Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1845)
- Date
- 1845-06-18
- Page
- Seite 199 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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- 199 - Bedürfnisses: warum hat die Bibel dasselbe bloß auf den Tempel in Jerusalem beschränkt, und fast den ganzen Akt, bei »welchem die Religiosität wohl so viele Nahrung finden konnte, nur den Priestern in Händen gegeben, sie, deren Gebote fast alle auch für den Laien statuirt sind? Warum hat sie gerade hier eine Ausnahme gemacht, wie bei dem Tempelbesuchen, das sie eben diesen erschwerte? Warum gebietet sie nicht das tägliche Beten, die tägliche Andacht, oder Beten und Andacht überhaupt? (unfern.Reformatoren gegenüber glauben wir kaum die nur von Maimuni adoptirte Deutung des' berücksichtigen zu müssen.) Warum ist so lange gezögert und nicht, befohlen worden, das einzige Gotteshaus in der ganzen Ludenheit dauerhaft, seiner Würde entsprechend, aujzubauen, auszuschmücken, und so einzurichten, daß es das Gemüth entstammen und den damals gewiß noch weniger als jetzt für das blos Abstrakte empfänglichen Sinn der Menge, für Religiosität und Andacht begeistern soll? Warum hat es Gott fast getadelt, als der König David den Wunsch äußerte, ein solches zu erbauen? „Wo ich, sagte er, mit allen Kindern Israels hinwandelte, habe ich geredet zu irgend einem Stamme Israels, dem ich befohlen habe, mein Volk Israel zu weiden, und gesagt, warum bauet ihr mir nicht ein Cedernhaus?" (Samuel 2, 77) Warum ist derjenige König, der endlich dem Gotte Israels, einen schönen und pompösen Tempel aufführte, gerade derjenige gewesen, der im tugendhaften und gottgefälligen Leben, wie in sich Fern halten vom Götzenienst seinen Vorgängern weit nachstand? Warum haben >dle Propheten, die Opfer, das Te mp elb e su ch e n, die Andachts-Versammlungen an den Neumonden und Feiertagen, das Fasten, mit solcher Geringschätzung behandelt, während ihnen die Speiseg e s e tz e, die S a b b a t r u h e, das V e r b o t d e r gemischten Ehen, wie das Leben nach dem Gesetze überhaupt so heilig waren? Erhellt nicht aus allem diesen, daß die heilige Schrift wohl dieses göttliche Gefühl berücksichtigte, und Formen feststellte, durch welche es im Volke, erweckt, erhalten, und genährt werden soll, die aber zugleich durch ihren bestimmten, unabänderlichen und begrenzenden Typus, gleichsam als Damm dienen sollte, dessen Austreten, dessen übergebührendes Steigen zu verhüten. Und wie leicht ist es nicht, die weise Ursache, dieser göttlichen Regulirung und Beschränkung der Religiosität einzusehen! Fragen wir nur die Erfahrung, die Annalen der Ge: schichte, und sie werden uns zur Genüge belehren, wie keine Ausartung irgend einer menschlichen, physischen oder moralischen Kraft, wie keine einzige Leidenschaft so viel Unheil, Elend, und Unmoralität auf Erden gestiftet hat, als die Ausartung der Religiosität; sie . werden uns erzählen von den enormen Unthaten, die verübt worden sind, durch ihre Veranlassungen oder unterihrerAegide. Wer kann die unglücklichen Schlachtopfer dieser Hydra zählen? Wer alle die verschiedenen Plagen, die verschiedenen Laster angeben, die sie zur Welt förderte? Wie viele Myriaden verloren nicht ihr Leben, ihre Tugend, ihre Freiheit und ihr Ekgenthum, wie viele wurden njcht als Opfer geschlachtet, prostituirt, -eingekerkert lund beraubt zur Ehre der Götter, zur Befriedigung des religiösen Gefühls, durch den Wahn des Glaubens und die Ränke der heidnischen Priester? Und doch war dieses alles noch nicht der Uebel größte, und nurgeringe ist es zu nennen im Vergleich zu dem schauderhaften und beispiellosen Elend, das die Welt heimsuchte, als man vom religiösem Eifer verblendet und getrieben, die ganze Menschheit selig machen und zur wahren Religion bekehren wollte; selbst diejenigen deren Religiosität von den Strahlen der Vernunft einigermaßen beleuchtet wurde, die die Religion läutern und von Misbräuchen befreien wollten, kannten in ihrem religiösen.Eifer keine Schranken, und verübten nicht minder die abscheulichsten Grausamkeiten und Laster. Wem sind nicht die unmenschlichen Mordthaten, die schändlichen Verwüstungen, wie der zügellose Fanatismus der Taboriten, dieser ersten Vorläufer der Reformatoren der Neuzeit bekannt? Wenn nicht die blinde Wuth, die Blut und Rachgier der verschiedenen religiösen Sekten, bis auf unsere Zeit, welche kaum die Popularist'rung der Philosophie im vorigen Jahrhundert um etwas gemildert hat? — Wie kann uns daher noch wundern, wenn die göttliche Gesetzgebung, um uns vor solchen Grauelthaten in unserer Mitte zu;verwahren, die Religiosiität beschränkt, und streng verboten hat, ihr Bedürfniß nach Willkür zu befriedigen? Welche Wohlthat müssen wir dabei erkennen, und wie sehr uns hüten, diese Gesetze nicht zu übertreten, und die von Gott vorgeschriebenen religiösen Formen, keinesweges durch neue, unserer Herzensregungen entsprechendere zu remplaciren, wodurch alle Schranken gebrochen, und aller Ausartung freien Spielraum gelassen werden wird. „Vielleicht, heißt es in der heiligen Schrift. (Deut. 29. 17—19) „giebt es unter Euch ein Mann oder ein Weib, eine Familie oder einen Stamm, dessen Herz sich heute abgewendet hat von dem Ewigen unfern Gott, daß es hingehe und diene den Göttern dieser (obengenannten) Völker; es würde vielleicht eine Wurzel unter Euch sein, die Galle und Wermuth trage, und obwohl er schon hörte die Worte dieses Fluches, dennoch sich segenen wird im Herzen, sagend, es wird mir doch Friede sein, ich wandele ja nur nach meiner Herzensweisung, damit ich noch mehr sättige meinen (religiösen) Durst, dann wird Gott kein Erbarmen haben mit ihm." Wollen wir daher Juden sein, und nach dem Geiste des Judenthums handeln, so dürfen wir eben im Religiösen nicht unserer Herzensweisung, dem Drange unseres Gemüthes folgen, sondern den göttlichen Gesetzen. Aber, wird so Mancher sagen: Wir wollen ja keinen fremden Göttern dienen, und nur dem Gotte Israels; unser Herz drängt uns nur zu einer „im Geiste unserer Religion wurzelnden Gottesverehrung!" Allein kennt Ihr denn den Gott Israels? Wißt Ihr denn nicht, daß man dem Gott Israels nur damit dienen kann, daß man seine Gesetze beobachtet? — Ein Gott, den man durch Gebete bewegen, durch Lieder und Gesänge gleichsam bestechen will, ist nicht der Gott Israels,