Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 29 (16.7.1845)
- Date
- 1845-07-16
- Page
- Seite 227 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- 227 - den Beobachter in hiesigen Waifcnhänscrn aufstoßen! Daß in großem Anstalten dieser Art die Augenkrankheit bis zur unheilbaren Erbtinduilg wüthct, ist so bekannt, daß die Verfechter jener verderblichen Häuser sich nicht anders zu helfen wissen, als daß sie die Krankheit ein nothwendiges Uebel nennen. Von einem großen Waisenhause kann ich aus sehr guter Quelle versichern, daß die Kinder daselbst des Vormittags in einen dunkeln Keller gedrängt werden, wo sie die Speisen für die Küche zubereiten müssen. Won einem andern kleinern weiß ich, daß die Knaben zu sogenannten Todtenlernern erzogen werden*), daß sie für die Verstorbenen gegen eine Almosengabe das Kadischgebet vcrri-chten müssen, und daß ihnen das Betteln unter verschiedenen Formen beigebracht wird. Von Herrn Baruch Auerbach wundert es uns wirklich, 'da er, wie behauptet wird, nur moralische Wortheile von seiner Direktion bezieht, daß er nicht längst das Schaugepränge seiner Anstalt gegen die stille, häusliche und gewiß segensreiche Erziehung vertauscht. O wäre ich ein'Stündchen König von Preußen, ans daß ich alle Waisenhäuser aufloscn könnte; o wäre ich auf ein Viertelstündchcn Rothschild, aus daß ich manchem Direktor ein Vermögen von 2000 Thlr. unter der Bedingung schenken könnte, daß er sämmtliche Aemter niederlege! Die MendelSsohnstiftung gedeiht vortreffllich unter der umsichtigen, Lhatkräftigen, nur das Wohl der Sache im Auge behaltenden Leitung des Dr. Rubo und seiner Kollegen, zu welchen auch Diester weg und Professor Krech gehören.' Jedoch scheint es, daß die hiesigen Reichen dem wohlthätigen Zwecke dieser Stiftung weniger Hochherzigkeit zuwenden, als man von ihnen zu erwarten gewohnt ist. Es scheint, daß öffentlicher Prunk und der Stachel der Eitelkeit den Weg für den hiesigen WohlthätigkeitSsinn abstecken. -—> Es ist hier sehr ernstlich davon die Rede, einen Antireform-Verein zu bilden— die Idee ging von einen geistvollen Orthodoxen aus —; jedoch wird die Ausführung auf Hinderniffe stoßen, weil die eigentlichen Orthodoxen nur Flüche gegen ihre Widersacher, aber keine Geldmittel anwenden wollen. Es ist den Leuten auch gar nicht zu verargen, daß sie ihr Geld schonen wollen, dieweil die Nenalten gar nicht unempfindlich für die Genüsse des HTH dafür ihr Geld brauche!:, für \ aber kommt man mit fanatischen und hämischen Worten .durch. Wie kläglich sehen unsere orthodoxen Stutzer aus, die von nichts so fern sind, als von der Entsagung md Enthaltsamkeit der alten wahrhaft frommen und i *) Hier giebt es noch viele Männer, deren Gewerbe es ist, für die Seelen der Verstorbenen täglich einen Abschnitt bei Mischna in den Barr zu brummen, und dagegen von den Vewandten eine Belohnung erhalten. Ein solcher wurde vor diePolizei geladen, und mit der Frage empfangen, wovon er sichernähre? „Ich bin Lodtenlerner", antwortete er. wahrhaft gelehrten Rabbiner:! Gehörten nicht schmutzig materielle Wünsche zn dm innigsten und vielleicht ausschließlichsten Bestrebungen dieser Partei, so würden sic längst einen Verein gebildet haben, dessen Eifer dahin ginge, der täglich um sich greifenden Hetcrodoxie Grenzen zu setzen, und es würde ein solcher Verein gewiß wirksam gewesen sein, wenigstens beim Haufen, und in Landern, wohin der Strahl der Aufklärung noch nicht gedrungen ist. Eine Partei, welche die Familie Rothschild zu den ihrigen zählt, hat ckeincn Thaler und keinen Gedanken für die vorgeblich so theure Sache übrig l Ich muß Ihnen eil: Musterchen von der orthodoxen Opferfähigkeit liefern: der Medieiner Dr. Kr. schrieb ein drolliges opu86n1umpu1um (sit =v.enia dicto) gegen die Reform, und schickte es mehren Eigenthümern zu. In der Bosstschen Zeitung tritt Herr Nebenstein, man weiß bis heutigen Tages nicht warum, gegen das Schriftchcn auf, den Verfasser zu einer Antwort prävoeirend. Dieser setzt eine solche auf, bringt sie in die Redaktion, wird dahin beschieden, daß nur gegen die Jnsertionsgebühren im Betrage von 5 Thlr. die Replik ausgenommen io erden könne. Kr. geht, .seine Noth klagend von Rabbi Pontius z:r Rabbi Pilatus, oder nur mich alttestamentlicher auszndrücken, von Jak es zu Jossef aber — ' VT3 npb JfjDDH w imm KnNH ptt. Und so bleibt die Welt der trefflichen Wahrheiten beraubt, die wir ohne Zweifel durch die Entgegnung erfahren hatten! Herr Kr. soll eS seitdem stark bereuen, gegen die Reform geschrieben zu haben. Hätte er für dieselbe geschrieben, so würde er am hochwohtpreislichen Kultur- Verein, der sich zum Rcformvcrein jetzt gewissermaaßcu wie Pontius zu Pilatus, oder um mich alttestamcntlicher auszudrücken, wieJakef zu Jossef verhält*), mehr verdient haben!! — Vergangenen Donnerstag feierte Diester weg sein 25jähriges Amtsjubiläum, bei wel- . chem auch die jüdischen Lehrer vertreten waren. Diesterweg ist bekanntlich ein warmer Freund der Juden und läßt keine Gelegenheit vorubcrgehen, gegen die sie unter-, drückenden Gesetze zu protestiren. Auch nimmt er sich mit innigen: Interesse der jüdischen Hospitanten in seinem Seminar an, und zwar eben so schonend gegen die Talentlosen, wie zuvorkommend gegen die Begabten. . Bei dem Feste, welches ihm Nachmittags im Tivoli gegeben wurde, waren an 400 Lehrer zugegen, darunter mehre jüdische, in deren Namen Herr Engel mann den Jubilar begrüßte. Doch fehlten manche, deren Gegenwart erwünscht gewesen wäre, wie z. B. Z. und 8. Nian sagt, ihr stark ausgeprägter Abfolutismo -Royalis- *) Oder um mich heidnischer auszudrücken, wie Julius zu Cäsar. In einem alten Buche las ich einst einen Witz auf den Imperator Julius Cäsar, seine Zeitgenossen in Nom sagten' nämlich, man schriebe jetzt „Julio et Caesare consulidus". 29*