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Der Orient · 1845-07-02 · Heft 27 (2.7.1845) · p. Seite 212

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Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 27 (2.7.1845)
Date
1845-07-02
Page
Seite 212 (sequence 7)
Language
German
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212 mich oder den Herrn Rabbiner RapaporL gelangen, wird von uns gemeinschaftlich vorgenommen, daher ich denselben sogleich von dem durch Sie erwirkten humanen Akt amtlich in Kenntniß gesetzt und zur Ausführung des frommen Zweckes dieser wahrscheinlich letzen Spende aufgefordert habe. Zu Ihren: besonder:: Lobe, (heile, ich Ihnen mit, daß Ew. Ehrwürden der Einzige waren, der dem Aufrufe im Orient Aufmerksamkeit und Theilnahme geschenkt hat. Theilen Sie gefälligst den Herren Wohlthätern diesen als Organ meiner Gemeinde ausgesprochenen Dank, nach Zeit und Gelegenheit mit.' Genehmigen Sie die Versicherung meiner Achtung Ew. Ehrwürden ergebenster Diener M. I. Landau. Prag, 18. Juni 1845. Berlin, im Juni. Die „Stadt der Intelligenz" sah mich in ihren Mauern, ohne daß ich sie deutlich sehen konnte: es schlug gerade halb zwölf und die Nacht war sehr finster. Von einem Freunde begleitet, wunderte ich durch mehre Straßen und Gassen — als plötzlich bekannte Töne, welche die Mitte zwischen Gesang und Deklamation bildeten, meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Ich vernahm eine bekannte Melodie und horte einzelne Worte, wie Abbaji und Naba,Rabbi Jochanan und Resch Lakesch und abgebrochene Sätze, wie: Kedere -baß jaume, Masch'hu, Naußen Tum lip'gam, was mich in einem nicht geringen Grade stutzig machte. Ich näherte mich den matt beleuchteten Fenstern, aus denen die talmndischen Namen und Satze, wie bewährte Freunde, mich grüßten, und hatte die Gewißheit, daß hier eine mitternächtliche Zusammenkunft mit einem Stuck aus dem Traktate Aboda Sara, oder mit dem 103. Kapitel des Jore Dea stattfand. Aufmerksam lauschte ich der morgenländischen Melodie — als die Glocke zwölf schlug. Die Töne verhallten, eine Stille trat ein, doch das Licht brannte wie früher. Ich stand einige Minuten etwas nachdenkeud, als Trauergescmg und Trauerktagm mein Ohr trafen. „Zijon" und „Jeruschalajim" hörte ich oft in einem dumpftönenden Rccitativ, das von Schluchzen unterbrochen wurde. -Wie? rief ich aus, sollten hier die mitternächtlichen Klagen über die Zerstörung Jerusalem's ertönen? Sollte hier das sogenannte rmn-Gebet abgehalten werden? Galt das Schluchzen den Ruinen der einstigen „Herrin der Länder?" .Bin ichinBerlin, wo englische Missionäre über den Deismus der Juden klagen, wo eine deutsche Reform vorbereitet wird? — Ich hätte dies für einen Traum gehalten, wenn nicht mein Freund mich zum Weitergeheu gemahnt hätte» Ich ging. Den Morgen darauf erfuhr ich von einem Bekannten, daß eine Partei junger Rabbinatskandidaten, die ihren Homer und Virgil, auf dem Gymnasium studirt und Schelling's Vorlesungen über „Philosophie der Offenbarung" gehört hatten, die Sprößtiuge eines modernen Pietismus sei, der bei einem Theile der Berliner Juden gegenwärtig zum guten Tone gehöre. In der Mitternachtsstunde könne man in dem Bet ha-Midrasch einer kleinen Gasse die Zerstörung Jerusalems betrauern, beklagen und beweinen hören, und zwar — von jungen akademischen Bürgern. Deutsche Reform, eine Synode, Wissenschaft des Judenthums, Hegel, Schellig und man*)! rief ich aus. (Sabb.-Blatt.) Oesterreich. Drody, im Juni. Auch in unserer Stadt, wo man sonst kann: eine Spur der Bewegung bemerkt, hat sich Etwas zugetragen, das, wenn auch "gerade nicht von nützlicher Regsamkeit, doch von dem Dasein des Fanatismus ein Zeugniß ablegt. Ein junger „ talentvoller Mann, Dr. Eh reureich, Sohn eines hier sehr geachteten Gemeindebeamten, kam vor Kurzem nach vollendeten Studien aus dem Collegium Rabhinicum in P adua m den Kreis seiner Familie zurück. Unter dem berühmten Luzzatto hat er in allen Fächern der jüdi-, schen Theologie und der hebräischen Wissenschaft sich vortrefflich ansgebildet, und durch, einen, frommen, nnge- 'heuchelte»: Lebenswandel und durch Fleiß sich vorzüglich fähig gemacht, einst in seinem Vaterlande, in Galizien, einen segensreichen Wirkungskreis als Rabbiner und Prediger einzunehmen. Nur sollte man meinen, daß eine Stadt, deren Juden zwar reich an Geist und Witz, aber arm an regelmäßig Gebildeten, die Studien auf dem Felde des Nabbinismus durchgemacht, ist, einen solchen bescheidenen jungen Mann mit einer gewissen vaterstädtischen Herzlichkeit begrüßen müßte, und wenn der Jndifferentiömns und die Kälte der Gemüther, welche die seegcnarme Stadt beherrscht, dieses gar nicht erwarten läßt, so erwartete man aber auch nicht das Gegentheil, weil auch zum Fanatismus.eine gewisse Gemüthswärme gehört. Der junge, heimgekehrte Ehren reich, mit wohlerworbenem Rabbinerdiplom und guten Kenntnissen versehen, voll Gottesfurcht und begeistert für seinen künftigen Beruf, der in der Religion wurzelt, wünscht eine Predigt zu halten, und der Vorstand, den unbescholtenen Ruf des jungen Mannes kennend und mit offenem Sinne für das Gute, bewilligte.es gern, wohl wissend, daß bis jetzt noch kein Würdiger bei uns sich zu einer deutschen Predigt gemeldet. Aber unser Rabbiner, Hr. Christi anp oll er legt sein Veto ein, vorgebend, daß ein Unbeweibter keine Kanzel betreten darf. Ich weiß nicht, ob Hr. Christianpoller diese neue psychologische Entdeckung gemacht, daß die Ehe die homiletische Kunst ansbilde, daß nur eine Frau der wahre Prüfstein für die beredte Zunge eines Rabbiners sein kann, aber so ’) Das Faktum wurde m:s von einem glaubwürdigen Manne aus Berlin verbürgt.

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