Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 28 (9.7.1845)
- Date
- 1845-07-09
- Page
- Spalte 445-446 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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446 445 Kritiken. Fürst's philosophische Bibliothek. Z Alle diese Punkte »werden aus unserer heiligen Schrift I bewiesen tmb klar und überzeugend dargestellt; die Präroga- Z tlve des Christenthums, welche den Judenhaß dogmatisch § formulirte, verschwinden wie ein Schattenbild, und nur die 1 absolute Hartnäckigkeit ist im Stande tiefe sonnenklare Wahr- | heit wegzuleugnen, die durch tausend Sprüche unserer I Schrift dokumentirt ist. Nach dieser Darlegung schließt nun Hr. H. trefflich: „Mesiie Freundet ich bin zu Ende; ich habe keinen einzigen Spruch mitgetheilt, der nicht schon vor dem Stifter der christlichen Religion da war; dabei habe ich unzählige Stellen siveggelasseri, die klar dasselbe besagen, und wieder viele Stetten, die wohl noch etwas mehr sagen, aber es zu dunkel oder zu weitläufig ausdrücken. Nun kommen allerdings in unseren biblischen Schriften sehr zahlreiche Stellen vor, die den angeführten bald 'mehr bald weniger entgegensteyen, allein dies setzt nicht die jüdische Religion wieder auf eine tiefere - Stufe herab, sondern zeigt bloß, daß nicht alle unsere Gottesmänner auf.'der gleichen Höhe der religiösen Anschauung standen, manche auch auf ihre eigenen Höhe sich nicht durchweg zu erhalten vermochten. Dann dür- | fen wir nicht übersthen, daß um die rohe Masse heranzu- I bilden, viele Dinge vorgeschrieben wurden, die allerdings oft j nur durch einen sehr dünnen Faden mit der Religion zusam- 0 menhingen, aber gleichwohl ihre guten Dienste geleistet ha- | den: diese Leitstecken, an welchen Israel so zu sagen gehen I lernte, als das Wesen des Iudenthums zu bezeichnen, ist ar- \ ger Mißverstand. Endlich ist unsere Bibel weder ursprünglich \ , geschrieben, noch zusammengetragen zu reinreligiöftn Zwecken, t sondern eine Sammlung aller aus dem jüdischen Alterthum erhaltenen Schriftwerke, wie beispielsweise das hohe Lied darl thut^z aus diesem Grunde aber fand Vieles in ihr eine Stelle, | was dem Geiste der jüdischen Religion fremd ist. Um mich Z eines Ausdruckes zu bedienen, den ja auch christliche Theologen in Bezug auf ihre Religionsschriften oft gebrauchen: In der Bibel ist Gottes Wort enthalten, aber nicht die ganze « Bibel ist Gottes Wort. Wer über die jüdische Religion ur- I theilen will, muß nicht vergessen, die prophetischen und apo- 1 kryphischen Schriften, und die Psalmen („das Herz der Bii eet") um Rath zu fragen, nicht aber .schon mit Moses abs schließen, um dann alles Schöne und Erhabene, was er in 1 den übrigen Büchern findet, christlich zu nennen, wie das tag- 4 täglich geschieht, oder zu sagen, in dem und jenem Verse sei 'j der Standpunkt des alten Bundes überschritten, da es doch 'i einzig richtig ist, den Standpunkt des alten Bundes erst aus solchen Stellen zu ermitteln." Möge der Verf. nur recht bald in einem ähnlichen Vorjj trage auch ein treues Bild des Chriestenthums, oder richtiger 4 bes nazacäischen Judenthums, wie denn auch des Iudenthums, p .der Tradition, das man fälschlich das rabbinische Iudenthmn 8 nennt, vorführen. Möge der Vers, fortfahren zu beweisen, i| daß er, .obgleich Mitglied einer unwissenden Rabbiner-Ver- 1 sammlung, dennoch die Unkcnntniß des Iudenthums nicht | theilt, und möge er auch beweifin, wenn er kann, daß die jüdischen Lehrer und Weisen als Laien keinen Zutritt zu einer Rabbiner-Versammlung haben können. 27) Die jüdischen Religionsphklosophen des Mittelalters oder Uebersetzungen der seit dem zehnten Jahrhundert verfaßten jüdlschenjReligionsphilosophieen. Mitgetheilt von Dc. Julius Fürst. Erster Band: Emunot we-Deor oder Glaubenslehre und Philosophie von Saadja Fajjumi. Aus dem Hebräischen mit theilweiser Benutzung des Arabischen übersetzt von Dr. Julius Fürst. Leipzig, 1845. gr. 16. Otto Wigand. XII und 224 S. . (Schluß.) Der philosophische Thell des Midrasch und der Hagada überhaupt ist aus dem Konflikte der Schrift mit den Zeitideen einerseits und dem Widerstreite einzelner Stücke der Bibel andrerseits*) hervorgegangen. Die Schrift, als das Wort Gottes, ist ein Princip, das in sich selbst das Kriterium der Wahrheit trägt; die Zeitideen, als ein Produkt der Vernunft, müssen entweder der Schrift akkomodirt, oder, wo dies nicht angeht, verworfen werden. Die Schriftverse sind unerschütterliche Säulen, an welche die Zeitideen als Festons sich ansetzen, oder von denselben Zerstoben werden. Dieser Gesichtspunkt, der die Schrift als das qv wxl betrachtet, rief die philosophische Auslegung der Schrift und die allegorische Methode hervor. Die Philosophen hatten in der Schule der Philosophie ein normirendes Princip für ihr Denken gewonnen und ihren Geist mit Ideen bereichert, die aber an der ^Schrift erst erprobt werden mußten. Bei dem einmal angeregten Denkprocesse reichten die nackten Schriftworte nicht aus, sondern die Schrift selbst wurde nach dem gewonnenen Principe interpretirt und als Rüstkammer gegen rin zu bekämpfendes System benutzt» Die Anhänger der Allegorie gossen die Form der Schrift in Geist um , um das Wort Gottes siegreich aus dem Kampfe mit den Zeitideen hervorgehen zu lassen. Die Halacha hatte bereits die Form der Schrift zu Ideen erhoben; die Hagada that einen Schritt weiter, indem die Form ihr ganz abhanden kam und sie in der Schrift nur Gedanken suchte. Dies konnte aber nur daraus entstehen, daß man von der Schrift ausging und zu ihr zurückkehrte. Der jüdische Religionsphilosoph suchte nicht zuerst ein System, als ein absolutes, zu gewinnen und es dann in der Schrift wiederzufinden, sondern mterpretirte die Schrift und suchte auf dem Wege der Interpretation, fremde Ansichten bekämpfend oder verarbeitend, ein religionsphilosophisches Gebäude aufzusühren. Charakteristisch zeigt sich das in der Einleitung des Emunot, wo Saadja über die vierErkenntnißarten spricht (S. 23). Hier wird die Richtigkeit der drei Erkmntnißarten (durch die Sinne, die Vernunft und den Schluß) durch die vierte, die „wahrheitliche Ueberlieferung" (rüQNOn min) bestätigt. Aus den Prädikaten, welche der *) Vergl. meine Beurtheilung von Manasse den Israels „Conciliador** im LB. des Orients 1843, Col. 370.