Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1845)
- Date
- 1845-07-09
- Page
- Seite 222 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- 222 - Ungarisch-Brod, 1. Juli. Ihre Leser werden sich noch aus Nr. 50 des v. I. erinnern, daß die kleinstädtische Bureaukratie des Kurortes Luhatschowitz pharaouische Stümper an den Söhnen Jakob's werden und denselben den Aufenthalt durch Eigenmächtigkeit und Willkür erschweren wollten; daß aber durch die Gerechtigkeitsliebe des k. k. Kreisamtes zu Hradisch die Luhatschowitzer Bureaukratie gebrochen und den jüdischen Kurgästen ein freierer Spielraum gegönnt worden. Ich kann Ihnen nun die erfreuliche Nachricht mittheilen, daß auch in dieser Saison Recht und Gerechtigkeit nicht mit Füßen getreten und den jüd. Gästen kein Hinderniß in den gelegt wird. Ueberhanpt muß bemerkt werden, daß nur der Kleingeist der kleinlichen Duodezbeamten kleine Tyrannen den Juden gegenüber ist; daß nur die Misere der Beamtenwelt den ohnmächtigen Juden gegenüber das Gesetz verhöhnt und den eigenen bunten Launen die Zügel schießen läßt; unsere vornehmen Beamten hingegen den Sinn für Gerechtigkeit nicht ersticken und nur treue Vollstrecker des Gesetzes sind. Unsere hiesige Judcnschaft kann unter dem Schutze unseres würdigen Oberamtes, das aus ehrenwerthen Mitgliedern besteht, ruhig undungestört leben. — Durch unfern Rabbiner Hrn. Nascher gewinnt die Predigt immer mehr Eingang. An dem Gcbnrtsseste unseres geliebten Monarchen hielt derselbe vor einem gewählten Publikum von Inden und Christen eine schone Rede, die mit Beifall ausgenommen wurde. Wir wünschen nur, Hr. Nascher möge mehr Sorgfalt alls das Schulwesen verwenden. Die Pflanzstätte der künftigen Generation sollte doch wahrlich nicht in dem alten Schlendrian gepflegt werden. Eine gut organisirte Schule, welche der Empfänglichkeit der Jugend Nahrung gicbt und sie zu mehr als Packjuden und Trödler heranbildet, wird auch auf die Erwachsenen und Gereiften ihren Einfluß gcttcnb machen. Ein Handwerker- und Lese-Verein dürfte in einer aus 160 Familien bestehenden Gemeinde auch nicht fehlen. Der letztgenannte Verein dürste besonders die Aufmerksamkeit unseres Herrn Rabbiners in Anspruch nehmen. Unsere Gemeinde ahnt kaum, daß es außer den mit vielen Breschen versehenen Mauern ihrer Stadt Bewegungen auf dem Gebiete des Judcnthmns gebe. Ein Lese-Verein, der jüdische Journale und Flugschriften bezöge, könnte den Sinn der Gemeinde für Bildung und Interesse an den großen und kleinen Bewegungen imJudenthum bei ihr anregen. Und es wäre doch in derThat eine Schande, wenn in einer Gemeinde von 160 Familien nicht ein solches segenbringeüdes Institut m's Leben treten könnte! — In Brün n Hai das bestehende nicht sehr freundliche Judengesetz einen Inden zu einer tragikomischen Handlung genöthigt. Dieser Jude hat sich nämlich in die Arme der alleinseligmachenden Kirche geworfen, um sich freier bewegen zu kennen. Sein Weib und seine Kinder sind Juden nach wie vor, aus der Familie ist das jüdische Leben nicht gewichen, und so ist mit der Religion und den Gesetzen ein Gaukelspiel getrieben worden. Ist das Nichtvorhcmseiu von veralteten Gesetzen einer legislativen und religiösen Taschenspielcrei nicht vorzuziehen? GroßwarLein, 18. Mai. Lesen wir in öffentlichen Blättern für jüdisches Interesse aus Ungarn, so finden wir sonst Nichts alsJcreuliadenrufundVerpönung der Lethargie und Hyperorthodoxie unserer Rabbinen, als würde jenes talmudische Princip: D^m inr auch im Nttgekehrtcil Sinne in der Praxis sein. Die Rabbiner wären bei den Verehrern des Talmuds, bei uns also, die Könige, die Despoten in der Religion: da doch derlei Principien auch bei uns scholl längst aus der Praxis sind. Zu dessen Bewährung, wie oft das Volk weit über seine Rabbinen in Intelligenz, Humanität und geläuterter Religiosität sich erhebt, und wie gering ihre Influenz ans dasselbe ist, wenn sie nicht zeitgemäß denken und wirken — rmd vielleicht von der allgütig waltenden Vorsehung bestimmt find, daß wir Ungarn , die wir weit unter unseren deutschen aufgeklärten Brüdern zurückgeblieben sind, Reaktionen hervorzurufen, die stets in uns den Eifer erneue, Energie erwecke, mit desto schnellem Schritten voreilen, um das Versäumten einholm zu können — wollen wir die Zustände der fünf Jahr alten Gemeinde Kaschau's in Augenschein nehmen, deren größter Theit der Zusammenkauf der umliegenden r.6np ist, die vor kaum einigen Decennien der Chasidismus mit seinem treuen Gefährten den sinsteren Aberglauben, sich zum Throne seiner ausgedehnten Monarchie erkoren, und mit fanatischer Wnth und tyrannischer Despotie seine treuen Untergeordneten beherrschte. Die erste isr. Ansiedülllg daselbst konnte einer förmlichen »TPDDQ ähnlich nur unter Weheschmerzen erfolgen; denn die Bürgerschaft, die den Juden nur da kennen zu lernen Gelegenheit hatte — da bis 1840 in der Stadt ein Jude nicht einmal übernachten durste — wenn sie mit ihm in irgend einer kriminellen oder sonstigen juridischen Angelegenheit kottidirte, und dann nur dessen schwache üble Seiten kennen lernte, und es, wie dies allgemein der Fall ist, , aus das ganze Judenthum ausdehnend behaupten wollte: — vielleicht wollen die Judenfeinde jene souderbare talmudische Satzung : m piy hj rn Dy als vollgiltig neuerdings bewähren. — Nun aber werden sie von ihren christlichen Mitbrüdern mit gegenseitiger Liebe und' Zuneigung behandelt, und Jedem, der laut Gesetzes Zeugnisse über Geburt im Jnlande und unbescholtenes Betragen vorzuweisen im Stande ist, ohne die mindeste Einwendung, jene ausgenommen, daß ihn der, nach den Statuten der Pesther isracl. Gemeinde ' geregelte Vorstand in seiner Mitte ausgenommen, wird sogleich das Ansiedlungsrecht concedtrt; sogar mehre meiner christlichen Freunde daselbst gaben mir die Versicherung, daß die gesammte Bürgerschaft mit herzlicher Be-