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Der Orient · 1845-06-25 · Heft 26 (25.6.1845) · p. Seite 206

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Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 26 (25.6.1845)
Date
1845-06-25
Page
Seite 206 (sequence 11)
Language
German
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206 Die durch die heurige Überschwemmung so sehr beschädigte Pinkas-Synagoge, nach einer dort sich Vorgefundenen Tafel im 16. Jahrhundert von einem gewissen Horowitz erbaut, wird renovirt, und sich als Tempel verjüngen; doch scheinen die Fluten die große Orthodorie, die dort von jeher ihren Thron aufschlug, nicht weggespült zu haben, da nur nach langen heftigen Debatten brachte man es vor der Hand blos dahin, daß die Sitze gehörig geordnet, und Ordnung und Ruhe herrsche: es ist ein Konnte, zur Aufrechthattmig des erforderlichen Anstandes gewählt worden, das nun wohl bei dem Wenigen nicht stehen bleiben, ltnb sich bestreben wird, eine sich immer bessernde Umgestaltung herbeiznführen. — Ist es doch chrenwerth, deir Kultus hier im Allgemeinen, aus dem noch ziemlich tiefen Zustande zu heben, so spricht sich aber noch weit dringender das Bedürfniß eines geregelten Gottesdienstes für die studirende Jugend aus. — Unter so vielen großen und kleinen Synagogen, die wir hier haben — die Zahl dürfte sich wohl auf 20 belaufen—- wovon der größte Theit, Festtage ausgenommen, leer ist, ist aber auch nicht eine, die dem Bedürfnisse der studirenden Jugend, die durch Schulen und Gymnasien eine Synagoge zu besuchen abgehalten ist, entspräche, und so entbehrt -gerade sie jede religiöse Erhebung und Anregung und entfremdet sich dein Gotteshause immer mehr. Es muß der noch etwaige Sinn für das Nationale gänzlich abgestumpft und getodtet werden, der religiöse Funke, der noch hier und da glimmt, erlöschen und der ohnehin so üppig wuchernde, Jndisterentismus immer mehr erstarken. Wem sollte aber die Crcirung eines für die. Jugend geeigneten Gottesdienstes mehr obliegen als dem Neligionslehrer? Und es ist wahrlich sehr zum verwundern, daß eben Hr. -Dr. W essely nicht längst schon diesem Bedürfnisse entsprochen hat, Hr. Wessely sollte dann, seinen am Sabbat zum Gottesdienste versammelten Schülern, biblische Vorträge halten, die sicss all seine wöchentlichen Vorlesungen wohl-anknüpfen ließen. Hr. Wessely möge diesen, gewiß nn Sinne Vieler, ausgesprochenen Wulisch recht bald erfüllen, und von unsrer Gemeinde nicht so übel denken, daß ihm nicht vor: allen Seiten 'freudigst jede Unterstützung dazu angeboten werde; die Herren L andau und Rap ap ort, die doch immer so bereit sind, edle Zwecke zu fördern, werden hier, wo es sich um so ein hochwichtiges jüdisches Interesse handelt, unt so bereitwilliger ihre Hand dazu bieten. — Vielen Dank erwirbt sich Hr. Dr. Wessely bei den Freunden der klassischen hebr. Literatur, durch seine unlängst begonnenen Vorlesungen über Kusari, das Interesse daran steigert sich mit jeder Vorlesung, wie dieses der sich immer mehr erweiternde Kreis von Zuhörern erweist. Wessely scheint aber auch in dieser Literatur, sehr umfassende und gründliche Studien gemqcht zu haben, und weiß fein Auditorium durch viele geist- und lehrreiche Bemerkungen zu fesseln; wie man hört, beabsichtigt Hr. Wessely, die hebr. Klassiker der Reihe nach seinen Hörern vorznführen, ein wahrhaft verdienstliches Werk!' — * * * Hr. Dr. Wessely stellt im Sabbathblatt Nr. 17 die Frage, welchen Ursprung das Wort rodale habe, welches in mehreren alten Gesetzen über Juden, und namentlich in den von BoleslauS den Inden eingeräumten Privilegien vorkommt, wo die Stelle so lautet: „statuimus, quod nullus judeus juret super rodale ipsorum, nisi sit pre magnis causis, quae ße exten- (hmt usque ad L.marcas argenti“. Ich glaube jedoch, daß rodale spanischen Ursprungs ist, und von r o di 1 e, spanisch Kn i e hcrgeleitet werden kann, vermuthlich mußte in früherer Zeit die Eidesleistung knicend geschehen, und davon suspensirte BoleslauS die Juden bei unbedeutenden Fällen; pro magnis causis jedoch rnnßte sich der arme Jude doch die-Kniebeugung gefallen lassen. — Polen und Rußland. TVilnn, 1. Juni. Die Kunde von dem Bekleidungs-Ukas ist doch gewiß auch schon zu Ihren Lesern gedrungen; daS Heilsame dieser Verordnmlg sieht Jeder ein, obgleich sich unser Gefühl gegen diese harten Eingriffe in die menschliche Freiheit sträubt. Denn wenn auch, der Zweck gut, so muß man doch für daS Mittel einen ganz andern Maaßstab nehmen, nämlich denMaaßstab eines nicht civilisirten Landes. Wie die große jüdische Masse diesen Tracht-UkaS ausgenommen, brauche ich wohl nicht zu berichten; der Fanatismus, der in der scheußlichen Tracht das Heil der Inden erblickt, dieTrägheit, welche aus der alten Gewohnheit sich nicht herauswinden kann, trauert iuuner, wenn cS gilt, den gewohnten,'durch Atter geheiligten Gleis zu verlassen. Mer nicht nur die Masse, sondern auch die sogenannten Nobili (Mejuchasim) wenden Alles ans, um dem Gesetze auszuweichen; der Adel scheint ihnen in der Zobelmütze zu stecken, und wenn sie sie aufgeben sollen, so dünkt cs ihnen, daß sic mit den Idioten zusammenfallen. Daher die Bittschreiben und die Anerbietungen von Bestechungen, und wenn cs nicht ganz und gar durchgeht, so haben-wir es denjenigen aufgeklärten Juden zu verdanken, welche die Machinationen der sogenannten Frommen Hintertreiben. Ein miSlicher Umstand istcS, daß das Gesetz bis 1850 gleichsam abgekaust werden kann. Es sind dadurch fi'lnf Jahre der Bedrückung und Erpressung für die Inden; die dummen Fanatiker geben ihren letzten Heller hin, um dieses Gesetz zu umgehen, und die Arrnuth, welche hier herrscht, wird noch größer werden. Ich theile Ihnen nun hier die Verordnung nlit, welche im vorigen Monate hier vertheilt wurde; sie erschien in russischer und jüdisch-deutscher Sprache und enthält die genauesten

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