Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1845)
- Date
- 1845-06-18
- Page
- Seite 197 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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197 in der Machtv ollkommenheit des Kaisers begründet sein kann. Sehr auffallend scheint es darum, daß die Ta-' gespresse, die sich sonst so angelegentlich um die Zustände Rußlands kümmert und . namentlich den Interessen der unglücklichen Juden in der letzten Zeit so viel Aufmerksamkeit geschenkt hat, von diesem hochherzigen Befehle nichts zu berichten gefunden und so wenig Aufhebens davon gemacht hat. In Rußland hat man indessen diesen Gnadenbefehl des Kaisers in seiner ganzen Bedeutung erkannt, und die Juden namentlich wußten ihn sehr zu würdigen. Es haben'sich-Tausende, ja in einer Stadt, welche, wie mir.bewußt ist, höchstens 3-— 400 jüd. Familien zählt, 150 Familien für den Ackerbau eiuschreiben lassen, und so verstummten in der letzten Zeit auch die Klagen, man war guter Hoffnung, und darum bekamen die Zeitungen von diesseitigen Beobachtern an der Grenze nichts zu berichten. Nun beginnen aber leider die Klaffen wieder, und Pflicht der deutschen Presse ist es,, sie in allen Kreisen zu verbreiten, daß sie .zum Ohre des erhabenen Kaisers getragen werden. Wird doch in unserm Nachbarstaate die Milde des Kaisers und ferne Gnade so oft vergällt, dringt doch seine Selbstständigkeit und Umsicht leider .nicht überall durch. „Der Kaiser ist zu weit und Gott zu hoch, " und so geschieht in Rußland, was der Unterbamte will oder für sich gut hält, nicht was der Kaiser beschließt. So geschah es auch mit den Ueberweisungen der Ländereien. Die Behörden, die beit armen Unglücklichen nicht vergönnen, in der Nähe ihrer Wohnorte Land einzunehmen, wo dessen doch genug zu'haben wäre, legen ihnen so viele Schwierigkeiten in den Weg , daß man Unrecht thun würde, wenn man Alles dein Eigennutz allein beimessen wollte, denn Vieles fällt der Unwissenheit und dem Judenhasse zur Last. Man meint, den Juden batffeine Erleichterung werden, und beachtet nicht,, daß ohne gehörigen Beistand und Unterstützung die Umwandlung aus dem Handelsstande, dem die Juden bisher angehörten, in den ackerbautreibenden fast unmöglich ist. Und in der That ist sie bei der Amtsverwaltung der jenseitigen Behörden .den Juden fast-.unmöglich, und düster eröffnet sich, ihnen die Zukunft. Nicht nur die Noch, die ihnen droht, da der Grenzhandel fast ertödtet ist, der Binnenhandel aber die Menge nicht ernähren kann, und sie außerdem in vielen Geschäftszweigen, wie dies bei dem bedeutenden Verkehr mit Branntwein und dem Sitz in Wirthshäusern auf dem platten Lande der Fall ist, beschränkt sind: die Angst vor dem Schreckenszorn des Kaisers drückt noch mehr die in die Zukunft blickenden Gemüther nieder. Wenn ' er einst seinen edeln 'Vorsatz nicht ausgeführt sehen wird, den wahren Grund aber nicht kennt, wenn er nach wie vor die Juden in ihren frühern Zuständen fortvegetiren sehen wird und ihnen die alleinige Schuld beimißt, indem er sich bewußt ist, was an ihm lag, dargcboten zu haben, so wird wieder seine verhängnißvolle Strenge und sein Zorn, die in dem bekannten Ukas sich Luft gemacht und noch kaum beschwichtigt sind, über das Haupt der armen Juden losbrechen, und nur Unheil können sie erwarten; wer aber will sie dann erretten aus der Gewalt dieses Herrschers? Und doch ist man hier, wo man die Vorgänge im jenseitigen. Reiche genau im Auge hat und kennt und die Willkür der Unterbeamten zu beobachten Gelegenheit hatvon der Unschuld dieser Unglücklichen überzeugt; sie find bei einer solchen Verwaltung außer Stand gesetzt, die weisen Absichten des Machthabers auszuführcn. Möge darum diese Stimme Widerhall finden, weil es noch Zeit ist, in unserm Vaterland, und so bis zu den- Ohren 'des Kaisers dringen, damit er. nicht die Unschuldigen verurtheile, daß er mit Strenge über die billige Ausführung der edeln Eingebungen seines Herzens wache und durch lügenhafte Berichte sich nicht täuschen lasse. (D.A.Z.) Die ersten Regungen einer deutsch - jüdischen Kieehe. XVIII. Die gegenwärtige Bewegung hn Judenthuur und Stern in Berlin. (Von T.) (Erster Artikel.) ' Die .gegenwärtige Bewegung im Iudenthum, ihre Berechtigung und ihre Bedeutung von Dr. S. Stern. Berlin bei C. I. Klemann, 1845. Es ist nicht die Anzeige und Beurtheilung einer blosten Schrift, das Produkt eines einzigen Individuums, welche wir uns zur Ausgabe machen, sondern die einer kürzlich ins Leben getretenen Institution, einer Association vieler Juden Berlins, zur zeitgemäßen Reform des Iudenthums, deren Entstehungsursache, Princip, Charakter und Zweck, vorliegende Schrift erörtert, und welche um so mehr Beachtung verdient, als sie mehr Ausdehnung und Konsistenz zu gewinnen scheint, wie die andern derartigen Versuche, die ihr vorangingen. Nach dem Bilde, welches der Verfasser uns von derselben entwirft, der bescheidenen Stellung die sie einnehmen will, dem subjektiven und rein geistigen Motiv derselben, wie der nur innerhalb eines gewissen Kreises sich geltend machenden Tendenz, kann ihr wohl selbst derjenige nicht alle Achtung versagen, der ihre Ansichten nicht theüt, und ihre in Aussicht gestellte Verwandlung in eine selbstständige religiöse Korporation, theils für unausführbar, theils für antijüdisch hält. Dieselbe ist nach dem Vers. (S. l8 f.) für jetzt nichts