinge im jüdischen Heiligthume Wandelnder nicht klein und unbedeutend ist, und ist sie auch nicht so groß wie mancher auszuposaunen sucht, und giebt es auch in der deutschen Judeuheit weit mehr „als ein Procent, die sich nicht rasiren", und findet sogar hier und da, selbst unter der jungem Generation, eine Rückkehr zu dm vorvä'terlichen Gesinnungen statt, so ist doch unstreitig die destruktive Richtung im Allgemeinen sehr im Zunehmen. Dieser Richtung entgegen zu arbeiten und dem Volke wieder Liebe zum Judenthum einzuflößen, dürfen die Leiter und Lenker desselben keineswegs unter dem Vorgeben „den religiösen Sinn zu beleben", dem Volksgeschrei, das nach den Fleischtöpfen Egyptens seine Stimme erhebt, nachgeben, sondern müssen einzig und allein nach dem Grund des Nebels suchen, welches das Judenthum aufreibt. Und dieser Grund des Uebels liegt, wie wir gesehen haben, nicht in den zeitlichen Verhältnissen, sondern a) in dem Mangel an allgemeiner Kenntniß der jüdischen Schrift quelle unter dem Volke und d) in dem Mangel an allgemeinen wissenschaftlichen Koryphäen. Die allgemeine Kenntniß der jüdischen Schrkftquellen aber ist nothwendig für die Erhaltung des Judenthums; die Bibel macht schon das Denken und Forschen über das. Gesetz zur Pflicht, nicht allein um solches der Vergessenheit zu entreißen und ihm den ewigen Bestand zu sichern, vielmehr daß Jeder den Geist desselben subjektiv aufzufassen strebe und die geistige .Fortentwickelung bei der stabilen Norm im Schwung erhalte. Im Talmud finden sich sogar viele Ansichten, nach denen das Studium des Gesetzes Selbstzweck ist-und diesem die konkrete religiöse Handlung nachgesetzt wird. mn tin tacr6 nw wn mm Seruf. Pea 4 d.) „Es ist besser ein Gesetz wird übertreten, als das die ganze Tora vergessen wird" (Temura 14 b), ist ein talmudischer Satz, der mehr als das ängstliche Festklammern an jeden Gebrauch Sanktion verdient. Erlernte Handlungen, angeerbte Gewohnheiten und geistliche Verrichtungen werden um so Leichter abgelegt, wenn das geistige Bindematerial — die Schristkenntniß — fehlt. Weil man nun den Unterricht der Bibel ganz und gar verwarf, so daß sich die ganze Religionökenntniß nur auf spärliche Auszüge, die nicht einmal in der Ursprache gelehrt werden, beschränkte, so ging das Wenige, das zu seiner Fortbildung keinen Boden hat, iin Strudel des Weltlebens verloren. Die Bibel mit den leichteren exegetischen Kommentaren muß dem Volke zugänglich gemacht werden; durch einen ernsten und fleißigen Unterricht der Bibel und der hebräischen Sprache in den Schulen, muß die jüdische Jugend so herangebildet werden, daß sie Gesetz und'Lehre des Judenthums aus der heiligen Quelle selbst zu schöpfen versteht und nicht mehr aus den trügerischen Worten neuer Autoritäten, wie aus räthselhaften Orakelsprüchen des Heidenthums ein Religionsprincip sich, herausdeuteln muß. Und so wie die Kenntniß des Judenthums im Volke sich allgemein verbreiten muß, wenn der religiöse'Sinn sich in Wahrheit beleben soll, so müssen die Leiter und Lehrer ihrerseits sich diejenige allgemeine philosophische Bildung aneignen,