Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1845)
- Date
- 1845-07-02
- Page
- Seite 215 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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- 215 - 2) Diese Versammlung hat sich a priori aller Selbstständigkeit begeben, indem sie den Zeitgeist zu ihrem Orakel machte. Da hören wir immer als Refrain: „das Bewußtsein der Gesammtheit", „das Bewußtsein unserer Zeit"^) rc. Die wetterwendische Tagesmeinung war also ihre Leiterin — ist das nicht idiotenhaft? — 3) Die Aufgabe eines Volkslehrers ist, sich über das Treiben der Menge zu erheben, diese nicht zu fürchten, ihr nicht zu schmeicheln, sondern sie mit Umsicht und Muth auf die rechte Bahn zu leiten. Diese Versammlung aber, weit entfernt, das Volk zur Befolgung der Neligionsvorschriften zu bewegen5 6 *), machte es sich zur Aufgabe, den Berg des Herrn abzutragen, ja ihn dem Boden gleich zu machen, damit er leicht ersteigbar sei; sie sprach das Unreine rein, damit auch der Unreine für rein gelte; sie erklärte das Heilige für profan, auf daß auch der Heillose im Heiligthum des Herrn verweilen könne — und dadurch glaubt sie die Wunden Israel's zu heilen? -- Nein, ich muß es wiederholen: so können nur Idioten verfahren! — 4) Kein Vernünftiger unternimm: Großes oder Kleines ohne erst mit sich zu Rathe zu gehen und genau zu erwägen, ob sein Unternehmen auch rechtlich und vernünftig sei. Diese Versammlung aber behandelt eine so hochwichtige Angelegenheit, wie die Reform in religiösen Dingen, in Eile und Hast; sie bauet auf und reißt nieder, bejahet und verneint, debattirt und beschließt, ehe sie sich noch überzeugt, ob ihr auch dies Alles zustehe. Vergebens versuchten Stimmen aus ihrer eignen Mitte7) ihr zum Bewußtsein zu bringen, daß erst über die Autorität des Talmuds entschieden werden müsse ^), daß durchaus nichts anzufangen sei, bevor die^Frage gelöst ist, ob die Aussprüche des Talmuds bindend seiend); daß überhaupt zuvörderst das Princip festgestellt werden müsse, nach welchem die Versammlung zu verfahren gedenke^) — umsonst, der Vorsitzende rief: „das ist nicht an der Tagesordnung!".— und damit war die Sache abgethan. — Diese und ähnliche Misgriffe der Versammlung sind deutliche Beweise, daß derselben alle Kompetenz durchaus abgeht, und daß daher alle ihre Beschlüsse für Nichts zu achten sind. — Welcher vernünftige Israelit wird auch an die Aussprüche einer Versammlung sich kehren, die offen an den Tag gelegt hat, daß sie weder Talmud noch Bibel respektirt*»)♦ 5) Sie verwirft den Talmud. Obgleich es hierüber nicht zur Abstimmurg gekommen, so geht doch schon aus den Debatten deutlich genug hervor, daß die Versammlung den Talmud nicht anerkennt. So gesteht Einer aus ihrer Mitte offen ein 12), daß er und seine Kollegen in ihren geistlichen Funktionen nur mit Verdruß und Widerwillen sich dem Verlangen ihrer talmudischgesmnten Gemeinden fügen, — und ein Anderer,3) findet Bedenken, für nD'p.3 bei einem Eide zu stimmen, weil .man dadurch glauben könnte, daß er — der Rabbiner — den Talmud anerkenne! — Der greift ohne Scheu vre Anordnung der synagoga magna cm14), Jener behauptet keck, alle Sachverständigen (?) stimmen darin überein, daß der Talmud weder in hat ach i sch er noch in dogmatischer Beziehung bindend sei'"); der Eine spricht von der Tradition wie von einem Menschenwerk, das ersonnen worden, die Schrift zu verdrehen"); der Andere erklärt die talmudischen Satzungen für aufgehoben, wenn das Bewußtsein der Zeit bereits darüber hinaus gegangen ist""); Dieser zweifelt, ob es zur Trennung einer Ehe erst eines Scheidebriefcs bedarfla), Jener nimmt keinen Anstand zu sagen, daß unsere Weisen von Gott eine falsche Vorstellung gehabt hätten, und daß der Talmud eine verwerfliche Moral lehre"). Der Eine meint, man brauche sich bezüglich der Sabbatfeier nicht nach dem Talmud zu richten-") — der Andere will die Anordnungen unserer Weisen überhaupt abgeschafft wissen re. — Und das Wort ward That-*): man erkannte eine Synagogenordnung an, die zum Theil gegen die talmudischen Satzungen verstößt; man gestattete die Ehe zwischen Juden und Nicht-Juden, was - doch wenigstens vom Talmud gemisbilligt wird. Diese Versammlung hat sich also vom talmudischen Iudenthume faktisch losgesagt, demnach können ihre Mitglieder nicht mehr für Lehrer unserer Religion gelten, weil wir nur den als unfern Religionsweisen anerkennen, der im Geiste des talmudischen Iudenthmns lehrt. — 6) Diese Versammlung hält auch die Bibel nicht für bindend. Wer an die Offenbarung des Gesetzes aufrichtig glaubt, dem werden alle Ge- und Verbote desselben gleich wichtig erscheinen, — der wird die Aussprüche Gottes nicht dem Maaßstab des beschränkten Menschenverstandes unterwerfen wollen. — Diese Versammlung aber hat sich erkühnt, den Zeitgeist auch über die Bibel zu setzen 21); sie hat die göttlichen Gebote klassisicirt, hat Moral - Gesetz von Ceremonial- Gesetz geschieden und nach eignem Gutdünken das Eine oder das Andere für wichtig oder unwichtig erklärt. Demgemäß hat sie auch gegen -0W njPpn ,?b)h , Scheidebrief und Sabbatgesetz gesprochen; daher fand sie sich nicht bewogen, ein Wort zu Gunsten der Beschnei düng — des Bundeszeichens — zu sprechen; sa, darum hielt sie es für unangemessen, auf die Restauration des davidischen Reiches re. zu beten. — Um aber an den Tag zu legen, daß sie praktische Tendenzen verfolge, hat sie die gemischten Ehen gestartet, wodurch sie aber auch deutlich gezeigt har, welcher Geist sie belebt. Wir wollen ihr verzeihen, daß sie auch in dieser hochwichtigen Angelegenheit nicht nach den betreffenden Satzungen 14) 47. — 15) 55. - 16) 59. — 17) 66. — 18) 69. — 19) 89. - 20) 90. *) Und wohnt unter uns. — Uebers. 21) 57, 52, 53, M, 69, 90 und 91. — 5) 45. 64 44. 66. — 6) 20. — 7) 87-91. — 8) 23. — 9) 20. — 10) 44. — 11) 66. — 12) 15. — 13) 33.