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Der Orient · 1845-06-04 · Heft 23 (4.6.1845) · p. Seite 179

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Journal
Der Orient
Volume
6 (1845)
Issue
Heft 23 (4.6.1845)
Date
1845-06-04
Page
Seite 179 (sequence 5)
Language
German
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179 Zeitgeist verlangt eine Reform.des Judenthumö, wendet sich deshalb zunächst an die Orthodoxie, und wird von derselben pure abgewiesen, weil der Talmud ewige Kraft behalten muß, und davon nicht gewichen werden kann. Auf die Frage: was ist Talmud? erhalten wir die Antwort: das mündliche Gesetz. Es steigt nun aber in uns unwillkürlich die Frage auf: Kann das mündliche Gesetz das schriftliche wohl theilweise aufheben, verbieten, was daS Letztere ertaubt, und ertauben was das Letztere durchaus verbietet, da es doch ausdrücklich darin heißt: Ihr sollt es weder vermehren noch vermindern! Jeder Vernünftige wird bei reiflicher Uebertegnng diese Frage nur mit einem Ja! beantworten, denn der größte Theil der Gesetze muß stets dem Lande, dem Volke und der Zeit angemessen sein. Die Zeit des Talmuds war eine ganz andere wie jene am Sinai. — So war der Talmud z. B. genöthigt, eine Ehe zwischen Juden und Richtjuden zu verbieten, obgleich es durch Moses ausdrücklich erlaubt war, und selbst die höchstgestellte Person s. Z. in Israel,' der Richter Boas heirathete die Moabiteriu Ruth; ,daß sie, trotz dem sie schon früher einen Juden zum Manne hatte, auch ihrem Glauben anhing, beweisen die eigenen Worte ihrer Schwiegermutter Naami nach dem Tode ihres Mannes: „Gehe zurück zu deinem Volke!" Der Talmud fand aber ein solches Gesetz zeitgemäß, weil das Judenthum jener Zeit sich von dem damaligen Heidenthnm fern halten sollte. Der Talnrud hob die Opfergesetze auf, weil sie blos dem Lande angehörteu, für das sie gegeben - Der Talmud führte ferner den zweiten Festtag ein, weil man jener Zeit stets mit dem Kalender im Zweifel war. Wenn uns nun aber Maimuni gelehrt, wie wir den Neumond auf Minute berechnen, kann da wohl der zweite Festtag noch Bindekraft für uns haben? Der Talmud fand eS zweckmäßig, die Speifegefttzö zu verschärfen, und dagegen die Sabbatfeier zu modifteiren. Wie sollte es auch uns armen Nordländern ergehen, wenn wir beim strengen Winter nicht heitzen lassen dürften, und dennoch verbietet solches das schriftliche Gesetz 2 B. M. 35, 3. Gerade der Talmud beweist durch sein Verfahren, daß Gesetze nach der Zeit, nach der Oertlichkeit und nach dem VolkSgeist modifieirt werden können und müssen. Das Judenthum ist auf zwei Pfeiler gestützt, und zwar auf zwei Pfeiler der Liebe. Der eineheißt: Liebe Gott mit ganzem Herze:: re. und der zweite: Liebedeinen Nächsten wie-dich selbst. Wodurch kann, nun aber der Mensch die Liebe zu Gott bekunden? Durch die Gottesverehrung! Legt nun einmal die Hand aufs Herz, Orthodoxen, und fragt euch selbst, ob Euer Gottesdienst füglich eine Gottesverehrung zu neu neu. ist. Unter den herrlichsten Gebeten, wie sie nur ein Judeuthum aufzuweisen hat, mischte sich eine Wgsse Pijuüm, die zwar sehr poesiereich, aber auch eb(u so inhaltarm sind, die den Betenden nur ermüden und die Andacht untergraben müssen. Wäre cs nicht an der Zeit, wenn die schönsten Gebete — aber auch nur Ge-' bete — womit uns ja der gefeierte königliche Sänger so reichlich beschenkt hat, in der altem Ursprache, die wohl :uit Recht den Namen ,,die heilige" verdient, hervorgehoben, auch deutsche Gesänge mit Musikbegleitung, (denn nur Musik kann zur Andacht stimmen) eingesührt würden. — Deutsche Gesänge und Musik! höre ich die Orthodoxen, das dürfen wir nicht zugeben; auch von den Pijutim darf nichts Wegfällen. Hierauf erwiedern wir aber: Betet Ihr nicht selbst Jekum Pnrkan, Berich scheine und ^mehr dergl. Gebete in babylonischer, damaliger Landessprache, wie sie von jenen großen Männern ihrer Zeit eingesührt wurden? Ist solches in Abrede zu stellen? Wurde ferner im Tempel nicht an den heiligsten Festtagen musieirt? Ja im Tcrnpel — da war es erlaubt, lautet Eure Antwort! dort geschah cs zur Verehrung Gottes , und bei uns soll es nicht minder zur Verherrlichung Gottes geschehen. Pijutim wollt Ihr nicht streichen, wer hat Euch aber denn ein Recht gegeben, die erhabensten Gebete, den größten Theil der Selichot am wegzulassen? Einigkeit, ernster Wille und Muth würden eine Reform erzielen, wie sie dem Judenthum würdig ist. Wir kommen nun zum zweit,:: Pfeiler: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst! — Dieses göttlich erhabene Gebot, daS den Menschen zum Nienschen erhebt. — Wem wäre wohl die herrliche Legende des R. Hillel nicht bekannt? Und dennoch gebietet der Talmud Absonderung. — Aber auch diese war zeitgemäß, um Israel von Götzendienst zu wahren, was wohl aus unsere Zeit keine Anwendung finden kann. Wie sollen Menschen, die an denselben Gott glauben, wie wir, mit denen wir grau geworden, von denen und mit denen wir leben, meiden, wir sollen weder Freuden noch Leiden mit ihnen theilen und sie dennoch wie uns selbst lieben. Welcher gewaltiger Widerspruch! Würde eine solche Liebe Gegenliebe erwecken-, muß sie nicht vielmehr MiStrauen, Haß und Erbitterung Hervorrufen, hat uns die Geschichte des Mittelalters nicht die traurigsten Folgen davon geliefert? und verdienten wir cs nicht, da wir das göttliche Wort so arg misbrauchten. Ihr seht ja, wie freundlich uns unsere christlichen Mitbrüder entgegen kommen, wie sie sich bemühen, unsere Lage zu verbessern, und uns gleichzustellen. Was bleibt uns dann zu wünschen übrig? Es ist daher vor Allem uöthig, daß das Gesetz aus den Zeiten des Heidenthums aufgehoben, und das alte.mosaische Gesetz in .dieser Beziehung wieder hergestellt werde. Verwandtliche Beziehungen werden uns an einander näher knüpfen, die Proselytenmacherei wird ihre Eudschast erreicht haben, und nicht fern würde der Tag sein, den uns der Prophet verheißen: es wird nur Ein Tag sein und Ein Gottesname. Wie aber nun dies schöne Ziel erreichen?

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