Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 25 (18.6.1845)
- Date
- 1845-06-18
- Page
- Spalte 397-398 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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398 397 Kritiken. Die Rabbiner-Versammlung. welcher „das religiöse Bewußtsein des Volkes" als den An- . Haltspunkt der Reform cmsieht. Diese Ansicht, wen.n sie von Dr. F. als Theorie ausgestellt wurde, bekämpft Hr. M. (S. 12—24) richtig mit den Waffen der Überzeugung und der Ironie, und in dieser Polemik stellt er denn auch den Standpunkt heraus, auf welchem die RV. sich befand , nämlich eine Reform im ersterwähnten Sinne zu bewirken,, ohne Berücksichtigung des religiösen Bewußtseins des Volkes. Aber die Ansicht. F.'s ist nicht eine Theorie, sondern eine Praxis, eine RV. ohne Berücksichtigung des religiösen Volksbewußtseins ist nichts als eine hierarchische Anmaßung, und wenn ihre Institutionen so weise wären, wie die der r6n.in HCOS In dieser Mißachtung liegt schon die Verurtheilung der RV. und der Verfasser hatte nicht nothig, von S. 24 bis'Ende auf die Meinungen der Gegner einzugehen, um die RV. schlecht zu verteidigen. Doch folgen wir ihm weiter in der Vertheidigung gegen seine Gegner. ' Nach dieser Vorausschickung, die gleichsam nur die Einleitung bildet, führt uns der Hr. Kirchenrath die Reihe der Gegner vor, die sich misfällig über die RV. ausgesprochen, und die nun dem Zwecke des Büchleins gemäß widerlegt werden sollen. Zuerst wird Hr. Dr. Philipp son genannt, welcher der Versammlung „alle praktische Erfahrung abspricht und ihre kritische Richtung d. h. ihr zerstörendes Element, wodurch anstatt zu beleben und zu schaffen, sorglos das Messer an das Bestehende gelegt wird" bitter tadelt. Dieses zerstörende Element sieht Hr. Ph. in den Verhandlungen über das jüdische Eherecht, in der Anwendung der Aesthetik bei Lulab und Schofar, die ein Mitglied lächerlicher Weise vorgeschlagen, wie überhaupt in der leichtsinnigen Verhandlung über Verwandlungen der Liturgie, in der unjüdischen ' Debatte über die Sabbatfrage nach hegelischer Grundlage rc. Hr. PH. war, wie gesagt, nur der Dolmetsch so vieler seiner Amtsbrüder, ja selbst der Mitglieder der RV., und hatte wohl eine Veranlassung zu sprechen; er hatte aber auch ein Recht dazu, da er der Schöpfer dieses Instituts ist und an dessen Zustandekommen einen wesentlichen Antheil hatte, und nur eine verkehrte Logik mag die Nichtberechtigung aussprechen. Hr. M. sucht die W. dadurch zu rechtfertigen, daß er Hrn. Ph. vorwirft, er habe durch seinen Antrag, die Versammlung solle die Beschlüsse^des französchen S a nhedrin bestätige'n, erst die kritische Fackel in die Versammlung geworfen, da die Antworten des Sanhedrin zuweilen rief m das Wesen des Iudenthums eingriffen (S. 24—29), was übrigens, beiläufig gesagt, Hr. M. nur schlecht dokumentirtt Allein hier, scheint, mir, hat Hr. M. die Bedeutung des Ph'schen Antrags gar nicht begriffen, und daher natü>'lich auch misverstanden. Hr. Ph. wußte wohl, daß man mit dieser Annahme über die talmudische Norm hinausgehe, daß die erschwerende Kasuistik die Antworten des Sanhedrin als gegen das Princip der traditionalen Entwickelung ansehe; * aber er war auch überzeugt, daß'die Reformen der jüdischen Gesetze, so weit sie das sociale und politische Leben betreffen, höchst nöthig sind, und um ihnen eine gewisse historische Berechtigung zu geben, oder um sich gleichsam aus geschichtlichem Boden zu erhalten, müßten die Beschlüsse einer RV. vor 29 Jahren, die Bescheide eines frommen, durch Gelehrsamkeit, hohen Sinnausgezeichneten |h rvo, die durch den Proceß der Geschichte bereits ihre Läuterung und Sanktion erhalten, höchst willkommen sein, und nur die sprichwörtliche Unwissenheit der Majorität der RV. macht es begreiflich, daß das Concil sich erst.daran erinnern lassen mußte. Die Wormser Rabbiner-Versammlung vom Jahre 1030, wo freilich auch Laien zugelassen wurden und dahcr anstatt 25, wie in Braunschweig, 300 Teilnehmer sich eingefunden, haben in ihrem Beschlüsse für die Monogamie und über die Aushebung des CTD' gewiß tief in das Judenthum ein gegriffen, oder vielmehr, um modern zu reden, das kritische Messer an das Iudenthum gelegt; aber es würde doch ein Ausbund von Ignoranz sein, wenn eine jetzige RV. den geschichtlich einmal berechtigten Bescheid noch einmal in Frage stellen wollte, und es der Majorität von 25, den ominösen 13 Rabbinern überlassen wollte, ob man mehr als eine Frau nehmen sollet Ueberhaupt war der Mangel historischer Kenntnisse der größte Feind derRV.; die Reformen, über die man sich ausließ,' sie mögen Synagoge und Kultus oder die Gesetze selbst betreffen, würden sehr oft das Gehässige, Dumm-freche und Leichrsinrnge verloren haben, wenn Persönlichkeiten da gewesen wäre, welche die bereits durchgemachten historischen Processe innerhalb der Tradition verstanden und in diesem Sinne die Diskussion geleitet hätten. Denn selbst im Kleinsten zeigt sich der bedeutende Unterschied für die Praxis. Es ist für die Realisirung gewiß nicht gleich, ob Rabbi Haj i ©aon oder z. B. Hr. Maier das Kol-Nidre abschaffe rc. Sehr richtig will daher Hr. Ph. „das Princip derjenigen Vermittlung, welche auf dem als Geschichtlich-Entwickelten weiter bauen will, die, anerkennend das Recht des Bestehenden, sowie das Recht der Idee, für die Zukunft arbeiten, aber die Vergangenheit nicht ausgeben will, welche die jüdisch-religiöse 'Sitte, nicht, weil sie durch den Buchstaben geheiligt, sondern weil sie durch das Leben zum Boden dps positiven Iudemhums geworden, ehrt, der das Princip der Masse gegenwärtig ist". Er fühlte auch, daß die Unreife und die Unwissenheit sich in der Versammlung breit gemacht, und hatte den Antrag zur Beförderung'elner jüd.-theologischen Fakultät gar nicht gestellt. Die Unwissenheit, welche noch in der Polemik gegen die Idee einer jüd.-theol. Fakultät lächelt, zeigt deutlich, wie tief die Versammlung gestanden, wie bedauernswerth die Verteidiger erscheinen. Eine jüd.-thcol. Fakultät, d. ch. eine Lehrstätte, eine Schule, wo man den Umfang der jüdischen Theologie, die Geschichte der jüdischen Kirche, der jüdischen Dogmen, der jüdischen Institutionen, wo wandie Geschichte der Liturgie, die Religionsphilosophie studirt» überhaupt das Iudenthum kennen lernt, ist uothwendiger als eine RV.; denn sie ist wie der Grundstein zu einem Bau, wie der Pfeiler einer Halle und nur Böswilligkeit konnte dies wegstreiten. Wo haben Sie Hr. Maicr-, Hr. Sasomon, Hr.