Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1845)
- Date
- 1845-06-18
- Page
- Seite 198 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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mehr als ein Verein mehrerer jüdischer Individuen, die sich rhatsächlich langst von dem Iudenthume entfernt haben, weil sie zu gleichgiltig oder zu schwach waren, für die Verwirklichung ihres religiösen Bedürfnisses in die Schranken zu treten, die selbst zweifelhaft wurden , ob sie noch dem Judenthume angehören, um innerhalb ihres Kreises, wie der ihnen gleichgesinnten und lebenden, die sie zur Anschließung aufforderten, das Iudenthum so zu modificiren und zu gestalten, daß es ihren religiösen Bedürfnissen und höhern Ansprüchen des Lebens entsprechen, und für sie praktikabel sein soll, was zu bewerkstelligen, sie einer, von den gesummten Mitgliedern zu wählenden befähigten Synode anheimstellten. Keineswegs aber wollen sie dieser Umgestaltung eine größere'Ausdehnung 'geben; keineswegs die redlichen und unbefangen Strenggläubigen in ihre Bewegung hineinziehen; vielmehr halten sie es „für frevelhaft, denen ihren Glauben entreißen zu wollen, die noch mit ihrem inneren Leben in demselben wurzeln, für frevelhaft,' diejenigen in ihrem religiösen Handeln hemmen zu wollen, die in der Erfüllung altererbter Pflichten in Wahrheit das Glück und die Freude ihres Lebens finden , denn ihre Frömmigkeit ist eine wahre, aus der sie nicht heraus, und in den Strom ihres Zwiespaltes hineingerissen werden sollen.". Gehet aber auch aus allem diesen hervor, daß die Konstituirunggedachten Vereins einen ganz partikulären Zweck hat, der nicht kollidirt mit den Interessen der übrigen Iudenheit, so ist diese, wie ein jeder Mann der Wissenschaft überhaupt, nicht destowenigcr berechtigt, die von ihm als maaßgebend ausgestellten Principien für die in seiner Mitte zu unternehmenden Reform, objektiv zu beleuchten, und können selbe eben darum, daß sie keine allgemeine Realisirüng prärendiren, erst ganz unparteiisch gewürdigt werden. Diese Principien sind theils im Aufrufe des Vereins, theils in der Schrift selbst enthalten. „Wir wollen", heißt es im Erstern „Glaube; wir wollen positive Religion; wir wollen Judenthum. Wir halten fest an den Geist der heiligen Schrift, die wir als ein Zeugniß göttlicher Offenbarung anerkennen, von welcher der Geist unserer Väter erleuchtet wurde. Wir halten fest an allem, was zu einer wahrhaften, im Geiste unserer Religion wurzelnden Gottesverehrung gehört. .Wir halten fest an der Ueberzeugung, daß die Gotteslehre des Iudenthums die ewig wahre fei, und an der Verheißung, daß diese Erkenntniß zum Eigenthum der ganzen Menschheit werden wird. Aber wir wollen die heilige Schrift auffässen nach ihrem göttlichen Geiste, wir können nicht mehr unsere göttliche Freiheit der Zwingherrfchaft des todtcn Buchstabens opfern." Die Religion heißt es in Letzteren (27—28), ist ein Pfand der göttlichen Liebe zur Menschheit, mit dem das Gemüth eines jeden Sterblichen ausgerüstet ward, als einem sichern Talisman für die schwere und gefahrvolle Wanderung des Lebens. In meinem eigenen Gemüth und nirgends anders kann ich meine Religion suchen und erkennen, also weder im Verständniß Anderer, wie hoch das-' selbe auch über das-meinige stehe, noch in dem Inhalt eines Büches, das ich nicht kenne und nicht verstehe. Mein persönliches, mein gegenwärtiges Bedürfniß ist es, dem meine Religion genügen soll, und nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart habe ich zu befragen, ob meine Religion und mein inneres Bedürfniß in Übereinstimmung mit einander sein. Das Iudenthum-aber erkennt, mehr als jede andere Religion, den Beruf jedes Einzelnen an, seine Religion, ganz und ungetheilt in sein Gemüth aufzunehmen, und ohne fremde Vermittlung mit seiner Persönlichkeit, mit seiner individuellen Empfindung in das Leben derselben einzugehen". Mit einer erst im Entstehen begriffenen Institution, welche eine bloße Manifestation des Strebens nach einem gewissen Ziel, eine bloße Aeußerung des erst zu befriedigenden Bedürfnisses -sein will, darf man es nicht so genau nehmen, und ihr manche einzelne Inkonsequenzen, manche sanguinische Hoffnung zu gute halten. Wir' wollen daher auch nicht» das Schwankende und Unbestimmte manches Ausdruckes hervorheben; nicht die einzelnen Widersprüche rügen, daß bald Alles von jedem Individuen für sich, bald von der gesammten Gegenwart, und bald wieder hauptsächlich von den kundigen Meistern abhängen soll; ebensowenig wollen wir unfern Zweifel geltend machen, ob die von Menschen, ohne göttliche Inspiration, statuirten Formen genügen würden zur Befriedigung des religiösen Bedürfnisses aller Mitglieder des Vereins, das wohl bei vielen verschiedenen Individuen verschieden und eigenthümlich nuancirt sein wird, und daher auch leicht möglich, daß was den Einen erbauen, dem Andern gleichgiltig lassen, und dem Dritten gar lächerlich Vorkommen kann. Wir wollen nur an die Sache selbst gehen, und sehen ob dieses Streben an und für sich keinen Widerspruch enthalte, und ob der Geist der heiligen Schrift dasjenige, was zur wahrhaften, im Geiste unserer Religion wurzelnden Gottesverehrung gehört, Elemente enthalte, für die, nach eignem Gutdünken, nach einem subjektiven und zeitgemäßen religiösen Bedürfniß zu bildenden Formen, oder ob jener biblische Geist es nur überhaupt gestattet, daß man den Herzensregungen immer genüge und die innere Religiösita't nach belieben befriedige, und nicht vielmehr diesem Gefühle wie jedem anderen Schranken setzen, und sie nur in den einmal statuirten Formen manifestiren lassen müsse. Wer aber die jüdische Bibel nur mit einiger Aufmerksamkeit prüft, und im Stande ist, sich vom Einzelnen und dem Buchstaben zum Allgemeinen und dem Geist zu erheben, der wird unseres Erachtens zur Genüge ersehen, daß es derselben nichts weniger als gleichgiltig ist, welchen-Schwung das religiöse Gefühl bei dem Menschen nimmt,' auf welche Weise er dessen Bedürfniß befriedigt, und welche Wichtigkeit er dieser Befriedigung beilegt, daß sie weit davon entfernt ist, das menschliche Herz in dieser Hinsicht sich selbst zu überlassen, und alle Mittel gut zu heißen, die es wählen möchte, seinem innern Drang zu genügen. Das Opfern war unstreitig das hauptsächlichste und allgemein verbreiteste Mittel zur Befriedigung des religiösen