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Der Orient · 1845-06-11 · Heft 24 (11.6.1845) · p. Seite 190

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Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 24 (11.6.1845)
Date
1845-06-11
Page
Seite 190 (sequence 11)
Language
German
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190 miren, gestalten um, und legen das alte ehrwürdige Gewand des alten unerschütterlichen Glaubens ab, den Rabbi Hirsch Lehren an der Spitze. Auch die Orthodoxen werden „neumodisch", werden „link" oder linkisch, und bald wird man mit dem heiligen Sänger ausrufen können: Hin ist jeder Fromme, die Getreuen sind nicht mehr. §kas Ideal der Orthodoxie, welches mehr oder weniger vielen Männern der Gegenwart noch vorschwebte, war: Tag und Nacht -im Gesetze Gottes und in der ,12 min Zu forschen, die Welt und ihr Treiben zu ignoriren, und nicht ein Haarbreit von den Satzungen zu weichen, die das ganze Leben ausfütten müssen, und wenn sie auch der letzte ungarische Rabb. herausgeklügelt. Wie ist dieses anders geworden! Auch die Orthodoxen haben sich von den Verlockungen der Welt hinreißen lassen, die heilige Sprache der Väter aus ihrer Gemeinschaft verwiesen; auch die Orthodoxen wollen die Zeit verstehen, nicht die alte der Seher und Propheten, der cMiMni MN, sondern die sündige durch Diskussion den Glauben zu Grunde richtende Zeit, und in diesen Verlockungen der john N'TüD, b. h. der Kehrseite des Iudenthums, wollen sie den Glauben und die nNT tobt disputicen; sie wollen nicht mehr jene heilige Unmittelbarkeit des Gemüths im Glauben, sondern auf der. Folterbank des Verstandes soll jede Satzung gelegt werden, bevor man über sie richtet, wo die Erfahrung (ehrt, daß eine Freisprechung nicht mehr nützt, da die Gefolterten schon gestorben. Doch ich will ohne Bild sprechen. Die frommen Rabbiner, die des Vaterlands und des Auslands, 116 an der Zahl, haben sich vereint, „einen treuen „Zions-Wächter" herauszugeben, um, wie sie in einem so eben,erschienenen Prospektus angeben, „die Interessen des Orthodoxen Iudenthums zu'wa hren". Unsere frommen Väter hätten es sich nicht angemaßt, den Unterschied zwischen einem orthodoxen und linken Judenthum zu-machen; sie kannten nur ein ewig unabänderliches, ungetheiltes Iudenthum, und wer die Gebote verachtete, wer an ,12 hy'ZW min nicht glaubte, war kein Jude. Ohne Orthodoxie war ihnen kein Iudenthum denkbar. Die entarteten-Orthodoxen der Gegenwart sind anders geworden; auch die Neumodischen, die Linken, die Reformisten, die Rabbiner des Braunschweiger Concils sind ihnen Juden und ihr Bekenntniß Iudenthum; nur wollen sie die Interessen ihrer abweichenden Meinung aus Eigensinn wahren. Unsere bleichen Orthodoxen geben zu, daß auch die andern ein Iudenthum haben, indem sie das Ihrige nur für besser halten, während unsere Vorfahren diese Koncession niemals gemacht Härten. Als die Kar äer ,12 bpDW mm verwarfen und mir inniger Liebe sich der zsrOD^ mm anschlossen, wurden sie wie Nichtjuden behandelt und aus aller Gemeinschaft ausgestoßen, ja man hat sogar ausgesprochen [nnnn1? DD. Hätten unsexe Halbfrommen gesagt: „Die Interes se n d e s Iudenthums z u w a h r e n ", so hätten sie doch wenigstens nicht das Zugeständniß gegeben, daß auch die Frankfurter und Berliner Reformisten Juden sind. Wenn aber die Reformisten Männer des Iudenthums sind, so ist der „Israelit" ein Organ des Iudenthums, und eine Orthodoxie, die das glaubt, steht auf dem Standpunkt der Berliner Reformisten. Denn auch jene suchen mit denselben Worten des Zionswächters „ein gründliches F 0 rschen und Schöpfen aus dem Quell alles Wi ssens, j e nes Eindringen in den wahren Geist der Gotteserkenntniß und somit in den ge0sfenbarten Urquell des Gesetzes", und wenn sich bei ihnen das Resultat anders herausstellt, so ist es nur ein gelehrter exegetischer Streit, bei welchem die Orthodoxen, da sie den Boden des ahnenden Gemüths verlassen, im Unglauben untergehen müssen. Gotteswort darf nicht geklügelt und gedeutelt werden, sondern empfunden und^geahnt; wer die Rüstkammer des innigen Glaubens verläßt und auf der Bühne der Verstandesspekulation die Glaubenswahrheiten' herausdisputiren will, der hat längst den Glauben verloren. Aber das hundertsechszehnköpsige Komitö der sogenannten gläubigen Schaar verläßt nicht nur die seit Jahrtausenden vorgezeichnete Bahn des Gemüths und des kindlichen Glaubens, sondern das ganze Princip des Wächters ist, nach dem Prospekt zu urtheilen, ein christliches. Christus sagt: Ich bin nicht gekommen zum Frieden, sondern zum Krieg; der Bruder soll aufstehen wider den' Bruder. Diese Devise des Weisen von Nazaret ist die Glaubensformel unserer heutigen nun in einem Zeitungsblatte sich sammelnden Orthodoxen, sie ist die Aufschrift ihrer Fahne, aber auch die Grabschrift des wahren, gläubigen Iudenthums. Der „treue Zionswächter" will den Kampf und nicht den Frieden, er will den Widerstand, die Anfeindung, den Angriff, aber nicht die Versöhnung, nicht die völlige Duldung, nicht das Verständnis; er will der Verläumdung den Fluch des' Berges Gerisim, der Anklage die Gegenklage, und der abweichenden Meinung Hohn und Spott entgegensetzen. Der „treue Zions Wächter" will Bruder gegen Bruder aufregen, aber nicht den Zwiespalt der jüdi- , schen Gegenwart versöhnen. Wie dieser Spruch des Neuen Testaments, so scheint der „treue Zionswächter" das Christenthum überhaupt als entscheidendes Moment des Iudenthums anzusehen und als ein solches Moment wird auch nach Christi Geburt gezahlt. Welcher Abstand von dem orthodoxen Iudenthum der srühern Zeit! Und. doch meint der „Wächter", daß Frankens Monatsschrift nicht jüdisch genug sei, daß ihre Unparteilichkeit nur ein leerer Schall, und die Orthodoxie dort höchstens tolerirt fei'! Zum Ruhme des Prospektus muß man aber sagen, daß diese Verläumdung nicht isolirt, daß der Plan zu einem Zankblatte schon selbst ein Zank, daß Anfeindung und Verachtung der abweichenden Meinungen schon in Umrissen gezeigt werden. Ich wünsche übrigens dem Konnte, daß der „Wächter" nicht zu einem “)D)&y (vergeblichen Wächter) werden möge, damit die Feinde des Iudenthums nicht sagen mögen: sehet, das leisten 116 Rabbinen, indem sie die Orthodoxie redigiren; ich wünsche Hrn. Dr. En och, der provisorisch als Wächter diese chaotische Nacht zu redigiren hat, daß man von ihm nicht wie von seinem Namensvet-

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