Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1845
- Issue
- 23 (4.6.1845)
- Date
- 1845-06-04
- Page
- Spalte 359-360 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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360 359 Studie». Das Bredexweib. stabe ist erst"bas zweite und entferntere Medium, Begriffe , darzustellen, und das Lebendige und Flüssige des Gedankens hat sich in ihm schon mehr versteinert. Ein geschriebenes Wort involvirt mithin auch sogleich seine Auslegung, die dann eine möglichst richtige und wahre wird, wenn der Ausleger den Buchstaben zu, befreien und ihn m den geistigen Zusammenhang, worin er sich früher befunden, wieder zu bringen sucht. Liegen aber andere Zwecke ihm noch vor Augen, oder dringen sie sich unwillkürlich auf, siebt er die Ideen seiner Zeit in dem Gegebenen1S) oder überträgt er sie absichtlich in dasselbe, hat er apologetische, belehrende Zwecke, so muß er von der objektiven Erfassung des Sinnes abstrahiren, indem er jene verfolgt. Diese Absichten waren am leichtesten erreicht, wenn man sie an die Auslegung einer Schrift knüpfte , deren Aussprüche bindende Kraft hatte , daher war es natürlich, daß man zu diesem Zwecke die Schriften, die dem Volke heilig waren, benutzte, und unter den Juden das heiligste, die Bibel. Das gläubige Bewußtsein suchte hier nicht blos den einfachen Sinn zu erforschen, sondern die Ideen, die seine Zeit bewegten, wurden in sie übertragen, Belehrungen an passende Orte geknüpft, das Heilige -in ihr, das irgendwie mißverstanden werden könnte , wird apologetisch behandelt, praktische Lehren oder rituelle Gebräuche werden dann näher bestimmt, wenn, wie dies nicht zu vermeiden ist, der Buchstabe des Gesetzes nicht alle Modifikationen desselben angeben konnte, zumal diejenigen, die durch Veränderung der Zeit und des Ortes hervorgebracht wurden. Auf solche Weise nun die heilige Schrift zu behandeln, gehört mit zu den Geschäften der Tradition und solche Behandlungsweise ist wohl sin dem Sinne eine geistige zu nennen, insofern sie den tobten Buchstaben der Schrift lebendig und den jedesmaligen Zeitbedürsnissen entsprechend macht; sie wird sich aber auch von reiner Objektivität immer mehr entfernen; der Subjektivität immer mehr Raum geben, und zuletzt damit endigen, daß das, was früher unbewußt dem gläubigen Bewußtsein entsprungen, zur selbstbewußten Methode und nach gehöriger Ausbildung zu einem Mechanismus wird, der seinen Ursprung bis zur Naivität verkannte, indem der ursprüngliche Gedanke so umhüllt wurde, daß man ihn nur durch Vergrößerungsgläser erkennen konnte, oder zu einer Zeit apotheosirt wurde, als schon ohnedies die langen Vorhallen zu seinem Allerheiligsten den Weg bis zur Ermüdung erschwert hatten 16V 15) Siehe oben. 16) Die jüdische Tradition ist meist in den Werken des bab. und jerus. Talmuds und der Midraschim niedergelegt. Die verschiedenen Seiten derselben, die wir oben angedeutet haben, geben den Grund zu der Einteilung in Halacha und Hagada, jene die praktische Gesetzerweiterung, diese die poetisch-moralische, sagenhafte und allegorische Einkleidung in sich schließend. Jedoch ist diese Grenzscheidung nicht so genau festzuhalten, da jeder Theil oft in das Gebiet des Andern übergreist. ' Ein eigenthümliches Verha'ltniß der Tradition hat nun unsere Übersetzung, bedingt durch den Zweck derselben. — Wie wir nämlich bereits wissen, wollte man die heil» Schrift, nach der Vorschrift des Gesetzes, in der dem Volke kundigen Sprache vorlesen, und ihren Inhalt demselben emschärfm. Diesen Zweck erreichte man, wenn man sich möglichst treu an das Original hielt, weil die Uebersetzung, als sein Substitut, ihm so viel wie möglich ähnlich sein mußte, auf der andern Seite aber sollte der moralisch-praktische Einfluß der heil. Schrift nicht aus den Augen gelassen werden, die Uebersetzung sollte dem Volke auch die religiösen Pflichten einschärfen und zwar sin der Weise, wie sie durch die Tradition, oder wie sie durch die Zeitverhältniffe sich gestaltet hatten, und so. mußte man. von dem Buchstaben des Originals abweichen. Unsere Uebersetzung hält daher die Mitte zwischen der wortgetreuen, aber auch schon von Zeitverhaltniffen sinfluirten Septuaginta, und der paraphrasirenden Weise des jerusalemischen Targums, nur an poetischen Stellen, wie Gen. 49, Exod. 15. Deut. 82 u. a. a. O., nimmt sie fast die Gestalt der letzter» an. ' (Fortsetzung folgt.) . b'N r.D Das Biederweib. (Eine freie Uebersetzung des letzten Kapitels der Sprüche Schelomo's.) Wer ein Biederweiv errungen. Dem ist großer Kauf gelungen Köstlicher als Perlenwerth.— Wie des Gatten Herzsie ehrt; Weil .sie auf. das Haus bedacht: Sich kein Mangel fühlbar macht. Liebevoll stets sein sie pflegt, Daß kein Kummer ihn bewegt: Ist allein ihr ewig Sinnen. So ergreift sie Woll' und Linnen, Leget freudig an die Hand, Hasset Müssiggang und Tand. Ist dem Kaufmannsschisse gleich, Schwer beladen voll und reich, Das von Fern Gewinn gebracht, Stehet auf noch wahrend Nacht, Theilet Arbeit aus und Brod, Daß nichts Mangel leid' und Noth. Denkt an Acker und auf's Feld, Daß sie Alles wohlbestellt; Pflanzet. Weinberg mit den Händen. Gürtet muthig ihre Lenden, Schürzet rüstig auf den Arm, Wirkt nun thärig ohne Harm. Ob der Frucht erfüllter 'Pflicht Lischt sie Nachts die Lampe nicht,