Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 25 (18.6.1845)
- Date
- 1845-06-18
- Page
- Spalte 395-396 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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395 Kritiken. Die Rabbiner-Versammlung. 396 Indignation wurde, reprasentirt nur die vernünftigere Fraktion der Versammtung selbst, obgleich die Gegner so gern diese Polemik zu einer Persönlichkeit stempeln möchten. Es ist in der LhaL schwer zu sagen, was von den 25 Rabbinerlein.übrig'bleibt , wenn man diese Fraktion abzieht, und der^ gutmüthigste Mensch muß billig daran zweifeln, ob ein Minjan Juden in der Versammlung waren, selbst 'wenmman die großen und; kleinen Nullen ihr läßt. Die zweite Seite des Widerspruchs und der Verurtheilung kam von den wissenschaftlich gebildeten großen Rabbinen, wie Frankel, Rapaport, Sachs, Hirschfeld u. s. w. her, und Hr. Dr. Frankel, dessen gewichtige Stimme wohl Niemand auf diesem Gebiere wegleugnen kann, war in feiner, wenn auch nicht wissenschaftlichen, aber für die religiösen Kampfe der Gegenwart doch gewiß vortrefflichen Monatsschrift der Träger dieser Verurtheilung. Die begeisterten Worte Frankels hallten, in allen Gemeinden wieder, und zwar nicht in den rodten, verdumpsten Gemeinden, sondern in allen, wo noch ein religiöses Leben pulsirt, wo das Wort, das aus dem Herzen kommt, noch in die noch nicht verstockten Herzen dringt, und wenn der „Israelit" seinen Korrespondenten gestattet, gegen diesen Parteiführer mit fanatischem Vandalismus aufzutreten , wenn die israelitische Dreieinigkeit, Dr. Ho ldh ei m, - Dr. S a l o m o n und Kirchenrath Maier gegen dieses Parteihaupt mit Bitterkeit austritt , so ist diestheils nur unsanfte wissenschaftliche Diskussion, theils journalistisches Bnllantfeuer, und keiner wohl hält den Gegner für verächtlich. Die dritte Seite, woher die Abneigung und Verurtheilung gegen die RV. ausgesprochen wurde, bildeten die Laien, oder jene Intelligenten und in die Religionsgegenständen Eingeweiheten in Israel, die zufällig kein Rabbinat bekleidenobgleich sie schon oft dazu berufen wurden , oder die zufällig von einem Rabbinate nicht weggejagt werden sind: die zufällig die jüdischen Religionsqucllen und die Bedürfnisse der jüdischen Gemeinden besser kennen, die zufällig von ihren Gemeinden nicht wie andere Rabbiner verabscheut werden, und zufällig von den Gemeinden nicht als israelitische Tyrannen betrachtet werden, gegen die man die Hand der Regierungen anrufen muß. Diese Laien, welche eben so gut.schwarze Röcke und Bäffchen tragen könnten, b'ic besser als eine zehnfach multiplicirte Rabbiner-Versammlung die vier Schulchan Aruch verstehen, und um so mehr für das Iudenthum begeistert sind, als sie für die Begeisterung nicht bezahlt werden, protestirten ebenfalls gegen die RV. und sprachen ihr Urtheil dahin ■ aus, daß eine völlige Reorganisation nöthig ist , um sie zum Heile Israels zu führen. Der Repräsentant dieser Richtung und ihr Dolmetsch war jener nicht genannt sein wollende ausgezeichnete Gelehrte im LB. des Orients (a. c.), der mit wissenschaftlichem Takte und schonender Kritik die Protokolle beurtheilte« Die Protokolle waren natürlich, wie Hrn. Dr. Frankel, nur Anhaltspunkt, um dieses hoffnungslose Institut, wenn nicht eine Verjüngung eintritt, zu Grabe zu geleiten, und diese Hoffnungslosigkeit benimmt .ihm ’ Niemand, und wenn die Rabbiner noch hundertmal Zusammentreten. Endlich kam von einer vierten Seite her ebenfalls eine Verurtheilung der RV., die, obgleich die am wenigsten in der Vernunft berechtigte, doch durch ihre Massenhaftigkeit Nach Außen hin, diesem Institute vielen Schaden zufügen muß. Von dem Spendönrä'uber an der Amstel aufgestachelt, zogen die Emissäre durch Deutschland, Ungarn und Polen, und 116 Rabbiner Unterzeichneten einen Protest, von dem es zu wünschen gewesen wäre, daß eine fanatischere Seele ihn diktirt hätte; denn der Aerger des Journals des Reform-Vereins hätte dann wenigstens eine Grundlage nnd einen festen Boden. So aber ist der Protest mit geschickter Hand in einem Tone geschrieben, von welchem die mit den Verhältnissen nicht bekannten niemals behaupten werden, daß er nur vom Fanatismus erzeugt sei. — Nach dieser Skizze über den gegenwärtigen Stand der Ansichten über die RV. will ich nun zum Inhalte der ersten anzuzeigenden Schrift gehen, welche die RV. vertheidigt, und die Begleitung dieses Inhaltes mit einigen Bemerkungen wird hinreichen, den Standpunkt des Hrn. M. darzustellen. Als Freund des Friedens wollte Hr. M. anfangs keine Apologetik der RV. schreiben, auch hegte er die Ueberzeugung, daß die Persönlichkeiten, welche an der RV. Theil genommen, über alle Kritik erhaben sind, und nur „um ein Institut, von welchem der intelligenteste und beste Theil der Gemeinde (welcher?) die schönsten Hoffnungen für die bessere Gestaltung des tief darnieder liegenden Judentums, für das Heil der Synagoge hegt" zu vertheidigen, hat er das Schweigen gebrochen (S.3. 4). Aber wenn die Persönlichkeiten so erhaben sind, so mußte es auch das Institut sein, und wenn wirklich das Iudmthum einen solchen Kreis von erhabnen Männern hätte, wenn sie selbst .nicht KLrchenräthe wären, so wäre die Synagoge nicht krank. Uebrigens ist es ein Egoismus im Superlativ, sich für unantastbar. zu halten und bescheidmtlich nur das Institut vertheidigen, und der Hr. KR. wird selbst eingestehen/daß in den idealen Gestatten der RV. wenigstens die Tugend der Bescheidenheit gefehlt. Doch weiter. Hr. M. giebt den Standpunkt der RV. an , und meint die Leser vorerst durch die Skizze einer Entwickelungsgeschichte des Judentums zu führen, wo aber nur die Alltagsphrasen wiederholt werden. Diese Steppe zieht sich bis S. 10, das für eine Entwickelungsgeschichte des Judentums zu schlecht, zur überflüssigen Ausfüllung einer einzigen Idee aber unverzeihlich ist. Und wie heißt die Zauberformel dieser Idee? Reform. Dieses allbekannte.Wort bedurfte eigentlich gar nicht der Erläuterung; wir sind alle damit so vertrauet, wie-mit dem Lichte des Tages, und Hr. M. hätte füglich noch bis S. 12 sparen können. Die Reform, welche das kranke Iüdenthum jetzt'braucht, meint Hr. M. ist nicht eine solche, die blos den Schulchan Aruch, sondern die auch dm Talmud wegraumt, d. h. alle Entwickelung des IudenthumS seit zwei Iahrtausendm abschmidet. .Dieser seiner Ansicht über Reform (S. 10.11) setzt' Hr. M. die Ansicht des Hrn. Dr. Frankel entgegen,^