Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 6 (1845)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1845)
- Date
- 1845-06-11
- Page
- Seite 189 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- 189 Verwildernng und UnfiitXtur, alle SeMvernachlässigung und Entfremdung abgelagert zu haben scheint, diese bü zarren Anzüge, die der Hohn voriger Jahrhunderte zur Brandmarkung der Juden erfunden, muß jeden Vernünftigen um so unglückseliger erscheinen, als sie nicht einmal jüdisch ist, und nur die Gewohnheit sie dem Juden, wie dem Sklaven die Ketten, zu einem Gegenstände der Verehrung und des Fanatismus gemacht. In dieser Tracht liegen alle Henunnisse zur Bildung und Civilisirung der Juden in Rußland, in ihr die Quelle aller Abgeschlossenheit, die Unkenntniß der vaterländischen Sprache, das träumerische'Leben in einer Vergangenheit, die für die Gegenwart untauglich macht, und selbst körperlich sind die Juden Rußlands durch diese Tracht verkrüppelt. Mit welchen Segnungen und Daukgefühlen wir den Ukas über die Umänderung dieser Tracht begrüßten/ werden Sie leicht begreifen. Zwar wissen wir, daß der Fanatismus über diese Gnade trauert, daß der Aberglaube in diesem -Gewände die Wahrung des JndenthumS sieht, aber wir haben auch die feste Ueberzeugung, daß unser großmächtiger Kaiser durch diese Schattenbilder sich nicht beirren lassen wird, daß unsere Herren Gouverneure, obgleich es ihnen bis 1850 anheimgestellt ist /sich von den Deputationen und Bittschreiben des fanatischen Theils sich in dem Civilisationswerke nicht hemmen lassen werden. Wir verfallen um so mehr auf die Einsicht unserer Gouverneure, als Einige mit wahrhafter Hochherzigkeit und Begeisterung die Vollziehung dieses Ilkases übernouune'n, wie die ausgezeichnete Anrede unseres Kriegs-Gouverneurs, des Hrn. von Kamensky, Excelleuz, die er in'Anwesenheit der ganzen Schitomirer iSr. Gemeinde tm März dieses Jahres gehalten, beweist. Diese Anrede lautete: ,,Bereits theilte ich euch durch,die Polizei den allerhöchsten Befehl hinsichtlich der Abschaffung der jüdischen Tracht mit. Heute bestätige ich persönlich, daß vom 1. Januar 1850 diese Tracht gänzlich verboten bleibt, bis dahin aber eine Steuer für dieselbe festgesetzt wird, von welcher natürlicher Weise die freiwillige Ablegung dieser Tracht befreit. Allein ist es zu hoffen, daß Jemand freiwillig diesem gehorchen wird, und werden überhaupt vieler solche Leute sein? Ich weiß kaum einen Theil, oder was sage ich vielleicht Niernanden, der vor dem Jahr 1850 diese Tracht ablegen wird; denn jeder sieht auf den Andern, die niedrigen Klassen auf die Kaufleute, diese ans die Rabbiner, und wenn euere Reichen, deren Stolz und Eitelkeit in den fanatischen Gebräuchen besteht, kein Beispiel im Ablegen der Tracht geben werden, so wird die ärmere Klasse, welche von der Gnade der Ersteren sich erhält, geneigt sein das letzte zu erkaufen, die Steuer bis 1850 ^zu zahlen, um sich nicht die Misgunst der Reichern zuzuziehen. Schande, Schmach und Spott! Ihr verdient keinesfalls die väterliche Gnade unseres guten Monarchen, ihr seid nicht/vürdig seiner Wohlthaten! Versunken in Aberglauben, sind euere Herzen gefühllos für das Heilsame dieses Befehls; die Strahlen der Sonne scheinen euch Afrikanern gleich schädlich; Ihr vertragt nicht die reine Atmosphäre derBildung. Fahret hin nach allen Weltseiten, findet ihr irgendwo Einen, der einem orthodoxen Juden Rußlands ähnlich sei. In England, Frankreich, Preußen und Deutschland ist die Finsterniß des Aberglaubens längst verschwundene; die Sonne der Aufklärung wärmt schon längst ihre Herzen; dort glänzen sie schon längst durch Künste und. Wissenschaften, bekleiden wichtige Posten irn Staate und in bürgerlichen Versammlungen, sind nützlich dem Vaterlande und der Staat ist stolz ans sie; sogar in der Türkei und in Persien sind die Quellen des Aberglaubens und des Vorurthcils versiegt und die dortigen, Juden unterscheiden sich weder durch die Bräuche Ihres Landes noch auch durch eine- Schandtracht. Wie aber verdunkelt in diesem Weltstriche der Aberglaube Die Augen der Juden, und wie bis znr vollkommenen Verblendung sind sie bei ihnen eingewurzelt! Ihr erscheint in Rußland wie eine Horde von Asiaten ohne Erziehung, ohne Sprache, als wahre Egoisten; ihr unterscheidet euch...von der ganzen Wett durch enern angeborenen Eigensinn, durch euern ungebildeten Charakter. Ist es zum Verwundern, daß Jedermann euch scheuet und mit grellen Farben euch zeichnet? Von mm an öffnet sich euch eine neue Laufbahn, welche durch die unaussprechliche Güte des Kaisers euch zu dauerndem Glücke führen wird, und der Staat bezweckt euch physisch und moralisch zu bilden, will euch allen gebildeten Israeliten gleichstellen; der Monarch sorgt für euren Wohlstand und wünscht euch zu beneidenswerthen Glücklichen zu machen. Auch ich, gleich meiner Regierung, strebe für euer Wohl, will euch mit keiner großen Steuer belasten, um euch zu überzeugen, ob ihr den allerhöchsten Willen vollzieht und euere Tracht ablegt, um euch den übrigen Einwohnern gleichzustellen. Ich wünsche, daß die Einwohner meines Gouvernements mit gutem Beispiele vorangchen, und ich prevenire Sie^ daß die geringste Zögerung oder Veranlassung zu Zwangsmitteln Euch viel schaden wird; die unbeschreibliche kais. Gnade verschreibe ich aber demjenigen, der seinen Willen eifrigst vollziehen und den fürchterlichen Zorn für diese, die sich widersetz cn." Die ersten Regungen einer deutsch - jüdischen Kirche. XVII. Die Zugeständnisse der Zions-Wächter. tniBN ‘IDD , TDn T3K. ' Won der Elbe, 1. Juni. Auch die Gläubigsten refor-