Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 26 (25.6.1845)
- Date
- 1845-06-25
- Page
- Spalte 411-412 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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411 412 Studien. Literarische Miscellen. tcngefttzes und der Humanität allerdings gefordert werden, daß'man sein Leben selbst nicht durch einen gezwungenen Mord oder Verletzung der Sittlichkeit erkaufe, das natürliche strikte Recht und Pflichtgefühl kann es jedoch Keinem zum Vorwurfe machender eine solche Heroische Tugend nicht besitzt. Im Judenthum ist es jedoch Religionspflicht, in einem solchen Falle' das Leben zuopfern, und wird daher im Talmud nicht von Seiten des S i t t e n g e setzes, sondern Seitens der Re l igio ns Pflicht der Unterschied zwischen Aktivität und Passivst at ausgestellt. Das absolute Sittengesetz, von dem in der Halacha keine Rede ist, kennt natürlich diesen Unterschied nicht an; die Halacha schließt aber auch das.^bsolute Sittengesetz nicht aus, nur gehört solches nicht in sie hinein, denn das Judenthum lehrt als solches nur Pflicht- und Religions geböte, das Sitrengesetz und die Tügendlehre sind aber Sache des moralischen Gefühls, was allen Völkern der Erde gemein ist. Sammtliche Sarkasmen und Verhöhnungen der talmudischen Sätze, die allerdings der höchsten Anforderung des absoluten Sittengesetzes nicht entsprechen, welche der Vers, in seiner lieblosen Sprache/ für das Heil und Besten seiner Glaubensgenossen (S. 44—54) darlegt, sind nach unserer Darstellung zu würdigen, und wir glauben daher der Mühe überhoben zu sein, dem Vers, in die Ausstellung längst zerfallener Mumiengesralten zu folgen. ' , v (Beschluß folgt.) Kurze Notizen und Miscellen. Ein talmudischer Rechtsfall in der arabischen Legende und Ln dem Romane Don Quijote«. In folgendem Beispiele sehen wir den Talmud, durch das Medium der arabischen L eg e nde, Stoff zu spanischen Ritterromanen bieten. Im Traktate Redarim, Bl. 25, wird nämlich folgender Rechtssall erzählt: Ein Schuldner behauptete vor Raba, seine Schuld bereits bezahlt zu haben. Nachdem ihn Raba zu einem Eide verurtheilt hatte, nahm er ein Rohr, legte das Geld hinein, übergab es dem Gläubiger und leistete seinen Eid. Der Gläubiger, darüber erzürnt, zerbrach das Rohr —> und das Geld siel auf den Boden. Dieser Rechtsfall befindet sich nun mit einer kleinen Modifikation — wie der Herausgeber der „Blätter für Israels Gegenwart und Zukunft" bemerkt —- in dem spanischen Ritterroman Don Quijote. Hr. Belson weiß aber nicht den Weg anzu- . geben, auf welchem dieser sinnreiche Proccß zu den Ohren des Cervantes gekommen sei. Zur Beruhigung desselben wollen wir ihm die Versicherung geben , daß Cervantes nie den Talmud gelesen, um etwa für das Seelenheil der deistischen Juden sorgen zu können. Die muhammedanische Legende vergb. Werl's „biblische Legenden der Muselmänner", S. 214 — hat — den j ü dischen Stoff benutzend—hier wie anderswo ihn durch ma'hrchenhafte Zuthaten ausgeschmückt und die Schlichtung dieses Rechtsfalls als Beweis der Salomonischen Weisheit angeführt. Durch die spanischen Araber, die bekanntlich einen mächtigen Einfluß auf die altspanischen Romanzen geübt Haben, wurde dem talmudischen Rechtssall der Weg zu den Spaniern gebahnt. - Auf diese Weise findet auch die Modifikation bei Cervantes ihre Erklärung. / Ink. Literarische Miseellen und Berichtigungen. In dem LB. Nr. 19 d. I. Col. 295 lese ich eine Erklärung Jesaja's 42, 19, der ich wenigstens unbedingt nicht beistimmen kann. Die Worte und rftt£W geradezu auf das Volk zu deuten, ist mehr als gewagt, ja höchst unwahrscheinlich. Von dem gemeinen Volke können diese hohen Eigenschaften weder verlangt noch erwartet werden. Es ist aber auch nicht einzusehen, warum die betreffende Klage überflüssig wäre, so sie sich auf die Propheten beziehen sollte; ist dies doch nicht die einzige Stelle, wo dieser Prophet sich bitter beklagt über seine Kollegen, die, ihren erhabenen Beruf vergessend, sich der Sinnlichkeit und den Lastern überließen, und so ihren prophetischen Geist nach und nach verloren (vergl. Jes. 29, 7. 8. 9 und 10; das. 29, 10 und 11). Nicht einzusehen ist ferner, was mit den Worten „da es ja nicht darauf ankommt, wie vie l" gesagt sein soll? In meinem (noch nicht verbreiteten Werke). nnnQK IWD habe ich diese Stelle auf die Propheten gedeutet, und den Zusammenhang der ganzen Rede dargclegt. Der V. {18 kann sich gleichwohl auf das Volk beziehen, auf welches der Redner V. 22 wieder zurückkommt; der 19. V. aber sagt: aber ach! wie kann ich von dem Volke Aufmerksamkeit und Besserung erwarten, so lange die Propheten selbst im höchsten Grade taub und blind sind! — Es ist aber auch die Auslegung der ganzen Rede auf das Volk nicht ganz zu verwerfen, und kann seine Anwendung in der Art finden, daß die, jene unglückschwangeren Zeiten Ueberlebenden, durch so viele Leiden und bittere Erfahrungen, zu einem so hohen Grade von Einsicht und Erkenntniß Gottes gelangen werden, daß viele unter ihnen, so bisher taub und blind waren, nunmehr vollkommen, und zum Propheten tüchtig und fähig sein werden. Also ausnahmsweise und durch außerordentliche Ereignisse herbeigeführr. Vergl. Joel 3, V. 1 f. f. Baiersdorf, Mai 1845. ' W. Lichtenstädter.