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Der Orient · 1845-07-09 · 28 (9.7.1845) · p. Spalte 443-444

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Journal
Der Orient
Volume
1845
Issue
28 (9.7.1845)
Date
1845-07-09
Page
Spalte 443-444 (sequence 6)
Language
German
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443 Kritiken. Einleitung m den Talmud. 444 Besprechung des Christenthums und des Islam eins der wichtigsten Momente der Religionsforschung, und so war cs auch später, wenn dergleichen Perioden eintraten. Unsere Zeit steht jener an Streben nicht nach. Wir haben die Pforten unserer Ghetti gesprengt, die Nebel des Aberglaubens verscheucht, das Ceremonialgesetz ist uns etwas Aeußerliches geworden, und der starke Einfluß des Christenrhums nöthigt uns, über die grundzüglichen Ideen beider Religionen uns zu verständigen. Sehr richtig sagt Hr. H. von unserer Gegenwart: „In dieser Uebergangsperiode war und ist das Judenthum Ln vielen seiner Bekenner einer ernstlichen Gefahr ausgeseht z denn die Innigkeit, mit welcher unsere Vorfahren an dem Ceremonialgesetz hingen, ist geschwunden, die meisten Juden unseres Vaterlandes erblicken in ihm nur noch eine Bürde, ein Entbehrliches; das, was von dem Geiste unserer'Religion ln dem Ccremonialgesetz verhüllt liegt, ist mit ihm ihnen verflogen; der beinahe neuentdeckte Geist unserer Propheten aber ist ihnen noch fremd geblieben, sie wuchsen auf ohne geregelten Religionsunterricht und ohne Kenntniß der Bibel; nicht der verschrieene Zeitgeist, sondern das ist das Unglück dieser zwei, drei Generationen, daß sie, freilich ohne ihre Schuld, die alte gemüthliche Relkgionsübung aufgaben, ehe der Boden gewonnen war, der ihren neuen Tempel tragen soll. Nun aber fehlt es den meisten heutigen Juden durchaus nicht an religiösem Gefühl, noch auch an Sinn für echtreligiöse Aussprüche; in dieser GemüthsstLmmung greisen Viele, oft ganz zufällig, nach den christlichen. Religionsschriften, Horen christliche Prediger, suchensonstige Belehrung bei Christen, und lernen dadie herrlichsten religiösen Ideen kennen, die sie dann, weil sie ihre eigene Religion nicht kennen, für alleiniges Gut des Christenthums halten, während sie doch nicht blos auch in der jüdischen Religion enthalten, sondern erst von der jüdischen in die christliche hknübergewandert sind. Und dieser Jrrthum wird von vielen Christen, welche über beide Religionen zu reden finden, nicht zerstört, sondern noch vielfach befestigt. Wer kann in jedem einzelnen Falle entscheiden, ob sie in ehrlicher Unkenntniß unserer Religionsschriften oder mit vollem Bewußtsein deL Gegentheils so sprechen; aber da wird jedes Schöne und Erhabene, das freilich in den Schriften ihres neuen Bundes steht, aber auch eben so klar in den Schriften unseres Bundes, nicht blos als christliches Eigenthum ausgegeben, während es doch mit noch größerem Rechte als jüdisches Eigenthum zu bezeichnen wäre, sondern auch noch geradezu unserer Religion abgesprochen, und diese oft fo dar gestellt, daß Jeder sich schämen muß, ihr anzugehören, der nicht fest von dem Gegentheil überzeugt, ist. Schmerzlich ist es, wenn auf christlichen Kanzeln und Lehrstühlen, hohen und niedrigen, diese Unwahren Darstellungen ertönen; wahrhaft widerwärtig aber klingt es und empört jedes religiöse Gefühl, wenn Juden und Jüdinnen mit süßlichem Geschwätz und mit andächtigem Augenverdrchm von den herrlichen Dingen in der christlichen Religion reden, ohne zu ahnen oder sich bedeuten zu lassen, daß sie nur brauchten die jüdische Bibel anzukausm und einmal durchzulesen, um dieselben herrlichen Dmge eben so deutlich, eben so kräftig und bündig von jüdischen Gottesmännern ausgesprochen zu finden, die dreihundert, fünfhundert, fünfzehnhundert Jahre vor dem Stifter der christlichen Re-, ligion gelebt haben." — Dieses Zustandes wegen nimmt Hr.H. die sogenannten Ideen des Christenthums, die aber Ideen des Judenthums sind, zu seinem Thema, und fährt in der Einleitung fort: — „Ich will jetzt die vorzüglichsten Sätze des Christenthums in den Schriften des „alten" Bundes Nachweisen, aber ach, meine Zuhörer, es schmerzt tief, durch die grausame Noth solcher Zustände dazu getrieben zu sein, diese Dinge aufsuchen und scheinbar gegen jenen angeblichen Stifter der christlichen Religion zusammenstellen zu müssen, gegen einen Mann, der nie daran gedacht hat, eine andere Religion zu stiften, und der, wenn er so war, wie von ihm berichtet wird, zu den edelsten Söhnen Israels gezählt ^werden muß, dessen unsterblicher Ruhm aber uns Zuwachsen müßte, wenn nicht auch die Geschichte zuweilen ein achtzehnhundertjähriges. Unrecht beginge. Allem, was ich Ihnen mitzutheilen habe, ist in Wahrheit nicht gegen ihn gerichtet; er selbst, der niemals aus dein Judenthum ausgetreten ist, würde bereitwillig zugeben, wenn er jetzt noch Zeugniß ablegen könnte, daß alle jene großen religiösen Wahrheiten,! welche'.ihm oder dem Christenthum zugeschrieben werden, vor ihm in jüdischen Geistern gelebt und gewebt haben." — Nach dieser Einleitung, worin der Standpunkt sehr gut und geschickt festgestellt ist, bespricht nun Spr. H. folgende Themate: 1) Der jüdische Gott ist ein allgemeiner Gott, kein Nationalgott» Die christliche Dogmatik hat die Lüge von einem jüd. Nationalgotte erfunden. 2) Der jüdische Gott ist ein gütiger, liebevoller, nicht hart, despotisch, unversöhnlich, wie die christliche Dogmatik lügnerisch ausspinnte. Der jüdische Gott ist die Liebe, ist Vater seiner Kinder, und selbst das „Vaterunser" ist aus der Idee des Judenthums entsprungen. 3) Der jüdische Gott ist ein Gott rder Versöhnung, der Milde, der Nachsicht gegen alle Welt. 4) Israel, ist das auserwählte Volk nur in so fern es den erhabenen Beruf hat, den Glauben an einen einigen und heiligen Gott über die ganze Menschheit zu verbreiten, und wer in diesem Glauben lebt ist mit uns erwählt. 5) Die jüdischen Vorschriften gegen die Heiden sind wahre Gesetze der Liebe, wie sie nicht einmal das Christenthum gegen Andersgläubige aufzuwersen hat. - 6) Die jüdische Religion lehrt nicht den Formendienst und die Werkheiligkeit, sondern Gott im jGeiste und in der Wahrheit anzrrbeten. 7) Die jüdische Religion ist die lReligion der!Liebe, sie stellt die Liebe als höchstes Gebot auf. 8) Die Ehe. und ihre sittliche Natur ist in der jüdischen Religion begründet. 9) Die jüdische Religion lehrt die Unsterblichkeit der Seele, und die Auferstehung.

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