Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1845)
- Date
- 1845-07-09
- Page
- Seite 218 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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218 lodernden Flamme ansachen; aber der Gedanke an den hohen Beruf des „Ordinirten", an den historischen Zweck der Versammlung, an das zürnende und lachende Publikum (denn zu guter Vorsicht werden die Sitzungen ö ff e-n tli ch gehalten werden) und au die liebe — P olizei, die auch nicht außer Augen zu setzen ist, dieser erhabene und sehr zeitgemäße Gedanke wtrd den aufbrausenden Wogen der Leidenschaftlichkeit Einhalt gebieten und sie in ihre Ufer zurückdrängcn, und mancher entrüstete GotteSmann wird Gelegenheit haben, an die Worte des Dichters zu denken: „Zürnend ergrimmt mir das Herz in dem Busen, Zu dem Kamps ist die Faust geballt, Denn ich sehe das Haupt der Medusen, Meines Feindes verhaßte Gestalt! Kaum gebiet' ich dem kochenden Blute! Gönn' ich ihm die Ehre des Worts? Oder gehorch' ich dem zürnenden Muthe? — Aber mich schreckt die— Eumenide (vulgo ty o t i j c i), Die Beschirmers n dieses Orts!" Eine andere Frage ist, ob die Rabbinerversammlung unter diesen Umständen und nachdem geschehen ist, was wir erlebt, sich noch in der Stellung befindet, ihren Verhandlungen und eventuellen Beschlüssen jenes würdevolle Ansehen zu geben, welches zur Festsetzung von Einrichtungen , die für die Dauer sein und allgemeine Geltung erhalten sollen und doch nicht mittelst materieller Gewalt eingesührt werden können, ein unerläßliches Erfordern iß sind. Und keine Frage kann über die Unentbehrlichkeit einer solchen Würde stattfinden, kein Zweifel darüber obwalten, daß ein etwaiges Durchsetzen irgend einer neuen Einrichtung, ohne daß dieser jene Weihe und jene das Herz des Volkes durchdringende geistige Autorität zur Seite steht, nimmermehr zum Heil und zum Gedeihen führen, vielmehr nur Parteisucht, Zwietracht und Irreligiosität stiften kann. Auch ist die deutsche Judenheit nachgerade mündig genug geworden, um denen, die sie vertreten wollen, eine gehörige Legitimation abzufordem, eine Legitimation, die vor Allem in der Bernfenheit der auftretenden Repräsentanten bestehen muß — und man weiß, daß nicht in allen Fallen das Wort Berufen heit mit dem Worte Beruf gleichbedeutend ist, abgesehen davon, daß den Mitgliedern der Brannschweiger Versammlung außer der erstem auch sogar noch der Letztere, die eigentliche lcgitimatio ad causam abgeht. Und daß neben gediegener und gründlicher Sachkenntniß u. A. auch der hohe Ernst, welcher dem hochwichtigen Gegenstände gebührt, ein fortwährendes Bewußtsein und Gefühl innerer unentweihter Würde und ein dieser Würde entsprechender Anstand im Auftreten mit zu den Erfordernissen der Berufenheit zu zählen, möchte wohl kaum zu beweisen für uöthig erachtet werden, und selbst Jene, welche sich in der Praxis so sehr an den: Aller: versündigt, werden nicht umhin können, dem Grundsätze in der Theorie beizustimmen.— -- Der in dem ,,Orient" Nr. 25 übcrgegangeneArtikel der ,,Hanauer Zeitung", der auch noch in mehrern andern Zeitungen mitgetheilt ward, und worin die von Hm. L. Stein vor dem Kreis- und Stadtgericht Würzburg vfficiell geltend gemachten Ansichten über die jüdischen Speisegesetze aus den Akten mitgetheilt wurden, hat hier in den jüdischen Kreisen aller Farben und Schattirungerr ein ganz ungemeines Aufsehen erregt, und mehre Tage laug - das Tagesgespräch gebildet, so daß es schwer halten dürste, aus dem chaotischen Gemisch so vieler, mitunter allerdings absolut gedankenloser, Stimmen ein logisches, zu einem ordentlichen Referat geeignetes Ganze hcrauszufinden und znfammenzusctzen. Die Orthodoxen triumphiren und geben sich sogar theilweise der Hoffnung hin, aus Hm. Stein könne noch in ihrem Sinne etwas Rechtes werden. Die Reformisten nehmen es dem Nachfolger des Hm. Salomon Trier höchlich übel, daß er nun schon in meh'rern Fällen seinen Vorgänger an rigoristischcr Härte bei Weitem übertroffen. Die eigentlichen unbedingten Anhänger des Hrn. Stein, d. h. par excellence einige Vorstandsmitglieder, die ihn doch nun einmal faktisch gewählt haben, unb deren theils .diplomatische, theils auch nur stumpf nachbetcnde Anhänger, befinden sich eigentlich in der größten Verlegenheit, indem sie, „als Männer des Fortschritts" und aus ihre „Prineipien" was haltend, zwar die barbarische Strenge irr den Aeußernngcn des Geistlichen verwerfen müssen, doch aber von der andern Seite sich nun einmal aus allerlei Gründen in den Kopf gesetzt haben, die Protektoren ihres Rabbiners zu sein und quandmeine zu bleiben, und sich deshalb auf jede nur erdenkliche Weift abquälen, um ä la Talleyrand so recht eigentlich „versöhnend und vermittelnd" zwischen den beiden diametralen Gegensätzen in — ihrem eignen Kopfe aufzutrcten, nämlich die unbedingte Perhorreseenz der Stein'- schen Grundsätze und die unbedingte Rechtfertigung Dessen, der diese Grundsätze geltend gemacht, miteinander zu vereinigen. Das wollen diese Leute und sind dabei keine Hexenmeister; was möchte erst zu erwarten stehenwenn sie wirklich von der cgyptischen Schwarzkunst was verständen! Das Beste, was sie bisher in der Sache zu Gunsten ihres Schützlings vorgebracht, läuft ungefähr auf Folgendes hinaus: Es sei 1) jedenfalls sehr schlecht von dem Vers, des frag!. Artikels, daß er Aussprüche, die Hr. Stein unter andern Verhältnissen gethan und deren Bekanntwerden ihn in seiner jetzigen Stellung, zwei Jahre später, in einige Verlegenheit setzen mußte, so indiskret an die große Glocke häugte, ohne zu Gunsten des Rabbiners das klassische „tempora mulanlur, et nos mulamur in illis“ zu bedenken — ein Ein- und Vorwurf, wobei jedoch das ebenfalls klassische Sprüchwort: „La verite n’est que la yerile“ völlig außer Acht bleibt. Auf die Sache selbst eingehend, behaupten die sogenannten Steinerer;