Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1845)
- Date
- 1845-07-02
- Page
- Seite 216 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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216 sondern nach eignem Gutdünken verfahren, wir wollen ihr auch ungerügt hingehen lassen, daß sie das Jerusalemer Synedrium unbeachtet gelassen, und mit dem Pariser sich gebrüstet (dessen Aussprüche sie obendrein noch korrumpirt und gar nicht verstanden); jawirwollen uns sogardes Lachens über Leute enthalten, die ein Langes und Breites über die Heiligkeit der Ehe schwatzen, und dabei ganz naiv erklären, daß zur Trennung einer Ehe es erst keines Scheidesbriefes bedarf. Nur das Eine müssen wir sie fragen: ,,Habt Ihr bei der Verhandlung über die gemischten Ehen auch für gut befunden, den Talmud zu ignorrren, — ja habt Ihr sogar geglaubt, die Stelle Deut. 7, 4 nicht beachten zu müssen — warum befragtet Ihr nicht die Geschich te? — warum ließet Ihr da nicht die Zeit ,— Euer Orakel — sprechen? Die' Gefchichee würde Euch belehrt haben, daß die gemischten Ehen von jeher für Israel verderblich waren, ja daß'es um Israel's Religion längst geschehen sein würde, wenn nicht Esra dem hereinbrechenden Strome einen Damm gesetzt. Ist dem aber also, so wäre es, falls es Euch wirklich um die Belebung des religiösen Sinnes in Israel ernstlich zu thun ist, Euere Aufgabe gewesen, die gemischten Ehen, selbst wenn Bibel und Talmud sie zuließen, zu v erponen! Anstatt dessen habt Ihr aber einen Riß gemacht, wo keiner war, hab.t Ihr das Fundament des Hauses I a k o b 's unterwühlt. Oder glaubt Ihr im Ernst, durch die Gestattung der gemischten Ehen die.Religion zu heben, die Herzen zu heiligen? glaubt Ihr wirklich, daß die Ehe dadurch eine höhere Weihe erlangt, wenn Gatte und Gattin in der wichtigsten Angelegenheit ihres Lebens getheilten Herzens sind?- Wie? sollte etwa der Umstand, daß dem Vater für profan gilt, was der Mutter für heilig, und umgekehrt, auf die religr öse Erziehung ihrer Kinder wohlthätig einwirken?" Bei Gott! wäre der Gegenstand nicht zu ernsthaft, man müßte über die seelsorgerischen Quaksalber nur lachen. Wahr ist's, sie haben nur die Ehe mit Christen, überhaupt nur mit Monotheisten gestattet, ja, sogar nur unter der Bedingung, daß die Möglichkeit da sei, die Kinder auch in der jüdischen Religion zu erziehen; allein eben durch diese Beschränkung haben sie gezeigt, was sie denn eigentlich unter I u d e n t h u m verstehen, nämlich n i ch t s w e i t-e r als den Monotheismus. Denn warum sollten sonst unter der angeführten Bedingung nicht auch Ehen zwischen Juden und Heiden gestattet sein? Etwa aus Besorgnis', der jüdische Theil könnte zum Götzendienst verleitet werden? Nun ist in Bezug auf die Ehe mit Monotheisten nichts zu besorgen? sind Sabbatfeier, Festtage, Speisegcsetze rc. kein Gegenstand der Besorgnis;? Aber freilich, die Versammlung hatte nur für die Sicherheit des Mo n o th eism us zu sorgen. Schade nur, daß die gelehrten Herren vergessen, daß selbst der Monotheismus verschieden desinirt wird. — Diese Versammlung ist 'indessen ckekne isolirte Erscheinung, sie zeigt vielmehr, wie weit es bereits in Israel gekommen. Daher dürfen wir nicht schweigen, darum müssen wir unsere innigsten Ueberzeugung laut und vernehmbar aussprechen, „Daß weder diese noch eine ihr gleiche Versammlung die Macht und Autorität hat, auch nur einen Brauch von den heiligen Israels abzuschaffen, wenn, diese Abschaffung ein Verstoß gegen Talmud oder' Kasuisten ist, um wie viel weniger also (hat sie Macht und Autorität), , zu erlauben, was diese verbieten; daß daher Alles, 'was ' i(! diese - Versammlung beschlossen hat oder noch beschließen ^möchte , für Nichts zu achten ist, wie überhaupt jede Entscheidung gegen Talmud und Kasuisten keine Geltung . hat. Denn ein Israelit, der die Aussprüche des Talmuds nicht für bindend hält, oder gar erlaubt, was dieser verbietet,, gehört in die Kategorie der Epikuräer, wonach es sich von selbst versteht, daß man auf seine Entscheidungen in religiösen Dingen nichts geben darf, da er hierin keinen Glauben verdient"--). Wohl machten einige Mitglieder der Versammlung eine löbliche Ausnahme; aber auch ihnen ist es zu verargen, daß sie nicht die Wahrheit männlich vertreten, die Uebergriffe der Menge offen gerügt, und die Versammlung verlassen haben, nachdem sie gesehen, welche Tendenz sich hier geltend machte ''). 22) Maimon. Tr. Mamrim 3, 1» Teschüba 3, 6. 8. — Talm. 'Moed Katan. fol. 17 a, Chagiga fol. 15 b. Jore Dea §. 246/ 8. Sifre Kohen idiU.; §. 119, 7. 23) Zum Schluffe spricht sich der Vers, noch über die Mittel aus, wodurch dem in Israel anwachsenden Uebel der Irreligiosität abzuhelfen wäre. Vor Allem, meint er, müßten so wohl tüchtige Religionsschulen für die Kinder als auch Seminare für Lehrer und Rabbiner errichtet werden rc. — .Doch haben wir uns für diesmal btos auf den kritischen Theil des Schreibens beschränkt; wir behalten uns aber vor, bei einer andern schicklichen Gelegenheit auch den letzten Theil desselben zu übertragen. * Der Uebers. Personalchronik und Miseellen. Die nächste R.-V. am Main. Hr. Dr. Frankel erklärt sich bereit, die RV. zu besuchen; er sieht jetzt ein, daß Hr. Hirsch in Luxemburg Recht hatte, ihm das Nichtworthalten vorzuwerfen. Nur ist es sonderbar, daß er einen Schweif sucht, was voraussetzt, daß er ein Haupt sein will. Auch Hr. Philipp so n erklärt, daß er eintreffen werde. Die Freundschaft Frankel's mit Heß, Hold he im und Maier, Philippson's mit Frankfurter und Solomon wäre in der Thal ein Schauspiel, das man den Laien zur Erbauung gönnen sollte. » *. i Verlag von C. L. Fritzsche. Druck von I. H. Nagel.