Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1845)
- Date
- 1845-07-09
- Page
- Seite 219 (sequence 5)
- Language
- German
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219 die in dm fraglichen Sätzen ausgesprochenen fanatischen Grundsätze seien keinesweges die wirklichen und subjektivwahren des. Hrn. Stein, der weit, weit freisinniger über solche Dinge denke undjene Sentenzen in einem Processi, worin er als Kläger austrat, blos so durch seinen Anwalt habe Vorbringen lassen*), weil es ihm damals zu seinem Zwecke so gedient habe, um von seinem Gegner die geforderte Schadloshaltung von 2000 fl4 (die Hr. St. natürlich zu frommen und milden Zwecken verwenden wollte) zu erlangen. Das ist ein Grund, der sich Horen läßt, für Hrn. St. indessen minder günstig spricht, als die einfache Annahme vieler „Frommen", der Mann habe da seine innere und wirkliche Meinung geäußert, es sei sonach offenbar noch ein HfrTP in ihm, den Hrn. v. Rothschild u. Kons, nur gehörig anzublasen brauchen-, um ihn zur leuchtenden und — verzehrenden Flamme anzufacheu. Nun aber, werden Sie fragen, und was sagt denn Hr. Rabbiner Stein selbst dazu? Wie erklärt er sich? -— Soviel bisher öffentlich bekannt ist, sagt er — .nichts; er schweigt still. npw nDDr6 Daraus Immen alle Parteien entnehmen, was sie wollen, und man kompromittirt sich nicht dabei. Zwar behaupten ^sehr viele Personen, die am längsten Tage dieses Jahres unsre Synagoge besucht, der Rabbiner habe nicht geschwiegen, sondern er habe in einer fulminanten Predigt über das Thema der „Verleumdung" offenbar aus den Vers, des Artikels in der ,,Hau. Zeitung" angespielt, wie er auch schon im Lauf des versloffenen Winters eine ihn rein persönlich angehende Privatsache, .nachdem er solche in einem hiesigen Lokalblättchen, wie man glaubte, ausgekämpft, nachträglich noch mittelst den Zuhörern verständlicher Anspielungen auf die Kanzel gebracht habe. Hr. Stein habe, so berichtet die vielzüngige Fama, dem Journalisten u. A. dessen Unei g e n n ntz i g k ei t z w m Hauptvor u? ur f gema ch t, *) Ja, Einige thaten in ihrer Herzens- und Gründenoth so verzweifelt, daß sie sich zuletzt an den Strohhalm einer Distinktion zwischen dem eintretenden Anwalt und seinem geistlichen Principal anklammerten. Es wurde dagegen eingewendet, das „miDD bw sei nicht etwa blos talmudisch, sondern sogar auch juridisch und moralisch rechtlich und gesetzlich; außerdem sei mit Sicherheit anzunehmen, daß der (christliche) Advokat wohl noch weniger als ein moderner Rabbiner im Jore Dea, Choschen Mischpat u. dgl. belesen sei, und daß es somit keinem Zweifel unterliege, daß die anstößigen Satze und deren praktische Anwendung zuerst der Feder des Rabbiners entflossen sein müßten. Dagegen replicirte man aber, daß der Rabbiner dabei doch jedenfalls nicht, gleich dem bitterbösen Journalisten, wie eine Schlange, nämlich blos um zu stechen, sondern wie ein Löwe gehandelt habe, nämlich um —- zu frommen Zwecken, versteht sich! — zweita usie nd Gulden z u erha l t e n. Anm. des Eins. indem er, der Prediger, in Anwendung einer sehr bekannten Talmudstelle, zu verstehen gegeben, das böse Objekt seiner Kanzelberedsamkeii gleiche weder dem Löwen noch dem Wolfe, die um des Raubes willen ihre Opfer tödteu, sondern der böse Mensch gleiche der — Schlange, die „nur sticht um zu stechen" — was eigentlich etwas gegen den Buffon verstößt, aber weiter nichts auf sich hat, indem ein 2", höchstens ein Theo-, keinesfalls aber ein Zoologe zu sein braucht. Allein was mich betrifft, so schwöre ich beim Styx und bei der unbedingten Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit unsrer Rabbiner, daß ich kein Wort daran glaube, daß Hr. Stein wirklich die Kanzel zu so profanen Streitigkeiten auch nur andeutungsweise misbraucht hätte. Zu diesem meinem festen und unerschütterlichen Glauben fühle ich mich durch folgende triftige Gründe bewogen , und meine Stahlfeder sei für Jeden geschliffen, der mir diese meine Uebcrzcuguug streitig machen will: 1) glaube ich, daß Hr. Stein, als mehrjähriger Rabbiner, vor dem Gotteshause und der zur Erbauung der Andächtigen und zur Verkündung des Wortes des Herrn bestimmten und geheiligten Stätte eine allzu hohe Achtung hat, als daß er solche znm Tummelplätze seiner Privatstreitigk'eiten entwürdigen könnte; 2) glaube ich, daß Hr. Stein zumal in dem jetzigen Momente, wo so zu sagen, das Schicksal der hiesigen Synagoge noch auf der Wage liegt, und ihm Alles daran liegen muß, den hiesigen Gemeindegliedern einen möglichst hohen Begriff von einem Gotteshause beiznbringen, um recht reichliche und zahlreiche Beiträge für. die zu erbauende Synagoge zu erhalten, sich sorgsam hüten wird, düse Sache dadurch zu kompromittiren, daß er die Meinung aufkommen ließe, das Unternehmen geschehe überhaupt blos zu seinen persönlichen Zwecken und man wolle nur eine Schaubühne für seine Expektorationen errichten; 3) halte ich Hrn. Stein nicht für fähig, seine einmal ausgesprochene Allsicht zu widerrufen, am wenigsten in der Form, daß er den, welcher ihm seine, des Rabbiners, eigne Worte nacherzählt hat, als einen „Verläumder" und eine „Schlange" re. dennncirt; 4) halte ich ihn fitr allzu vernünftig, als daß ich ihm die Dummheit beimessen sollte, eine a kt en mäßige Wahrheit, die jeden Augenblick ihrem ganzen Umfange nach veröffentlicht werden kann, für unwahr, oder, was noch weit mehr sagen wurde, für „Verleumdung" zu erklären; 5) glaube ich auch nicht, daß Hr. Steill es so vollkommen mit der Orthodoxie zu Verderber: geneigt sein möchte, um seine früher ausgesprochenen Allsichten über Speiseverbote'bis zu dem Grade kategorischer Entschiedenheit zu verwerfen, daß er es als Verleumdung" erklärte, ihn: solche Gesinnungen nachznsagen; 6) halte ich den Rabbiner auch für zu gntmüthig, 28*